Frauengruppe

Tora, Tee und Temperament

von Annette Wollenhaupt

Donnerstagabend, 19 Uhr. Es ist dunkel im Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum. Nur die Pförtnerloge, in der ein muskulöser Sicherheitsbeamter Wache hält, und ein Raum am anderen Ende des großen Foyers sind in Licht getaucht. Von weitem hört man Gemurmel und Gelächter.
Aus der Nähe betrachtet, bekommt die Szene Konturen. Sechs Frauen sitzen an einem der vielen runden Tische jenes Raumes, in dem sich sonst der Seniorenclub trifft. Die Sprache, in der sie sich mit viel Temperament verständigen, ist Russisch. Gila Yermolynska, sie leitet die Gruppe der russischsprachigen jüdischen Zuwanderinnen, hat einen großen Stapel Bücher vor sich auf dem Tisch liegen. Eine Tora in russischer Übersetzung, Tora-Kommentare berühmter Rabbiner, Bücher, die sich mit Chanukka beschäftigen. Den Rest des Tisches bedecken Schalen mit frisch aufgeschnittenem Obst, ein großer Teller mit selbstgebackenem Kuchen, eine knallorange Thermoskanne, gefüllt mit heißem Wasser.
Die Atmosphäre ist gelöst, vertraut, familiär. Wer mag, bedient sich mit Teebeuteln aus einem der drei Schächtelchen. »Wir führen intellektuelle Gespräche – aber mit Kuchen«, sagt Gila Yermolynska, eine attraktive Frau, und lacht. Die regelmäßigen Treffen sind Unterricht und Diskussionsrunde in einem. Gila Yermolynska stellt eine Passage aus den fünf Büchern Mose vor und liest dazu die entsprechenden Kommentare. Anschließend sagen die Frauen ihre Meinung. Die kann sehr unterschiedlich sein. Dann fallen sie sich durchaus auch mal ungestüm und sehr emotional ins Wort. Übel nimmt das keine.
»Wenn eine von uns nicht zum Treffen kommt, haben wir das Gefühl, etwas fehlt«, sagt Hana Grynberg, die vor vier Jahren nach Deutschland kam. Ein großer, breitkrempiger Hut bedeckt ihre Haare. Hana Grynberg ist eine orthodoxe Jüdin, verheiratet, Mutter zweier Kinder. Mit dem Hut bedeckt sie ihr Haar, wie es die Tora für verheiratete Jüdinnen vorschreibt. Sie ist 30 und wirkt dabei wie ein Mädchen. Ein sehr ernstes, reifes Mädchen. Früher, als sie wirklich noch eins war, hatte sie sich den Lenin-Pionieren angeschlossen, war überzeugt von der Idee des Kommunismus. Ihr Judentum zu leben, war für sie tabu – wie für die meisten Juden in der Sowjetunion. Heute ist Hana Journalistin und Pädagogin, macht eine Weiterbildung zur Lehrerin für Jüdische Philosophie und Tradition. Fania Barannikova zählt mit ihren 72 Jahren zu den älteren Teilnehmerinnen. Auch sie war damals mitgelaufen. »Ich war eine russische, jüdische Kuh und habe Stalin zugejubelt.« Ihr Vater versteckte die Tora in der Schublade seines Schreibtisches.
»Es gibt von jeder Frau etwas zu lernen«, sagt Hana Grynberg. »Fania zum Beispiel weiß viel über Literatur und schreibt selber Gedichte. Malvina hat großes Interesse an Philosophie und Ge-schichte.« Es gebe Themen, sagt Hana Grynberg, die seien schwierig. Themen wie die Schoa, das Christentum, die Sowjetunion. Wie wichtig ist das Erinnern? Soll man die Vergangenheit besser ruhen lassen? Wie notwendig ist die Integration in die deutsche Gesellschaft? Wieviel Anpassung ist nötig, wie viel Beharren auf die eigenen jüdischen Werte unerläßlich? Die Antworten auf diese Fragen gehen weit auseinander. Da gibt es zum einen die orthodoxe Fraktion: Frauen wie Hana Grynberg, Gila Yermolynska oder auch die 22jährige Maya Gendlin, die davor warnen, die jüdische Tradition aufzugeben, die mahnen, die Schoa niemals zu vergessen. Zum anderen sind da aber auch jene Teilnehmerinnen, die das alles etwas lockerer sehen. Allen gemeinsam ist der Wissensdurst, der Drang nach intellektueller Auseinandersetzung und – das Genießen jener in Deutschland gewonnenen Freiheit, endlich, nach vielen Jahren der Glaubensverleugnung, offen ihr Judentum leben zu können.
Malvina Avrutina bringt es auf den Punkt: »Auch wenn ich nicht so religiös bin, ist dieser Kreis für mich wichtig, weil er mir Nahrung für meinen Sinn gibt.« Fania Barannikova schätzt die Donnerstagstreffen, weil sie hier »auf Leute mit offener Seele« trifft und »weil hier jede Frau das an geistiger Nahrung kriegt, was sie braucht«. Die ehemalige Juristin, die 35 Jahre lang in Moskau als Rechtsanwältin arbeitete, sagt: »Wir versuchen, einander zu verstehen und das zu akzeptieren, was wir akzeptieren können.« Sie ist seit fast 16 Jahren in Deutschland und emigrierte, weil sie in jüdischer Gesellschaft sein wollte.
Über die Treffen im jüdischen Gemeindezentrum hinaus können sich die Frauen mit anspruchsvoller Literatur, mit Kassetten und CDs aus der kleinen hauseigenen Bibliothek versorgen. Hinter Glas in einer Vitrine befinden sich neben geistiger Literatur wie Rabbi Luzzattos philosophischen Betrachtungen zur Geheimnis-Tora auch die Erzählungen des Midrasch, Chanukka-Liederhefte, Kochbücher für die Zubereitung koscherer Mahlzeiten und pädagogische Ratgeber.
Um 22 Uhr ist das Treffen zu Ende. Die Gruppe verläßt den Raum. Gila Yermolinska knipst das Licht aus. Dann geht jede der Frauen ihren eigenen Weg, und im Kopf tragen sie erneut ein Stückchen Wissen mehr mit nach Hause, wo heute im Gegensatz zu früher eine Mesusa den Türpfosten schmückt.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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