Mechaje

Vorhang auf, Bühne frei

von Jürgen Stszak

Im Dezember vergangenen Jahres ist das jüdische Theater »Mechaje« aus Rostock mit dem Kulturpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet worden. Das war wie ein Geschenk zu seinem zehnjährigen Bestehen. Denn vor gut zehn Jahren hatten der Regisseur Michael Beitman-Korchagin und seine Ehefrau, die Schau- spielerin Marina Beitman, beide jüdische Einwanderer aus Russland, in Rostock die Keimzelle dieses Theaters gegründet.
Seither hat es sich zu einem kleinen, aber leistungsfähigen professionellen Theater entwickelt. Mittlerweile hat es mit seinen Aufführungen in mehr als 60 deutschen Städten mit rund 50.000 Besuchern gastiert. Das Jubiläumsjahr brachte auch die ersten Einladungen ins Ausland, beispielsweise zum Festivals nach Riga und Kiew.
Das Theater versteht sich – so sein künstlerischer Leiter Michael Beitman-Korchagin – »als ein Faktor der Wiederbelebung jüdischen Lebens in Rostock, in Mecklenburg-Vorpommern, ja in ganz Deutschland, indem es seinem Publikum die Schätze jüdischer Tradition und Lebensweise vermittelt.« Damit hat es auch kulturelle Resonanz über das jüdische Gemeindeleben hinaus gefunden, wie die Auszeichnung mit dem Kulturpreis zeigt. Der Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns Harald Ringstoff würdigte »den Beitrag des Theaters zum Verständnis der uralten jüdischen Kultur und gegen Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit«.
Das Spektrum der bisher mehr als ein Dutzend Produktionen ist weit gespannt. Es reicht von bunten Revuen jiddischer Lieder über Märchenstücke oder Stücke jüdischer Autoren wie Ephraim Kishon, Chanoch Levin oder Arkadi Chait bis zu selbst entwickelten Schauspielen wie den beiden Emigrantenromanzen »Dreck mit Pfeffer« und »Jackpot«. Dies wird von nur fünf Schauspielern geleistet. Neben den beiden Beitmans noch Olga Okrepilova, Juri Rosov und Alexander Lembersky sowie als Komponist und »Einmannorchester« am Keyboard Svyatoslav Charkovsky. Dazu ein kleinster »organisatorischer Apparat«: Eleonora Kirilova, Vasiliy Novak, Alina Novak.
Alle müssen vieles machen: Schauspielern, Singen und Tanzen, Beitman-Korchagin ist zugleich künstlerischer Leiter und führt Regie, Valentina Lemberska entwirft die Kostüme und Juri Rosov ist zusätzlich Dramaturg und schreibt zudem die neuen Stücke für das Theater, mit denen es »kulturelle Lebenshilfe für die nicht leichten Probleme der Integration jüdischer Migranten geben will«, sagt ihr Autor.
Dies alles geschieht auf einem künstlerischen Niveau, das mehr ist als nur amateurhafte Traditionspflege. Der Stil ist geprägt von den Traditionen russisch-jüdischen Theaters, jener jüdischen Mischung von hintersinnigem Humor und leiser Melancholie.
»Wir spielen auf Russisch«, sagt Beitman-Kortschagin, »aber wir spielen mit jüdischer Seele.« Dahinter steht eine weitreichende Vision, der Versuch, dieses Theater »als ein kulturelles Modell für das Verhältnis der jüdischen Kultur zur mo- dernen Zeit und zur deutschen Kultur zu entwerfen«. »Denn«, so lautet das Motto dieses kleinen Theaters aus Mecklenburg-Vorpommern, »nur der kann leben, der seine Grenzen überschreitet.«

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