Ruth Beckermann

Unbequem unzugehörig

von Erica Fischer

Ruth Beckermann trägt ihr Haar streng aus dem Gesicht gekämmt, eine körpernahe Strickjacke aus weißer Baumwolle und einen über die linke Schulter geworfenen aprikotfarbenen Schal. Sie sieht, wie immer, sehr elegant aus. »Wieso hast du diese häßliche Jacke angezogen?«, wird ihr die Mutter später vorhalten, die sich keinen Auftritt ihrer Tochter entgehen läßt. Schmal und zart ist Ruth Beckermann und verströmt doch als Moderatorin eine unaufgeregte Autorität, bestimmt und zurückhaltend zugleich. Gast an diesem warmen Septemberabend im vollbesetzten Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde in der Wiener Seitenstettengasse ist Dan Diner. Das Publikum folgt seinen Ausführungen über »Tradition und Moderne im islamischen Orient« mit großer Aufmerksamkeit, viele können es nicht erwarten, das Wort zu ergreifen. Beckermann kennt die meisten im Saal, spricht sie mit Namen an. Sie selbst verzichtet auf Fragen, wacht nur darüber, daß jeder an die Reihe kommt.
Ruth Beckermann ist stolz darauf, die Reihe »Facing Israel« in der Jüdischen Gemeinde durchgesetzt zu haben. Namhafte Intellektuelle und Künstler setzen sich mit dem Verhältnis von Judentum und Islam auseinander. Daniel Cohn-Bendit, Alain Finkielkraut und Konstanty Gebert haben den Anfang gemacht. Ariel Muzicant, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, hat BeckermannsVorhaben gegen so manchen Widerstand unterstützt. Für viele Gemeindemitglieder bedeutet Judentum immer noch nur Religion.
Beckermanns eigene Identität ist zwar jüdisch und zionistisch geprägt, nicht aber religiös. Ihr aus Czernowitz stammender Vater, der den Krieg in der Roten Armee überlebte, etablierte sich nach dem Krieg rasch in Wien und machte seinen Traum von einem eleganten Damenmodengeschäft im Stadtzentrum wahr. 1950 war er der Mutter, einer Wienerin, nach Israel nachgereist, hatte sie geheiratet und nach Wien zurückgeholt. Eigentlich wollte das Paar nur ein Jahr bleiben, aber dann gingen die Geschäfte besser und besser. Betty Beckermann konnte sich gegen ihren Mann nicht durchsetzen. »Ich wollte nie meine Kinder hier großziehen«, sagt sie in einem der Filme ihrer Tochter.
Ruth, 1952 geboren, hatte eine geborgene Kindheit. In ihrem neu aufgelegten Buch Unzugehörig beschreibt sie ein Foto von einer Kinderjause: »Alle schauen stolz auf die Kinder. Jüdische Kinder im Wien der fünfziger Jahre. Jedes Kind ein Wunder. Mit Gottes Hilfe vielleicht sogar ein Wunderkind. Die Kinder würden alles erfüllen, was die Eltern einmal für sich erträumt hatten und was mit vielem anderen unterging. Sie würden eine Kindheit haben und eine Jugend. Sie würden glücklich sein. Sie müssen glücklich sein.« Und Ruth war glücklich. Die Sommerferien verbrachte die Familie in Israel, im Winter schützte der große jüdische Freundeskreis vor der Kälte der antisemitischen Außenwelt. Nur der Onkel, der Auschwitz überlebt hatte, fing manchmal ohne erkennbaren Grund zu weinen an. Erst im Alter von zehn Jahren begann die Idylle zu bröckeln. In der Volksschule mußten die Kinder zu Unterrichtsbeginn beten, die drei Kinder mosaischen Glaubens standen stumm daneben. Im Gymnasium gab es Lehrer, deren Nazivergangenheit unverkennbar war. Einer Mitschülerin, die wie die Beckermanns in der Marc-Aurel-Gasse wohnte, erlaubten die Eltern nicht, ihre jüdische Freundin zu besuchen.
Nichts hinaustragen, was zu Hause gesprochen wird, lautete damals das ungeschriebene Gesetz in den jüdischen Familien. Für die Welt draußen, für die Struktu- ren der österreichischen Gesellschaft interessierten sich die Eltern und deren Freunde herzlich wenig. Man lebte im Vakuum. Zuhause war exterritoriales Gebiet. Man gehörte nicht dazu und wollte es auch nicht. Die Eltern dachten immer daran, eines Tages nach Israel zu gehen. So verging die Zeit. Später sollten es wenigstens die Kinder tun.
Doch die jüdischen Kinder wollten nicht Außenseiter bleiben, rebellierten gegen das Ghetto-Dasein der Eltern. Ihre Lebensweise war ihnen peinlich. Ruth »lief zum Feind über«, schämte sich für den Vater und sein Czernowitzer Deutsch, an dem der Jude erkennbar war.
In den wilden 70er Jahren war die politische und künstlerische Linke im Aufbruch. Im Sommer 1976 wurden in Wien die industriehistorisch bedeutsamen Gebäude des Auslandsschlachthofs St. Marx besetzt. Das einzigartige Experiment des selbstverwalteten Kulturzentrums »Arena« strahlte weit über Österreichs Grenzen hinaus. Auf der Grundlage von auf dem Gelände gedrehtem Material entstand Ruth Beckermanns erster Kompilationsfilm Arena besetzt.
Nun trug sie nicht mehr Faltenröcke und Hermès-Foulards um den Bügel der Handtasche geknüpft, sondern Jeans. Und ihr dicht gekringeltes Haar bildete einen Strahlenkranz um ihr Gesicht. »Wenn du ins Gefängnis kommst, werde ich dir nicht helfen«, warnte der Vater augenzwinkernd. Ih- ren linken Genossen war sie immer noch zu gut angezogen. Sie würde mit dem Burbury-Mantel über dem Arm zu Versammlungen kommen, der Inbegriff bürgerlicher Dekadenz. Außerdem sprach sie hochdeutsch, was damals in der Linken nicht comme-il-faut war, ein feines, leicht gedehntes Deutsch, wohlklingend wienerisch moduliert. So spricht sie auch die Texte ihrer Filmessays, ein Vergnügen fürs Ohr.
Ruth Beckermann sieht in den damaligen Vorbehalten gegen sie eine Mischung aus Antisemitismus und Klassenneid. Dabei lebten die Eltern der anderen in Wohnungen mit alten Möbeln und geerbtem Porzellan, während in der Mietwohnung der Beckermanns alles modern war, mußte doch die Wohnungseinrichtung nach dem Krieg neu angeschafft werden. Das Gefühl der Unzugehörigkeit, des In-der-Luft-Hängens ist Grundlage von Beckermanns Kraft und Quelle ihrer Kreativität. Als Außenstehende hat sie gelernt, genau hinzusehen und unbequeme Fragen zu stellen.
Die Mazzesinsel (1984) war das erste Buch, das sich mit der Geschichte der Juden auf lokaler Ebene beschäftigte. »Mazzesinsel« war einst der Spitzname für den 2. Bezirk, die Leopoldstadt, in der vor dem Krieg 60 Prozent der Bevölkerung jüdisch waren. Fast zeitgleich kam ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm Wien retour über den österreichischen Kommunisten Franz West heraus, der einzige ihrer Filme, der nie den Weg ins österreichische Fernsehen gefunden hat. »Nein, über Juden haben wir schon genug gezeigt«, lehnte der zuständige Redakteur des ORF damals ab. »Aber über Juden wird man sicher wieder was brauchen, der wird schon noch gezeigt werden.«
Erst Kurt Waldheim brachte die Wende. Eigentlich sei es dem umstrittenen Bundespräsidenten zu verdanken, daß man sich seither in Österreich mit der Nazivergangenheit des Landes und dem Leben der Juden auseinandersetzt, sagt Beckermann. Als ihr Dokumentarfilm Die papierene Brücke 1987 ins Kino kam, war das Interesse bereits groß. Der Film ist ihre persönlichste Arbeit, eine Reise durch die eigene Familiengeschichte, eine Suche nach Bildern zu den Geschichten aus der Kindheit. Von Wien, wo ihre Großmutter den Krieg als »U-Boot« überlebte, indem sie sich stumm stellte, nach Osteuropa und wieder zurück. Nach Wien zurückgekehrt, muß sie feststellen: »Nie wirst du einen anderen Ort so gut kennen wie diesen.«
»Wer sind wir, die Kinder der Überlebenden?« fragt Ruth Beckermann im Film. Sie ist mit einem Vater aufgewachsen, der sich zeit seines Lebens nach Czernowitz sehnte, und mit einer Mutter, deren eigentliche Heimat Israel ist. In Ruths sogenannter Heimat hielt man bis tief in die 80er Jahre am Mythos fest, das erste Opfer Hitlers gewesen zu sein. Nach 1945 wurde weder die Verstrickung der Österreicher in den Nationalsozialismus noch das problematische Zusammenleben von Juden und Nichtjuden nach Auschwitz öffentlich diskutiert. Literatur und Filme über die Nazizeit kamen aus Deutschland. Nazis wurden auch in österreichischen Filmen von Deutschen gespielt. So ist es nicht verwunderlich, daß Ruth Beckermann mit Unzugehörig 1989 erneut die erste war, die sich mit dem Umgang der Österreicher mit »ihren« Juden befaßte. Das Wort »unzugehörig« traf das Lebensgefühl der in der Nachkriegszeit geborenen jüdischen Österreicher. Besonders sie nahmen das Buch dankbar auf. Der konkrete Anlaß, es 16 Jahre später neu aufzulegen, war das sogenannte Gedenkjahr 2005, in dem sowohl 60 Jahre Kriegsende als auch 50 Jahre Staatsvertrag gefeiert wurden. Es entwickelte sich zu einem »Heimat-Spektakel«, schreibt Beckermann im Vorwort. »In rührseligem Erinnern an die schwere Wiederaufbau-Arbeit und Schulterklopfen über die Erfolgsstory der zweiten Republik fiel sich das Volk in die Arme.« Die Juden in den DP-Lagern und Rückkehrer wie die Beckermanns blieben unerwähnt. »Beim Durchblättern der Gedenkbücher, bei den Reden des konservativen Bundeskanzlers wie des sozialistischen Bundespräsidenten, in den Ausstellungen und Veranstaltungen, spürte ich das Lebensgefühl der Unzugehörigkeit wieder auftauchen«, schreibt die Autorin.
Dabei hatte sie sich 1995 schon stark genug gefühlt, sich den Tätern zu nähern –stellvertretend für deren Kinder, die sich verweigern. 50 Tage lang befragte sie Besucher der Wehrmachtsausstellung, nicht nur Täter. Am Ende hatte sie 48 Stunden Material. Aus der Arbeit an Jenseits des Krieges hat sie gelernt, daß die eigene Lebensgeschichte eine Konstruktion ist, daß wir alle die Regisseure unserer eigenen Erinnerung sind, daß der Blickwinkel sich mit der Zeit ändert und die Gegenwart die Vergangenheit formt. In der Wehrmachtsausstellung hat sie alle Nuancen von »Vergangenheitsbewältigung« erlebt, von der frechen Lüge bis zur zerknirschten Einsicht.
Ruth Beckermann nimmt sich viel Zeit. Sie filmt aus dem Zug, aus dem Auto, aus der Straßenbahn, und die Welt draußen zieht vorüber. Sie läßt sich überraschen von der Wirklichkeit, und wir, die Zuschauer, halten den Atem an, was die nächste Weggabelung bringen wird. Ebenso wie sie sich als Moderatorin zurücknimmt, strebt sie auch als Filmemacherin nicht nach Kontrolle. Was sie interessiert, ist, Filme zu machen über eine Welt, die ihr immer auch Widerstand entgegensetzt – Widerstand gegen die Kamera, Widerstand gegen ihre Fragen. Anders als Regisseur Claude Lanzmann diskutiert sie nicht mit den Leuten, die sie befragt, hört lieber zu, verläßt sich auf die Wirkung des flüchtigen Bildes und der vom Mikrophon eingefangenen Sätze.
Einige ihrer Filme sind Road Movies, Filme über Bewegung. In der 2003 fertiggestellten Videoinstallation europaMemoria hat sie das jüdische Thema ausgeweitet auf Menschen in Europa, die nicht in ihrem Geburtsland leben. In 25 Kurzfilmen erzählen sie von ihrer Wanderung, die ihr Leben verändert hat. Wie die Juden früherer Zeiten bilden sie, davon ist Beckermann überzeugt, heute die europäische Avantgarde.
»Ruhig wirst du’s im Grab haben«, lautet ein jüdisches Sprichwort. Auch privat ist Ruth Beckermann viel in Bewegung, als »Luxuspendlerin«. Viele Jahre hat sie in Frankreich gelebt, der Vater ihres 15jährigen Sohnes ist Franzose. Dort fühlt sie sich als Jüdin freier. Aber sie kehrt auch immer wieder gern nach Wien zurück, das sich trotz der gegenwärtigen Regierung in den letzten Jahren kulturell zu seinem Vorteil verändert hat. Und zunehmend zieht es sie nach Tel Aviv, wo es neben den Kaffeehäusern auch das Meer gibt. Der Ort selbst sei nicht so wichtig, sagt sie. Wichtig sei, daß man zusammensitzt.
Versteht sie sich als moralisches Gewissen Österreichs? »Ich hoffe nicht«, antwortet sie und lacht. Aber ein bißchen ist es doch so. Ruth Beckermanns eben fertiggestellter Dokumentarfilm heißt Zorros Bar Mitzwa und widerspricht den gängigen Erwartungen an das Thema »Juden«, das in unseren Breiten stets mit Nazis, Tod und Holocaust in Verbindung gebracht wird. In Zorros Bar Mitzwa geht es um das Leben heute, um jüdische Kinder, die sich auf den Weg machen, unsere Zukunft zu gestalten. Die Filmemacherin begleitet vier Familien durch die Vorbereitungen für die Bar Mitzwa ihrer Kinder, drei Jungen und ein Mädchen. Viele Szenen sind sehr komisch. Der leise Hauch von Wehmut, der Ruth Beckermanns frühere Filme durchzieht, ist fast ganz verschwunden. Die internationale Uraufführung findet im März in Paris statt. Während sich die Franzosen nach der ersten Sichtung von Zorros Bar Mitzwa sofort begeistert zeigten, hat das »Forum« der Berlinale den Film ohne Angabe von Gründen abgelehnt. Vielleicht kann man hierzulande mit ausgelassen feiernden Juden doch nicht so viel anfangen.

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