Akten

Unter Eichmanns Regie

von Niko Wahl

Dies ist zunächst die Geschichte einer Entdeckung. Im Sommer 2000, als die Wiener Israelitische Kultusgemeinde ein Mietshaus im Wiener Arbeiterbezirk Fünfhaus verkaufen wollte, stießen Mitarbeiter bei einer Routinekontrolle auf rund 800 Kartons. In den Kartons befanden sich gut eine halbe Million Dokumente aus der Zeit des Nationalsozialismus, die in Vergessenheit geraten waren.
Jetzt zeigt das Jüdische Museum Wien einen Teil dieser Akten – und öffnet damit Wunden. Die Ausstellung unter dem vieldeutigen Titel »Ordnung muss sein! Das Archiv der Israelitischen Kultusgemeinde Wien« präsentiert Papiere aus 300 Jahren Gemeindegeschichte. Außergewöhnlich –auch außergewöhnlich schmerzhaft – sind jene Dokumente darunter, die aus der NS-Zeit stammen. Sie zeigen die Geschichte einer Gemeinde, die, um ihren Mitgliedern in größter Not zu helfen, gezwungen war, an der Verfolgung und letztendlich Ermordung ihrer Schutzbefohlenen indirekt mitzuwirken. Karteikarten, Bücher, Aktenordner und Statistiken erzählen von dieser tragischen Rolle, die ihren archivalischen Höhepunkt in von Gemeindefunktionären angelegten Schnellheftern mit den Listen der Deportationen aus Wien hat: die Namen von über 48000 Personen, die in Zügen Richtung Osten zu ihrer Vernichtung transportiert wurden.
Anders als die deutschen jüdischen Gemeinden, die von den Nationalsozialisten zwangsaufgelöst wurden, durfte, besser musste die Wiener Gemeinde weiter bestehen – als Rädchen im Getriebe der nationalsozialistischen Mordmaschinerie. Zwar war nach dem Anschluss 1938 die Gemeinde zunächst geschlossen, ihre leitenden Funktionäre verhaftet worden. Wenige Wochen später forderte jedoch das Reichssicherheitshauptamt die Kultusgemeinde und einen Großteil ihrer Funktionäre auf, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Die Organisation der »jüdischen Auswanderung«, die umfangreichen Sozialfürsorge-Aktivitäten sowie die Personenstandsverwaltung für Wiens Juden sollten weiterhin in Eigenregie übernommen werden.
Der Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici hat in seiner 2000 im Jüdischen Verlag Frankfurt erschienenen Studie Instanzen der Ohnmacht die Wiener Kultusgemeinde während der NS-Zeit untersucht. Er beschreibt dort die Aktivitäten einer Gemeinde, die sich ihren Mitgliedern verpflichtet fühlte, gleichzeitig aber von der Obrigkeit instrumentalisiert wurde und letztlich die Organisation der Auslöschung der eigenen Leute betreiben musste. Die Gemeinde wurde zum Mittler zwischen den Nationalsozialisten und den Wiener Juden. Sie hatte die ständig neuen antisemitischen Verordnungen bekannt zu machen, musste unter den Mitgliedern Geld für die Obrigkeit eintreiben und laufend Berichte für die NS-Behörden verfassen. Gleichzeitig wurden die Arbeiten im Rahmen von Fürsorge und »Auswanderung« immer umfangreicher. Berufsverbote, willkürliche Verhaftungen, tätliche Übergriffe der »arischen« Bevölkerung und der Verlust aller sonstigen Unterstützungen trieb die Mitglieder in Armut und Hilflosigkeit. Die Zahl der Hilfsbedürftigen stieg bereits im ersten Jahr um etwa 300 Prozent, von 55.000 Gemeindemitgliedern waren Ende 1939 50.000 auf Unterstützung angewiesen.
Die »Auswanderungsabteilung« der Kultusgemeinde bot in dieser Situation Unterstützung, beriet die Verfolgten und organisierte Berufsausbildungen, die bessere Chancen auf die begehrten Visa versprachen: Aus österreichischen Rechtsanwälten und Akademikerinnen wurden Landarbeiter und Hausgehilfinnen. Zwischen 1938 und 1941 organisierte die Auswanderungsabteilung die Emigration von 128.000 Mitgliedern. Auch hier gaben die Nationalsozialisten den Weg durch die Instanzen vor: Um die nötigen Papiere zur Auswanderung zu erhalten, mussten die Verfolgten unzählige Ämter durchlaufen, Bestätigungen und Stempel beschaffen und den NS-Behörden Zugriff auf ihr gesamtes Vermögen gestatten. »Sühneabgaben«, »Steuerunbedenklichkeitsbescheinigungen«, Visa, ärztliche Zeugnisse und so weiter, waren Voraussetzung für eine erfolgreiche Ausreise. Die jüdischen Menschenschlangen vor den Ämtern und Konsulaten waren immer wieder Ziel tätlicher Übergriffe durch die Wiener Bevölkerung.
Leiter der Auswanderungsabteilung war der junge Wiener Rabbiner Benjamin Murmelstein. In seiner Person manifestiert sich das Dilemma der Kultusgemeinde der NS-Zeit: Murmelstein hatte nach eigenen Angaben die Möglichkeit zur eigenen Ausreise ausgeschlagen, um in Wien zu bleiben und den Verfolgten zu helfen. Er verfügte über ein außerordentliches Organisationstalent – Rabinovici nennt ihn einen »Manager im Elend«. Er konnte mit den Nazibehörden gut umgehen und wurde von Adolf Eichmann, dem Leiter der Wiener »Zentralstelle für Jüdische Auswanderung« geschätzt. Murmelsteins Arbeit hat zweifellos unzähligen Menschen das Leben gerettet. Doch wurde er im Auftreten seinen Nazi-Verhandlungspartnern immer ähnlicher – arrogant, brutal und menschenverachtend. Nach 1945 wurde Murmelstein deshalb als Kollaborateur angeklagt. Zwar wurde er freigesprochen, doch menschlich gab es für ihn keine Rehabilitierung. In der Ausstellung ist erstmalig eine sechsstündige Sequenz aus einem Interview von Claude Lanzmann mit Murmelstein zu sehen.
Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde stellt sich heute den dunkelsten Momenten ihrer Geschichte. Die Ausstellung, die noch bis 21. Oktober andauert, soll dabei nur ein erster Schritt sein. An der Ordnung des eigenen Gemeinde-Gedächtnisses in Form eines Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien wird intensiv gearbeitet. Falls die Republik Österreich und die Stadt Wien zu finanzieller Unterstützung bereit sind, könnten dort auch jene Archivbestände digital integriert werden, die 1952 nach Israel transferiert wurden, als niemand an die Wiedergeburt jüdischen Lebens in Wien glaubte.

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