Marlene Dietrich

Von Kopf bis Fuß auf Zion eingestellt

von Christian Buckard

Im Juni 1960 erhielten die jungen Bewohner von Ben Shemen unerwarteten Besuch. In Begleitung der Reporterin Mira Avrech tauchte Marlene Dietrich in dem israelischen Jugenddorf auf. Ein kleiner Junge beobachtete den Trubel und fragte Avrech: »Wer ist denn diese alte Frau?«
Fast alle Israelis hätten dem Jungen die Frage beantworten können. In dem jüdischen Staat war die Dietrich bekannt und äußerst beliebt. Trotz verlockender Angebote von Propagandaminister Goebbels war der UFA-Star lieber in Hollywood geblieben statt im Dritten Reich zu arbeiten. Nach Deutschland kehrte die bekennende Nazigegnerin erst 1944 als Truppenbetreuerin der Dritten US-Armee General Pattons zurück, trotz der Gefahr, von der Wehrmacht gefangen genommen und ermordet zu werden. In der Bundesrepublik wurde sie deshalb angefeindet. Kurz vor ihrer Reise nach Israel hatte Marlene Dietrich Westdeutschland besucht und war von Presse und Publikum als »Verräterin« beschimpft worden. Im jüdischen Staat gereichte ihr das zur Ehre.
Bei ihrem Deutschlandbesuch hatte Marlene Dietrich sich die Schulter gebrochen. Für die Sängerin und Schauspielerin, die sich bereits seit Jahren für Israel einsetzte, kein Grund, ihre Reise abzusagen. Eingefädelt hatte die Tournee Meyer Weisgal, der Leiter des Weizmann-Instituts. Marlene Dietrich hatte ihre Reise mit der Bedingung verknüpft, dass sie vor Soldaten singen und Moshe Dayan treffen dürfe. Dass sie die Erlöse aus ihrem ersten israelischen Konzert einem Reha-Zentrum der Armee spendete und ihr in der arabischen Presse mit Boykott ihrer Filme gedroht wurde, erhöhte die Beliebtheit Marlene Dietrichs in Israel noch mehr. Zu- schauer weinten, jubelten und verlangten laut nach Liedern aus den Jahren der Weimarer Republik. Als erste Künstlerin auf einer israelischen Bühne sang sie in deutscher Sprache, sogar, auf vielfachen Wunsch ihrer Fans, den Wehrmachtsschlager »Lili Marleen«. Das ließ Ephraim Ki-shon öffentlich an der Zurechnungsfähigkeit des israelischen Publikums zweifeln. Zwei Wochen zuvor hatte es noch vehemente Proteste gegen ein geplantes Konzert gegeben, bei dem Gustav-Mahler-Lieder in deutscher Sprache gesungen wer- den sollten. »Eine Strophe des Juden Mahler – lieber den Tod. Ein Nazi-Lied von einer deutschen Sängerin – auf allgemeines Verlangen«, kommentierte der Satiriker und Schoa-Überlebende sarkastisch.
Damit sprach Kishon aber nur für eine kleine Minderheit seiner Landsleute. Bei den Konzerten herrschte fast grenzenlose Bewunderung und Verehrung. »Sie waren begeistert«, erzählte Marlene Dietrich ihrer Tochter am Telefon. »Sie weinten und küssten mir die Hände.« Nach ihrem letzten Konzert im damals noch geteilten Jerusalem erhielt Dietrich – die auch ein Lied in hebräischer Sprache gesungen hatte – eine halbstündige Ovation. »Ich wünschte, ich könnte zu euch gehören und in dieser wundervollen Stadt wohnen«, sagte sie zum Abschied. Von dem Enthusiasmus der Israelis ließ sich sogar der deutsche Botschafter in Israel, der ehemalige Wehrmachtsoffizier Rolf Pauls, anstecken. Er gratulierte Marlene Dietrich, wenn auch nur schriftlich. Pauls fürchtete wohl politische Konsequenzen in Deutschland.
Sechs Jahr später, im Februar 1966, besuchte Marlene Dietrich Israel erneut. Auch dieses Mal wurde sie mit offenen Armen, ja wie ein Staatsgast empfangen. Die Trägerin eines israelischen Verdienst-ordens traf Staatspräsident Salman Schazar und Jerusalems Bürgermeister Teddy Kollek. Als die Zeitung Haaretz ganzseitig ein Foto abdruckte, auf dem Kollek zu Dietrichs Füßen saß, heulten die politischen Gegner des Jerusalemer Bürgermeisters entrüstet auf. Kollek trug die Proteste mit Fassung. »Der erfreulichste Aspekt dieser Episode«, vertraute er Marlene Dietrich in einem Brief an, der sich im Nachlass des Stars findet, »ist, dass meine Aktien bei meinem Sohn Amos dadurch beträchtlich gestiegen sind. Er dient gerade in einer Panzereinheit und verfügt so über den nötigen Mut, mich zu bitten, ein Autogramm von Ihnen zu erfragen. Könnten Sie das bitte tun? Es würde mir sehr dabei helfen, mein Prestige als Vater aufrechtzuerhalten.«
Auch bei diesem Besuch machte Marlene Dietrich ihren Gastgebern wieder willkommene Komplimente. »Das Allerschöns-te in Ihrem Land sind die Augen der israe- lischen Kinder. Ich war in vielen Ländern, nirgends fand ich solch schöne Kinderaugen.« Weniger freundlich äußerte die 64-Jährige sich über ihr Heimatland, wusste der Spiegel damals zu berichten. Bei einem Treffen mit israelischen Journalisten habe sie auf die Frage, ob sie wieder in die Bundesrepublik reisen werde, geantwortet: »Als ich nicht kam, gab es Proteste, als ich dann nach dem Krieg kam, gab es auch Proteste. Was soll ich dann fahren – ich bin keine Masochistin.«
Selbst als Marlene Dietrich längst nicht mehr auf der Bühne stand, blieb ihre besondere Beziehung zu Israel bestehen. In ihrem Nachlass findet sich ein Dankesschreiben von einem Mitarbeiter Menachem Begins, der sich 1983 im Namen des gerade scheidenden Premierministers für einen Brief der Dietrich bedankt. Was in dem Brief an Begin stand, ist leider unbekannt.

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