György Konrád

Träume von Mitteleuropa

von Wolf Scheller

Als Berufsbezeichnung György Konráds findet man in Nachschlagewerken den Begriff »Schriftsteller«. Doch der Ungar, der am 2. April 75 Jahre alt wird, ist trotz Dutzender Romane und Essaybände und obwohl er von 1990 bis 1993 Präsident des Internationalen PEN-Clubs war, eigentlich nur im Nebenberuf Autor. Vor allem ist er ein europäischer Intellektueller, der sich mit dem ihm eigenen Habitus des Zögerlichen zu einer Art moralischen Autorität entwickelt hat. Konrád besitzt die seltene Gabe, Melancholie und heiteren Widerspruch zu einer unprätentiösen Natürlichkeit zu verbinden. Das verleiht ihm Charisma.
Geboren wurde György Konrád 1933 in Debrecen. Elf Jahre später wurden die ungarischen Juden zur »Endlösung« zusammengetrieben. Nur knapp konnten er und seine Eltern der Schoa entrinnen, in der viele seiner Angehörigen umkamen. Diese Erfahrung hat Konráds Lebensweg geprägt. Anfangs noch überzeugt, dass nur der Sozialismus ein neues Auschwitz verhindern könnte, erlebte er 1956, als Soziologe frisch diplomiert, auf den Straßen von Budapest das moralische Fiasko des realen Sozialismus. Was an Glauben an den Kommunismus danach noch übrig war, trieb ihm dann die Berufserfahrung aus. Seine desillusionierenden Erlebnisse als städtischer Sozialarbeiter unter dem Kádár-Regime schrieb Konrád 1969 in dem Roman Der Besucher nieder, der in Ungarn ebenso wenig erscheinen durfte wie vier Jahre später seine mit Iván i verfasste Studie Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht. Die Enttäuschung über die Parteidiktatur führte Konrád in die illegale demokratische Bewegung. Mit Vaclav Havel, Adam Michnik, Milan Kundera und Pavel Kohout gehörte er zu den wichtigsten Stimmen der mitteleuropäischen Opposition.
Freilich war der ungarische »Gulasch-Kommunismus« im Umgang mit Dissidenten geschmeidiger als andere »sozialistische Bruderstaaten«. Konrád konnte rei- sen, das Land zwischenzeitlich verlassen und bereits 1983, sechs Jahre vor dem Mauerfall, in der Westberliner Akademie der Künste seine Idee von einem zivilen, liberalen Mitteleuropa vortragen. Später wurde er, als erster Nichtdeutscher, Präsident der Akademie, die er nach der Wende mit ihrem Ostpendant zusammenführte – unauffällig, unaufdringlich, mit einer angenehm altmodisch wirkenden, noch aus der k.u.k.-Zeit stammenden Höflichkeit.
Bei aller Umgänglichkeit ist György Konrád stets unbequem geblieben. Er ist ein politischer Kopf, ein pragmatischer Visionär, der immer wieder neue Planspiele entwirft. Für politische Macht hat Konrád sich dabei nie interessiert. »Antipolitik« nennt er seine Vorstellung von Mitteleuropa und der zivilen Gesellschaft, eine bewusste Utopie, deren romantischer Blick sich freilich ebenso bewusst immer wieder an der Realität bricht. György Konrád ist kein Weltverbesserer. Dafür hat er zu viel Gespür für historische Prozesse. Vor allem weiß er um die Fragilität der Zivilisation. Er hat seine Kindheit nicht vergessen, als 1944 Ungarns faschistische Pfeilkreuzler die Budapester Häuser nach Juden durchkämmten und der damals Elfjährige nur überlebte, weil er sich in einem Haus des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg verstecken konnte. Er weiß, dass es auch hätte anders kommen können.

Leipzig

Gegensätzliche Nahost-Demos linker Gruppen 

Ein Team des MDR wurde aus der antiisraelischen Demo heraus angegriffen

 17.01.2026

TV-Tipp

Als David Bowie weinte: Arte-Doku beleuchtet die Schattenseiten eines musikalischen Genies

Oft feiern Filmporträts ihre Protagonisten mehr oder weniger unkritisch. Eine Arte-Doku über Popstar David Bowie wählt einen anderen Weg - und ist genau deshalb so gelungen

von Manfred Riepe  14.01.2026

Brandenburg

»Was soll der Scheiß?«: Nach Brandanschlag - Büttner übt scharfe Kritik an Linken-Spitze

Die Hintergründe

 10.01.2026

Antisemitismus

Die kruden Thesen eines AfD-Abgeordneten

Ein AfD-Parlamentarier teilte einen Instagram-Post, in dem die Rothschild-Familie mit dem Untergang der »Titanic« 1912 in Verbindung gebracht wird

 08.01.2026

Brandenburg

Generalstaatsanwaltschaft übernimmt Ermittlungen nach Anschlag auf Büttner

Nach dem Brandanschlag und die Morddrohung gegen den Antisemitismusbeauftragten haben die Ermittler eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro für Hinweise ausgesetzt

 07.01.2026

Potsdam

Antisemitismusbeauftragter erhöht Sicherheitsvorkehrungen

Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner ist immer wieder Drohungen ausgesetzt. Nach einem Brandanschlag und einer Morddrohung per Brief verschärft er nun Sicherheitsmaßnahmen. Die Solidaritätsbekundungen für ihn reißen nicht ab

 07.01.2026

Westjordanland

Netanjahu schreibt Siedlergewalt einer »Handvoll Kids« zu

Nach Kritik der Trump-Regierung an Israels Vorgehen in der Westbank wiegelt Israels Premierminister ab - und zieht noch mehr Kritik auf sich

 01.01.2026

Israel

Israel führt Gedenktag für marokkanische Juden ein

Die Knesset hat beschlossen, einen Tag zur Erinnerung an die marokkanisch-jüdische Einwanderung zu schaffen

 31.12.2025

Gaza

37 Hilfsorganisationen in Gaza und im Westjordanland droht Lizenz-Entzug

Israel will sich vor Terrorverbindungen in Hilfsorganisationen schützen. Die Einrichtungen warnen vor humanitären Konsequenzen

 31.12.2025