Tagung

Trauma der Erben

von Viola Roggenkamp

»Szenische Erinnerung der Schoa« hieß die internationale wissenschaftliche Tagung, auf der es um die psychische Befindlichkeit der nachfolgenden Generationen ging; Nachgeborene auf der jüdischen Seite, Nachgeborene auf der Seite der Täter und Mitläufer. Mit ihnen hat man zu tun. Sie sind heute Lehrer, Polizisten, Medienleute, Beamte, Ärzte, Theologen, Eltern oder sind dabei, es zu werden, wenn sie zur Enkelgeneration gehören.
Der Ort, an dem unter Federführung des Sigmund-Freud-Instituts Unvereinbares zusammentraf, war die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, bis 1995 Hauptquartier der US-Army, davor das Verwaltungszentrum der IG-Farben, und so sieht das Gebäude heute noch aus. In einer Villengegend, in der Stolpersteine für deportierte Juden gelegt wurden, spreizt sich in hellen Steinquadern auf einer der schönsten Parkanhöhen Frankfurts der Sitz eines mörderischen Machthabers.
»Was ist schlimmer?«, fragte Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, in seinem Grußwort. »Es erlebt und überlebt und als Trauma verkapselt immer bei sich zu haben, wie die Überlebenden«, oder aber als Nachgeborener überfallartig und jederzeit Beute »eines Monsters zu sein«, für das es keine gelebte Realität gebe? Das, so meinte er noch hinzufügen zu sollen, gelte sicher für beide Seiten der nachfolgenden Generationen.
Ob das stimmt? So allgemein gehalten stimmt es zwangsläufig für die jüdische Seite, für die andere Seite aber wohl gerade nicht. Wer allerdings in der Kinder- und Enkelgeneration von der Täterschaft der Eltern weiß, was selten ist, wird unter Umständen von psychischen Ängsten gepeinigt. Der Frankfurter Psychoanalytiker Johannes Kaufhold gab dafür ein Fallbei- spiel. Seine Patientin glaubte sich von getöteten Juden zum Selbstmord gezwungen und von ihrem verstorbenen SS-Großvater zu dessen Erlösung zum Sühnetod gedrängt. Aber den meisten Nachgeborenen auf der Täter- und Mitläuferseite geht es doch recht gut, sie wissen nichts vom NS-Alltag der Eltern, und wenn es ihnen psychisch schlecht geht, ist noch zu fragen, ob sie auch die Verbindung mit der Schoa herstellen, wie Salomon Korn es hofft.
Die Hamburger Psychoanalytikerin Edda Uhlmann sprach in ihrem Vortrag über einen Patienten, Mitte 50, der von seinem Vater, Soldat der Wehrmacht, drangsaliert und brutal geschlagen wurde. Erzählte der Patient aus dem Leben seines Vaters, wurde er bei den Wörtern »Flucht« und »Vertreibung« regelmäßig von Schluchzen erfasst, als ginge es um ihn selbst. In Erin- nerungsbruchstücken aus der eigenen Kindheit wie aus dem Leben des Vaters »vermischt sich Erlebtes mit vom Patienten Ersehntem« bis zur völligen Ungetrenntheit. Nicht durch die Schläge des Vaters sei die für den Patienten »folgenreichste Veränderung in der Seele« passiert, so die Psychoanalytikerin, sondern durch seinen Selbstrettungsversuch, »mit dem Täter schmerzselig zu verschmelzen«.
Es geht hier nicht um den seelischen Schrecken, den jüdische Nachgeborene kennen, wenn sie in eine diffuse und traumatisierende szenische Erinnerung der Schoa geraten, sondern um einen, wie Edda Uhlmann es formulierte, »perversen Gebrauch von Erinnerungsbruchstücken«. Trauerarbeit, sich selbst betreffend, werde durch »sentimentale Rührseligkeit« über das große Ganze abgewehrt.
Wie wird auf jüdischer Seite aus dem Überleben der Eltern die szenische Erinnerung der Schoa? Kurt Grünberg, Psychoanalytiker und Initiator der Tagung, erzählte in seinem Vortrag von seiner jüdischen Familie: Eine rosa Serviette liegt auf dem Kaffeetisch, auf einmal erinnert sich eine alte Jüdin, dass ihr Skipullover, den sie am Tag der Deportation trug, dieselbe Farbe hatte wie diese Serviette, und natürlich wurde ihr der Pullover in Auschwitz bei der Ankunft sofort weggenommen. Kurt Grünberg geht wenig später neben dieser alten, zierlichen Überlebenden auf der Straße, und bei den ersten, kaum spürbaren Regentropfen zieht er sein Jackett aus und legt es ihr um die Schultern.
Der jüdische Nachgeborene, aufnahmebereit für traumatisches Entsetzen, ist wie ein Medium, in dem die Schoa sich umtreibt. Dieser innerpsychischen Willkür ausgeliefert zu sein, ist das Erbe auf jüdischer Seite. Das Erbe auf der anderen Seite ist schrecklich. Eine Frau aus dem Publikum: »Meine Großeltern waren Mörder. Ich habe mir oft gewünscht, meine Eltern würden endlich mal erschrecken über das, was geschehen ist.«
Die Frage, ob Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser, der inzwischen in Deutschland Schullektüre geworden ist, eine typische KZ-Aufseherin zeige, verneinte die Berliner Soziologin Jeanette Toussaint. Sie sprach über ihre Interviews mit Töchtern ehemaliger SS-Aufseherinnen. Es seien eher keine plump naiven, ungebildeten Frauen gewesen, sondern Frauen, die sich davon eine Karriere und ein gutes Leben versprachen.
Was ist schlimmer? Wichtig an der Frage Salomon Korns ist, dass sie auf jüdischer Seite zu stellen gewagt wird. Einer der ersten Wissenschaftler, der die Auswirkungen der Schoa auf Kinder von NS-Tätern untersucht hat, der israelische Psychologe Dan Bar-On, gab eine Antwort. »Überlebende können etwas bewältigen«, indem sie sich an Geschehen im Konzentrationslager erinnerten, sie hätten aber auch »gute Erinnerungen an die Zeit vor der Schoa«. Ihre Kinder jedoch haben »keine intakte jüdische Welt erlebt, bevor sie zu Erinnerungs-Containern ihrer traumatisierten Eltern wurden«.

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