Jostein Gaarder

Viel Applaus, wenig Protest

Viel Applaus, wenig Protest

Wie der Schriftsteller Jostein Gaarder seine Israel-Thesen verteidigt

von Markus Ströhlein

»Selbstverständlich behalten wir uns die Möglichkeit vor, Autoren wieder auszuladen. Doch dann müssen handfeste Gründe vorliegen«, sagt Ulrich Schreiber, der Leiter des Internationalen Literaturfestivals in Berlin. Im Fall Jostein Gaarder, Autor von Bestsellern wie Sofies Welt, sahen die Organisatoren diese handfesten Gründe nicht. Gaarder trat beim Festival in der vergangenen Woche sogar zweimal auf. Protest wegen seines Anfang August erschienenen Artikels »Das auserwählte Volk Gottes« gab es nur am zweiten Abend.
In dem Text in der norwegischen Zeitung Aftenposten hatte der Schriftsteller Israel das Existenzrecht abgesprochen. »Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an«, das Land sei »in seiner derzeitigen Form Geschichte« und habe »seine eigene Legitimität massakriert«. Dem Judentum hatte Gaarder unterstellt, sich die Rolle des »auserwählten Volks Gottes« anzumaßen. Dies sei »ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit« und letztlich »Rassismus«. Gaarder hat sich später für seine rhetorischen Mittel entschuldigt, sich jedoch geweigert, auch vom Inhalt abzurücken.
Ulrich Schreiber stellt sich dennoch hinter seinen Gast. »Antisemitismus ist der Haß auf Juden, weil sie Juden sind. Davon kann ich in Gaarders Artikel nichts entdecken«. Kritik an Israel müsse möglich sein, ohne daß sie sofort als Antisemitismus bezeichnet werde. Das gleiche gelte für Kritik am Judentum. »Religionskritik muß am Christentum, am Islam und am Buddhismus erlaubt sein. Das trifft auch für das Judentum zu«, sagt Schreiber.
Friedbert Stohner, der Gaarder beim Carl Hanser Verlag betreut, war zunächst irritiert von den Ausfällen seines Autors: »Wir haben uns gefragt: Was hat ihn da geritten? Man kann sich den Artikel nur dadurch erklären, daß er im Zorn verfaßt wurde. Gaarder stand unter dem Eindruck des Angriffs auf Kana. Aber wenn jemand weit davon entfernt ist, ein Antisemit zu sein, dann ist es Jostein Gaarder.« Der Verlag hatte Gaarder geraten, trotz allem an dem Berliner Festival aufzutreten – auch um dem »falschen Eindruck« entgegenzuwirken, der durch den Artikel entstanden sei. »Wir haben uns darauf eingestellt, mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden.«
Die aber gab es beim ersten Auftritt am vergangenen Mittwoch nicht. Von der Moderatorin als »Mann, der wichtige Fragen stellt«, eingeführt, las Gaarder aus seinem neuen Buch. Das Publikum, das zum großen Teil aus Schülern bestand, klatschte artig. Zu einem kleinen Eklat kam es am Abend darauf. Als Gaarder die Bühne betrat, erhob sich eine Handvoll Männer und rief: »Antisemit!« Zu einer Diskussion mit den Protestierenden kam es nicht, da der überwältigende Teil des Publikums die beiden Männer niederschrie. Nachdem sie den Saal verlassen hatten, fand der Autor erklärende Worte. Er stimme der UN-Resolution zu, die Hisbollah zu entwaffnen. Selbstverständlich habe Israel das Recht, sich zu verteidigen. »Ich liebe Israel. Aber ich glaube, mit seinem harten Verhalten gefährdet sich das Land selbst.« Alles, was danach noch aus dem Publikum kam, war Applaus.

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026

Reisen

Lufthansa setzt weiterhin viele Nahost-Flüge aus

Flüge nach Tel Aviv, Teheran und in andere Städte bleiben ausgesetzt. Lufthansa reagiert weiter auf die Lage im Nahen Osten – Charterflüge für Rückholaktionen laufen jedoch weiter.

 09.03.2026

Südlibanon

Zwei israelische Soldaten bei Hisbollah-Angriff getötet

Nach einer vorläufigen Untersuchung der israelischen Armee begann der Vorfall, als ein Panzer während eines Einsatzes stecken blieb

 08.03.2026

Washington

USA intervenieren gegen mögliche Russland-Hilfe für den Iran

Sondergesandter Steve Witkoff kritisiert Moskau dafür, dass es Teheran im Krieg zu unterstützen scheint

 08.03.2026

Iraner in Deutschland

»Einfach leben«

Der Exil-Iraner und Musikmanager Babak Shafian war bisher skeptisch, wenn es um den möglichen Fall des Mullah-Regimes ging. Diesmal ist er hoffnungsvoll. Der Grund dafür ist Israel

 04.03.2026