Eichmann

Unter einer Decke

von Eva Schweitzer

Es klingt wie ein Stück aus dem Tollhaus: Die CIA hat Adolf Eichmann gedeckt, als sich dieser nach dem Zweiten Weltkrieg in Argentinien versteckt hielt. Dabei wußte der US-Geheimdienst schon seit 1958 von den westdeutschen Kollegen, wo sich der meistgesuchte Kriegsverbrecher der Welt versteckt hielt. Aber weder die CIA noch die Bundesregierung informierten Israel über Eichmanns Aufenthaltsort. Dies hat Tim Naftali herausgefunden, Geschichtsprofessor und Mitglied einer Arbeitsgruppe, die 1998 vom US-Kongreß nach dem »Nazi War Crimes Disclosure Act« eingesetzt wurde. Sie erforscht unter anderem die Zusammenarbeit zwischen der CIA und Ex-Nazis. Dafür hat sie acht Millionen Dokumente gesichtet. In 27.000 Seiten, die erst kürzlich deklassifiziert wurden, wurden die entsprechenden Belege gefunden.
Eichmann ist der oberste Verantwortliche für die Massendeportation und die Ermordung der europäischen Juden in den Vernichtungslagern. 1945 wurde er von der US-Army festgenommen. Er gab jedoch einen falschen Namen an und kam frei. Der US-Militärgeheimdienst CIC wollte ihn wieder verhaften, jedoch bekamen die Militärs einen Wink aus Washington, dies zu unterlassen. Danach lagerten die Unterlagen über Eichmann jahrelang vergessen in einer alten Torpedofabrik in Alexandria, Virginia. Eichmann tauchte erst in Deutschland, dann in Italien unter, 1950 gelang ihm die Flucht nach Argentinien, wo er den Namen Ricardo Klement annahm. Ihm half die »Rattenlinie«, eine Kollaboration von Vatikan und dem CIA-Bürochef in Rom, James Jesus Angleton. Mit deren Hilfe entkamen auch Josef Mengele und Klaus Barbie nach Südamerika. 1960 wurde Eichmann vom Mossad entführt und zwei Jahre später zum Tode verurteilt.
Aber bereits im März 1958 hatte die »Organisation Gehlen,« die Vorläuferin des Bundesnachrichtendienstes, der CIA mitgeteilt, wo Eichmann lebte. Allerdings wollten weder deren Chef Reinhard Gehlen, ein früherer Abwehr-Mann, noch Bundeskanzler Konrad Adenauer, daß Eichmann gefaßt würde. Adenauer befürchtete, daß dieser peinliche Details über seinen Staatssekretär Hans Globke ausplaudern könnte, dem die Stasi eine Kollaboration mit Eichmann nachzuweisen versuchte. Globke hatte an den Nürnberger Gesetzen mitgearbeitet. Allen W. Dulles, damals CIA-Chef, veranlaßte auf Bitten der westdeutschen Regierung sogar, daß das Magazin »Life« jeden Hinweis auf Globke aus den Eichmann-Memoiren strich, die das Magazin gekauft hatte.
Denn die CIA hatte zu jener Zeit kein Interesse daran, Nazis zu enttarnen. »Die USA waren mit dem Kalten Krieg beschäftigt, es gab keine politische Leitlinie, Nazi-Kriegsverbrecher zu verfolgen,« sagt Naftali. Die CIA warb damals sogar Ex-Nazis an. Dulles‘ rechte Hand Frank Wiesner soll der Washington Post zufolge 5.000 Nazi-Kriegsverbrecher und ihre osteuropäischen Kollaborateure unter Vertrag genommen haben.
Die CIA hielt ihre schützende Hand beispielsweise über Eugen Dollmann, früherer Assisstent von SS-Oberführer Karl Wolff, der für die Deportation der italienischen Juden verantwortlich war. Auch Aleksandras Lileikis, der Chef der Sicherheitspolizei von Litauen, der die Juden von Wilna hat umbringen lassen, Otto von Bolschwing, unter dessen Führung die rumänische Eiserne Garde die Juden von Bukarest umgebracht hatte, und den Gestapoführer Walter Rauff, der später in Chile politische Gefangene folterte, deckte der Geheimdienst.
Einige dieser Nazis waren – wie die Arbeitsgruppe herausgefunden hat – Doppelagenten für die Sowjets, wie etwa der frühere SS-Offizier Heinz Felfe, der die Alliierten wegen der Bombardierung seiner Heimatstadt Dresden haßte. »Dies zeigt, daß es böse Konsequenzen haben kann, mit bösen Menschen zusammenzuarbeiten«, sagte die Leiterin der Arbeitsgruppe, die frühere Kongreßabgeordnete Elizabeth Holtzman. Dies sei auch eine Lehre für heute.

Eva Schweitzer ist Autorin von »Amerika und der Holocaust« (Droemer-Knaur 2004)

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