Ethik

Wachstum, ja bitte!

Mit der Finanzkrise kommt die Sinnkrise. Inmitten der Re-
zession ist nicht nur die Su-
che nach einem Ausweg in vollem Gange, sondern auch die nach einer neuen Wirtschaftsethik.
Angesichts der anhaltenden Konjunkturflaute und steigender Arbeitslosenzahlen stellen sich immer mehr Menschen die Frage, was sich ändern muss. Weiter wie bisher? Nein. Bei der Suche nach Alternativen in Zeiten der Kreditklemme und der schwersten weltweiten Krise seit den frühen 30er-Jahren verfallen viele in eine pure Kapitalismuskritik.
Auch Bundespräsident Horst Köhler, promovierter Ökonom, ehemaliger Vorsitzender der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und Chef des Internationalen Währungsfonds, beteiligt sich am Diskurs. Die Auffassung, dass Wachstum fundamental wichtig für das Gedeihen von Volkswirtschaften sei, war bislang ein Grundsatz ökonomischen Denkens. Doch das hat sich, so Köhler, überholt. Diese Idee ist gewissermaßen verpufft in einer geplatzten Blase von ge-
scheiterten Banken, meint nicht nur er.
Jahrzehntelang galt das Primat des Wachstums. Demokratisch gewählte Regierungen ließen sich an Wachstumsraten messen. Positive Zahlen verbuchte die Politik für sich, negatives Wachstum hatten immer andere zu verantworten – vom amerikanischen Immobilienhai bis zum Londoner Banker oder saudischen Ölscheich. Selbst die weitgehend akzeptierte Definition einer Rezession – zwei aufeinander folgende Quartale negativen Wachstums – beruht auf dem Wunsch nach Expansion von Volkswirtschaften.
Wenn man nun den Wachstumskritikern folgt, hätte man mit einem Streich der Rezession im herkömmlichen Sinne den Garaus gemacht. Doch wenn wir sagen, dass negatives Wachstum nichts Negatives mehr ist, verliert die Rezession dann all ihre Schrecken? Wohl kaum.
Die Ereignisse der vergangenen zwei Jahre geben genügend Anlass, Grundsätzliches zu hinterfragen. Auch die Grenzen des Wachstums. Zwei Punkte stechen dabei heraus: steigende soziale Unterschiede und die zunehmenden Gefahren für Umwelt und Klima.
Dass eine expandierende Wirtschaft eine Belastung für die Natur bedeuten kann, steht außer Frage. Dem ist aber beizukommen. Durch staatliche Regulierung zum einen und durch die Macht der Konsumenten zum anderen. Wenn der umweltbewusste Verbraucher sauberen Produkten den Vorzug gibt, wird die Wirt-
schaft diese Nachfrage schnell befriedigen wollen. Dieser Prozess ist in vollem Gange. Je entwickelter eine Volkswirtschaft ist, desto effizienter nutzt sie die natürlichen Ressourcen.
Zudem gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass Volkswirtschaften mit niedrigerem Wachstum umweltfreundlicher wä-
ren. Die sozialistischen Planwirtschaften des ehemaligen Ostblocks waren Musterbeispiele für allenfalls maues Wachstum – und trotzdem unsägliche Umweltverschmutzer. Das gleiche gilt bis heute für Drittwelt- und Schwellenländer.
Auch der Vorwurf, dass Wachstum soziale Unterschiede fördert, geht fehl. Die zwei großen Wachstums- und Produktivitätsschübe der jüngeren Geschichte – jene durch die industrielle Revolution im späten 18. Jahrhundert und jene durch die Revolution der Informationstechnologie der vergangenen 25 Jahre – haben in westlichen Ländern eine breite Mittelschicht entstehen lassen und konsolidiert. Der Lebensstandard der Menschen, gemessen an Versorgung mit Nahrungsmitteln und Luxusgütern, Hygiene, Gesundheitsversorgung und Mobilität, ist regelrecht explodiert.
Der durchschnittliche Einwohner eines westlichen Landes genießt heute einen Standard, von dem vor hundert Jahren selbst Könige nur träumen konnten. Hätte es das Wachstum als Indikator von menschlicher Kreativität und menschlichem Ehrgeiz nicht gegeben – bis heute würden die Reichen Kutsche fahren, einmal im Monat Fleisch essen und ein Fläschchen Parfum für den Gipfel des Luxus halten, während die meisten anderen mittellos blieben und früh stürben.
Wachstum, so sagt auch der renommierte Harvard-Ökonom Benjamin Friedman, ist kein unmoralisches Konzept. Solange seine Früchte bei der breiten Masse ankommen, sorge Wachstum für sozialen Frieden und Fortschritt, stärke Werte wie Fairness, Großzügigkeit, Toleranz und Demokratie.
In den vergangenen 50 Jahren haben sich viele Länder der dritten Welt mittels Wachstums von der Armut befreit. Etliche andere, unter ihnen Indien und China, stehen an der Schwelle. Ihnen die Tür nun vor der Nase zuzuschlagen – das wäre in der Tat unmoralisch. Die derzeitige Krise ist eine Krise der Finanzwirtschaft, nicht des Kapitalismus als solchem.
Wir brauchen den Wachstumsmotor nach wie vor. Die Verteilung des Ergebnisses ist die große Frage unserer Zeit – aber zunächst muss man etwas haben, das man verteilen kann. Auch Tikkun Olam, die Heilung der Welt, muss man sich leisten können.

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