Holocaust

Vor 80 Jahren hielt Himmler seine »Posener Reden«

Heinrich Luitpold Himmler (1900 - 1945) sprach offen über die »Ausrottung des jüdischen Volkes«. Foto: picture alliance / World History Archive

Holocaust

Vor 80 Jahren hielt Himmler seine »Posener Reden«

Herbst 1943: Der »Architekt der ‚Endlösung‘ « redet Klartext. Völlig offen spricht Reichsführer SS Heinrich Himmler über den deutschen Massenmord an Europas Juden. In seinen beiden »Posener Reden« tun sich Abgründe auf

von Joachim Heinz  02.10.2023 20:14 Uhr

Zur Frage, wie genau die Nationalsozialisten den Massenmord an Europas Juden in Gang setzten, existieren Regalmeter an Forschungsliteratur. Tatsache ist: Zu den treibenden Figuren beim Menschheitsverbrechen Holocaust gehörte Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums, später auch Reichsinnenminister und Befehlshaber der Ersatzheeres.

Doch selbst der »Architekt der ‚Endlösung‘ « und Begründer des KZ-Systems versuchte lange, die monströse Tat sprachlich irgendwie zu verschleiern. So wie es 1942 auf der berühmt-berüchtigten Wannseekonferenz geschah, an der Himmler nicht teilnahm, wo aber hochrangige NS-Bürokraten auch in seinem Sinne darüber berieten, wie die »europäische Judenfrage« zu lösen sei.

»Natürliche Verminderung« Ein Großteil der erfassten Juden sollte demnach als Zwangsarbeiter »straßenbauend« in den Osten geführt werden, »wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird«. Der verbleibende »Restbestand« müsse »entsprechend behandelt« werden.

Gut eineinhalb Jahre später redete Himmler Klartext. In seiner ersten Posener Rede, gehalten vor 80 Jahren, am 4. Oktober 1943, ging er vor der SS-Leitungsebene auf ein »ganz schweres Kapitel« ein: die »Ausrottung des jüdischen Volkes«. Zwei Tage später, am 6. Oktober, tat er dies in seiner zweiten Posener Rede, die erst 1970 wiederentdeckt wurde, vor Vertretern der Parteispitze.

»Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen«, so Himmler an die Adresse der SS-Männer. »Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.«

»Moralische Verpflichtung« Den millionenfachen Mord an den Juden bezeichnete Himmler als moralische Verpflichtung - sich an den Ermordeten zu bereichern, war in seinen Augen allerdings ein todeswürdiges Vergehen. »Wir haben aber nicht das Recht, uns auch nur mit einem Pelz, mit einer Uhr, mit einer Mark oder mit einer Zigarette oder mit sonst etwas zu bereichern.«

Anständigkeit als Kardinaltugend der Mörder - das stellte eine Konstante in Himmlers Denken dar, wie Historiker Peter Longerich betont. Für den Soziologen Harald Welzer baute Himmler eine Brücke für die Täter, sich »in einem moralischen Sinn nicht schlecht zu fühlen«. Mit den Posener Reden verfolgte der SS-Chef laut Longerich die Absicht, das wahre Ausmaß der Judenvernichtung vor einem ausgewählten Kreis offiziell zu bestätigen. Seine Zuhörer sollten so zu »Komplizen des beispiellosen Verbrechens« gemacht werden.

Widerstände waren nicht zu befürchten. Propagandaminister Joseph Goebbels notierte, Himmler trete für die »radikalste und härteste Lösung ein, nämlich dafür, das Judentum mit Kind und Kegel auszurotten«. Es gelte, jetzt Verantwortung zu übernehmen. »Spätere Geschlechter werden sich sicherlich nicht mehr mit dem Mut und mit der Besessenheit an dies Problem heranwagen, wie wir das heute noch tun können.«

Vernichtungsprogramm Die weitere Radikalisierung des NS-Vernichtungsprogramms hatte freilich nicht nur mit einer vollends pervertierten Form deutscher Gründlichkeit zu tun, sondern auch mit dem Verlauf des Krieges. Deutsche Truppen gerieten immer stärker unter Druck - dafür ging das Regime umso unerbittlicher gegen die im eigenen Einflussgebiet vermuteten »Feinde« vor. In der mehrstündigen ersten Posener Rede wandte sich Himmler deswegen auch der Lage an der Ostfront zu.

Wie es den Russen oder Tschechen gehe, sei ihm »total gleichgültig«, ließ er wissen. »Ob die anderen Völker in Wohlstand leben, interessiert mich nur soweit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen.« Man werde »niemals roh und herzlos sein, wo es nicht sein muss«, betonte Himmler. Die Deutschen, die »als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier« hätten, würden »auch zu diesen Menschentieren eine anständige Einstellung einnehmen«.

Abermillionen bezahlten diese »Einstellung« mit dem Leben. Himmler entzog sich seiner Verantwortung. Am 23. Mai 1945 biss er auf eine Zyankali-Kapsel.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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