Tagung über die Schoa

Tolerant aus Tradition

von Sophie Mühlmann

»In einer Welt, wo Religion manipuliert wird, um die grässlichsten Akte zu rechtfertigen«, so schreibt Indonesiens Ex-Präsident Abdurrahman Wahid, »ist es nicht nur unsere moralische Pflicht, die Forderungen der Terroristen und ihrer ideologischen Führer anzufechten, sondern auch, die Rechte anderer zu verteidigen, die auf andere Weise ihren Glauben ausleben: in Freiheit, Sicherheit und Würde.« Wahid verfasste diese Worte gemeinsam mit Israels ehemaligem Großrabbiner Israel Lau, als Eröffnungstext zu einer Konferenz über religiöse Toleranz, die am 12. Juni unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen und ohne vorherige Publicity auf der Ferieninsel Bali abgehalten wurde.
Indonesien ist das bevölkerungsreichste moslemische Land der Erde – ein ungewöhnlicher Ort für eine Konferenz dieser Art, sollte man meinen. Doch die Gründerväter dieses Staates hatten sich bei der Unabhängigkeit eine säkulare Verfassung und religiöse Liberalität auf die Fahnen geschrieben. Und auch wenn einige wenige fundamentalistische Gruppen seit ein paar Jahren versuchen, das gemäßigte Bild des indonesischen Islam zu trüben, so bleibt die Mehrheit der Moslems hier bisher doch weitgehend moderat eingestellt. Allen voran Abdurrahman Wahid, liebevoll »Gus Dur« genannt. Der Ex-Präsident ist selbst ein islamischer Kleriker. Reformorientiert und weltoffen hatte er sich bereits während seiner Amtszeit von 1999 bis 2001 für Toleranz eingesetzt und unter anderem mit seiner Entscheidung, Handelsbeziehungen zu Israel aufzunehmen, in seiner Heimat für heftige Kritik gesorgt. Indonesien und Israel unterhalten bis heute keine diplomatischen Beziehungen miteinander. Nachdem Wahid zwei Jahre später wegen Inkompetenz abgesetzt worden war, gründete er eine Stiftung für religiöse Toleranz und engagierte sich fortan noch stärker für einen liberalen Islam und gegen die Hss-Ideologie der Islamisten. Immer noch fungiert der fast vollständig blinde 66-Jährige außerdem als spiritueller Führer der Nahdlatul Ulama (NU), einer islamischen Organisation mit fast 40 Millionen Mitgliedern.
Doch auch die neue Regierung in Jakarta gibt sich Mühe, das tolerante, säkulare Image aufrechtzuerhalten. Bei dem Treffen auf der Ferieninsel Bali, organisiert unter anderem von der indonesisch-amerikanischen LibForAll-Stiftung und dem Museum für Toleranz des Simon Wiesenthal Centers, ging es auch darum, die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden als Fakt anzuerkennen. Damit will Indonesien sich ganz bewusst von fundamentalistischen, radikalen Geistern absetzen. Die Tagung, an der Rabbiner, hinduistische und christliche Geistliche, Holo- caust-Überlebende, Opfer islamistischen Terrors und moslemische Kleriker teilnahmen, sollte als Gegenveranstaltung zu einer »Holocaust-Tagung« im vergangenen Dezember in Teheran dienen. Dort war der Genozid an den Juden im Zweiten Weltkrieg öffentlich angezweifelt worden, was weltweit für Empörung gesorgt hatte. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hatte die Schoa damals höchstpersönlich als Mythos abgetan. »Obwohl ich ein guter Freund Ahmadinedschads bin«, sagte Wahid nun bei der Gegen-Konferenz auf Bali, »muss ich doch sagen, dass er falsch liegt. Er hat die Geschichte verfälscht. Ich glaube, der Holocaust hat tatsächlich stattgefunden.« Und Rabbiner Daniel Landes aus Jerusalem fragte rheto- risch: »Warum befassen sich die Juden so sehr mit dem Holocaust?« und gab die Antwort gleich selbst: »Nun, ein Drittel unseres Volkes wurde getötet, in nur sechs bis sieben Jahren. Das verabscheuen wir nicht nur als Juden, sondern auch als Mitglieder der Menschheit. Wenn so etwas einmal einer Gruppe von Menschen zustoßen kann, kann es jedem zustoßen.«
Die Insel Bali, eine hinduistische Enklave inmitten von mehr als 190 Millionen indonesischen Moslems, ist selbst zum traurigen Symbol religiösen Terrors geworden. Im Oktober 2002 explodierten im Touristenmekka Kuta gleichzeitig mehrere Bomben. 202 Menschen kamen ums Leben. Es war der bisher schlimmste Anschlag in der indonesischen Geschichte. Drei Jahre später starben bei einer weiteren Attentatserie noch einmal 22 Menschen. Als Täter wurde die Jemmah Islamiyah verantwortlich gemacht, eine lokale Gruppierung, die mit Osama Bin Ladens Al Kaida in Verbindung stehen soll.
»Ich hoffe, die Menschen werden aus der Vergangenheit lernen. Wir sollten versuchen, das Leben zu verbessern, anstatt es zu zerstören«, sagte der 79-jährige Sol Teichmann in seinem leidenschaftlichen Appell für mehr Toleranz bei der Eröffnung der Konferenz. Er ist ein jüdischer Überlebender des Naziterrors, der 70 Familienmitglieder im Holocaust verloren hat und unter anderem in Auschwitz und Dachau inhaftiert war.
Obwohl Indonesien fünf Religionen offiziell anerkennt, gehört das Judentum nicht dazu. Dabei gab es im 19. Jahrhundert etwa 100.000 Juden auf den damaligen »Gewürzinseln«, die meisten davon holländische Händler oder Geschäftsleute aus Bagdad oder Aden. Während der Nazizeit fanden europäische Juden Zuflucht in Indonesien. Doch ihre Situation besserte sich kaum: Die japanischen Besatzer machten ihnen das Leben ähnlich schwer, wie die Deutschen es getan hatten. Fast 2.000 wurden in Konzentrationslagern inhaftiert. Spätestens nach der Unabhängigkeit 1945 haben die meisten jüdischen Familien das Land verlassen. Die Gemeinschaft wurde kleiner und kleiner, vor allem weil der Antisemitismus in Indonesien in jüngster Zeit immer mehr zuge- nommen hat. Heute leben nur noch etwa zwanzig Juden irakischen Ursprungs im ganzen Archipel, die meisten davon in Surabaya, wo es noch immer eine kleine Synagoge gibt, die einzige in Indonesien –allerdings inzwischen ohne Rabbiner und ohne Tora.

Die Autorin ist Asien-Korrespondentin der Tageszeitung »Die Welt«.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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