Witebsk

Verflogener Zauber

von Barbara Leitner

Zwei himmelblaue Waggons zieht der Zug nach Moskau bis Minsk hinter sich her. Aus dem brodelnden Samowar reicht die Zugbegleiterin Tee. Hinter den mit Rüschengardinen verzierten Fenstern erstrecken sich dunkle Wälder, in denen noch Wisente zu Hause sind, wechseln sich Sumpflandschaften, Felder und verträumte Dörfer ab. Dann kommt Minsk mit dem Kontrastprogramm. In der Hauptstadt Weißrusslands zeugt ein Bauboom vom erwachenden Selbstbewusstsein des Landes. Vereinzelte farbige Werbeaufschriften in lateinischen Lettern künden von ersten westlichen Investoren.
Der Zug rollt weiter in die östlichste Gebietshauptstadt Witebsk. Dort ist von der beginnenden Öffnung wenig zu spüren. Dabei war die viertgrößte weißrussische Stadt Ende des 19. Jahrhunderts, als hier der Maler Marc Chagall geboren wurde, eine moderne Metropole. Eine Eisenbahnlinie führte von Ost nach West. Als erster Ort in Weißrussland hatte Witebsk eine Straßenbahn, es gab etliche Kinos.
Ein Reisebus fährt durch eine dunkle, mit wenig gepflegten einstöckigen Holzhäusern gesäumte Straße im ehemaligen jüdischen Viertel, die Pakrouskaja Uliza. »Marc Chagall liebte es, mit seiner Staffelei durch diese Gassen zu streifen«, erzählt Julia Stepanez, Museumsleiterin der Stadt, den Touristen. An einem kleinen Platz ein Denkmal: der sitzende Chagall und über ihm eine schwebende Muse, seine erste Frau, die als Bella Rosenfeld in einer kleinen Gasse nahe des Rathauses zur Welt kam. Wenige Schritte sind es bis zum Wohnhaus der Chagalls, dem Originalhaus, wie Julia Stepanez beteuert. Das Fass, aus dem die Eltern für das karge Abendbrot einen Hering holten, ist ebenso erhalten wie das Zimmer, das sich die beiden Söhne der zehnköpfigen Familie teilten. Der als Moishe Zakharovich Schagalov geborene Maler liebte die Atmosphäre in seinem Schtetl. Fast die Hälfte der gut 100.000 Einwohner Witebsks waren an der Wende zum 20. Jahrhundert Juden. Mehr als 70 Synagogen und Gebetshäuser riefen die Gläubigen zum Gebet. Auch nachdem Chagall als 23-Jähriger mit einem bescheidenen Stipendium nach Paris ging, hielt er in seinen Bildern das jüdische Leben in der Stadt zwischen Geburten, Hochzeiten und Tod fest.
Als 1917 die Oktoberrevolution den Zaren stürzte, war Chagall zufällig auf Heimatbesuch in Witebsk. Die Bolschewiki ernannten ihn zum lokalen Volkskommissar für Künste. Historische Fotos im Museum der Stadt zeigen, wie er gemeinsam mit Malern, Musikern und Theaterleuten 1918 ein großes Fest zum ersten Jahrestag der Revolution organisierte. Die ganze Stadt wurde zur Bühne. An die Wände malten die Künstler grüne Kreise, orange Quadrate und blaue Rechtecke. »Auf den Dächern in der Stadt liefen Geiger umher, Akrobaten flogen durch die Luft«, erzählt die Museumsleiterin. Doch manchen Genossen gefiel das überhaupt nicht. Auch Malerkollegen fielen in den Chor der Kritiker ein: Chagalls Kunst sei nicht revolutionär genug, meinte beispielsweise der Konstruktivist Kasimir Malewitsch. Mit Frau und Tochter verließ Chagall daraufhin die Sowjetunion und kehrte nie wieder zurück.
Das Witebsk mit seinen Türmen und Brücken, wie Chagall es malte, existiert heute nur noch in den Museen von Basel, Chicago, New York, London und Paris. Am 10. Juli 1941 nahm die deutsche Wehrmacht die Stadt ein. Im Witebsker Gebiet starben mehr als eine halbe Million Menschen, jeder dritte Einwohner. Die Stadt wurde fast vollständig zerstört. Daran erinnern monumentale Denkmale. Vergessen blieb lange Zeit das Martyrium der Witebsker Juden. Allein von Juli bis Ok-tober 1941 ließ ein deutsches Einsatzkommando zwischen 6.800 und 15.000 von ih-nen erschießen. Erst 1993 wurde für die Ermordeten ein Gedenkstein errichtet. Heute sind von den 353.000 Einwohnern der belorussischen Großstadt nur noch 3.000 Juden, alle nach dem Krieg zugereist. Ihre Synagoge liegt außerhalb des Stadtzentrums. »Jetzt gibt es aber die Idee, Häuser im jüdischen Viertel wieder zu rekonstruieren, so wie sie in den Zeiten von Chagall aussahen«, berichtet die Museumsleiterin. Als Nächstes soll das Haus von Chagalls Onkel, einem Friseur, wiedererstehen, mit einem kleinen Laden, einem Café und einem Hotel.
Mit Chagall will Witebsk sich einen Platz auf der Kultur- und Tourismuskarte Europas erobern. Das ganze Jahr über finden in den Schulen, an den Universitäten und in den Museen Veranstaltungen zu Ehren des berühmten Sohnes statt. Akrobaten in Marionettenkostümen, den Figuren Chagalls nachempfunden, tanzen im Garten hinter dem Stadtmuseum. Kinder stehen mit Pinseln an Staffeleien.
Doch an der Bevölkerung Witebsks geht das ziemlich vorbei. »Deshalb zieht es die Westeuropäer in meine Stadt?«, wundert sich die 28-jährige Juristin Julia. Gemeinsam mit den Touristen hat sie sich zum ersten Mal auf die Suche nach den raren Spuren jüdischen Lebens begeben. Zuvor hatte sie noch nie von der multikulturellen Historie ihrer Stadt gehört, in der einst Jiddisch, Russisch, Litauisch und Polnisch gesprochen wurde. Auch die Impulse für die Moderne, die von Witebsk ausgingen, sind ihr neu. Historie interessiert Julia und ihre Altersgenossen wenig, sie wollen weg aus der Stadt. Die jungen Männer drängt es nach Moskau und St. Petersburg. Ihre Altersgenossinnen, die in modischen Tops, engen Jeans und mit wehenden Haaren durch die Stadt flanieren wie über einen Laufsteg, hoffen auf westliche Männer, die sie nach Europa mitnehmen. Wie wohl Marc Chagall das gemalt hätte?

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