Iran

Von geringem Nutzen

von Matthias B. Krause

Steht nicht gerade das Dauerthema Irak auf dem Programm, gehören Spekulationen über das Schicksal des Iran zu den Lieblingsgedankenspielen der politischen Nomenklatura in Washington. »Wird Iran der Nächste sein?« fragte sich im Dezember 2004 die Zeitschrift Atlantic Monthly. Einen Monat später verbreitete Enthüllungsreporter Sy Hersh im New Yorker Innenansichten der Bush-Regierung, die angeblich einen Militärschlag gegen das Regime in Te- heran plane. Seitdem ist ein Jahr vergangen und nichts passiert – außer daß die Rhetorik an Schärfe zunimmt.
Irans Präsident Machmud Ahmedinedschad betätigt sich seit Wochen als Brand-stifter. Mal tritt er als Holocaust-Leugner auf, dann droht er die Auslöschung Israels an oder fordert die Verlegung des Staates nach Europa. In einem Interview behauptete er kürzlich, Israel sei der Vorposten Europas zur Infiltration der muslimischen Staaten im Mittleren Osten. Gleichzeitig sen0det sein Chefunterhändler Ali Lariani unterschiedliche Signale nach Europa. Die seit August unterbrochenen Atomverhandlungen zwischen England, Frankreich und Deutschland und dem Iran sollen zwar am 18. Januar wieder beginnen, doch die Chancen für Fortschritte sind gering. Lariani nennt den Vorschlag Moskaus, die Uran-Aufbereitung für eine friedliche Nutzung im Iran auf russischem Boden zu übernehmen, an einem Tag interessant, am nächsten lehnt er ihn als unakzeptabel ab. Nicht nur Washington vermutet, Teheran spiele lediglich auf Zeit, um Sanktionen des Weltsicherheitsrates weiter hinauszuzögern. Bislang weigern sich die Veto-Mächte Rußland und China, den von den USA geforderten Schritt der UNO zu goutieren – nicht zuletzt, weil sie ihre wirtschaftlichen Interessen bedroht sehen.
Daß Teheran nach der Atombombe strebt, daran zweifelt eigentlich niemand. Spätestens seit dem Einmarsch der Amerikaner in den Irak verfolgt die iranische Regierung eine zweigleisige Strategie, um sich zu schützen. Sie treibt ihr Atomprogramm voran und versucht, sich als Öllieferant für die aufstrebenden Industrieländer China und Indien unverzichtbar zu machen. Bislang ging die Rechnung auf. Als Teheran im August erklärte, es habe die Uran-Konversion wieder aufgenommen, brachen die EU-Verhandler zwar die Gespräche ab, aber sonst geschah nichts.
Jüngst durchgesickerte Informationen, wonach die USA die Vorbereitungen für einen Militärschlag gegen den Iran vorantrieben, sind dennoch mit Vorsicht zu genießen. Offiziell legt US-Präsident George W. Bush stets Wert darauf, dieses Szenario nicht auszuschließen. Nun soll CIA-Chef Porter Goss die Türkei über entsprechende Pläne informiert und um Unterstützung gebeten haben. Angeblich hätten die Ameri- kaner Irans Nachbarn Saudi-Arabien, Jordanien, Oman und Pakistan auf den neusten Stand gebracht. Teherans Chefunterhändler Lariani reagierte scharf. »Wenn an diesen Gerüchten über einen Angriff etwas dran ist, dann wird Israel sehr schwer leiden«, drohte er. »Es ist ein sehr kleines Land, das in unserer Reichweite liegt.« Allerdings, fügte der undiplomatische Diplomat an, gehe er davon aus, es handele sich um leeres Kriegsgeschrei. Damit dürfte er nicht unbedingt falsch liegen. Die meisten amerikanischen Militärstrategen sind sich einig, daß die USA mit der Bombardierung iranischer Atomanlagen wenig gewinnen, aber viel verlieren würden. Zum einen ist es schwierig, die Atomfabriken exakt zu lokalisieren. Und selbst für diesen Fall bezweifeln die Experten, daß es den amerikanischen Bomben gelänge, die Anlagen gänzlich zu zerstören. Um das Atomprogramm nur ein paar Jahre zurückzuwerfen, wäre der diplomatische Preis zu hoch. Mit einem erneuten Alleingang verlören die USA zudem das nach dem Irak-Abenteuer erst wieder langsam wachsende Vertrauen der Weltgemeinschaft. Die Militäranalysten, die Atlantic Monthly um ein Szenario bat, kamen zu dem Schluß, Washingtons bester Schachzug wäre, den Iran glau- ben zu lassen, ein Militärschlag stehe unmittelbar bevor – ohne ihn wirklich auszuführen. Aber es wäre nicht das erste Mal, daß George W. Bush sich über den Rat seiner Generäle hinwegsetzte.

Eva Erben

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