Sevilla

Unter einem Dach

von Angelika Stucke

Der Himmel über Sevilla wußte sich nicht recht zu entscheiden. Mal lachte die Sonne, mal zogen Wolken über den Himmel. Ähnlich mag es den 62 Rabbinern und 53 Imamen gegangen sein, die sich nahe der andalusischen Hauptstadt zu ihrem zweiten Weltkongreß für den Frieden versammelt hatten. Aus 23 Ländern waren die Vertreter der beiden großen Religionen angereist, um vom 19. bis zum 22. März in San Juan de Aznalfarache mit Religionswissenschaftlern und Terrorismusexperten nach Wegen zum Frieden zu suchen.
Die Teilnehmer des Kongresses, der von der Schweizer Organisation Hommes de Parole (Männer des Wortes) einberufen wurde, wollten sich mit der Bedeutung von Bildung und Wissen beim Abbau von Vorurteilen zwischen Juden und Muslimen be- schäftigen. Doch schon am ersten Arbeitstag der Delegationen kam es zu einem
Eklat. Lautstarke Meinungsverschiedenheiten vor allem zum leidigen Karikaturenthema hatten den Ausschlag gegeben. Der Großmufti Marseilles hatte in einer Arbeitsgruppe manche der Reaktionen auf die Veröffentlichung der dänischen Mohammed-Karikaturen als übertrieben bezeichnet, was einigen der Anwesenden nicht gefiel. Auch in einer Kaffeepause gab es hitzige Diskussionen, als der kalifornische Professor für jüdische und muslimische Begegnungen Stuart Altshuler mit dem Imam des Gasastreifens, Imad Al Falouji, über die Besetzung der palästinensischen Autonomiegebiete stritt. Al Falouji sagte, er erwarte ohnehin nichts Gutes von dem Kongreß und verglich die Politik Israels mit dem Terror von Osama bin Laden. »Ich bin gegen beide«, erklärte Al Falouji. Glücklicherweise erinnerte sich der Imam gerade noch rechtzeitig an seine Eröffnungsrede vom Vorabend, in der er beide Seiten zu Frieden, Gewaltverzicht und Dialog aufgerufen hatte.
»Besonders in Fragen der israelischen Politik und im Zusammenhang mit dem jüdischen Anspruch auf heilige Stätten in Israel kam es zu heftigen Kontroversen«, bestätigt auch der Berliner Kongreßteilnehmer Rabbiner Chaim Z. Rozwaski. »Aber das entscheidende ist doch, daß wir über alle Meinungsverschiedenheiten hinweg überhaupt im Kontakt sind.« Israels Oberrabbiner Jona Metzger hatte in seiner Eröffnungsrede dann auch die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gemeinschaften unterstrichen: »Wir müssen Juden wie Muslimen zeigen, daß wir keine Feinde sind.«
In Andalusien, einer Region, die vor mehr als fünfhundert Jahren Schauplatz eines Miteinanders von Muslimen, Christen und Juden gewesen war, versuchten die Rabbiner und Imame vier Tage lang, es ihren Vorfahren gleichzutun. Sie arbeiteten nicht nur zusammen, sie nahmen auch ihre Mahlzeiten gemeinsam ein und schliefen alle unter einem Dach. Das förderte zwar kleine Reibereien, aber auch den Dialog.
Am Abschlußabend einigte man sich auf eine Erklärung, in der die Teilnehmer vor allem Gemeinsamkeiten ihrer Religionen heraushoben: den Glauben an einen einzigen, gerechten und gnädigen Allmächtigen, oder die Tatsache, daß jede Gewalt die größte Beleidigung gegen den heiligen Namen des Schöpfers bedeutet.
Lösungsmöglichkeiten für den Konflikt zwischen Muslimen und Juden sehen die Imame und Rabbiner in der Erziehung. Sie versicherten, den Glauben und die Traditionen beider Weltreligionen in ihren jeweiligen Gemeinden zu vermitteln. Das klingt nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. »Aber immerhin ist das eine gemeinsame Absicht,« betont Rabbiner Rozwaski, »und aus der muß jetzt nach dem Weltkongreß auf lokaler Ebene Realität werden.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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