Semesterbeginn

Teuer ist das Studentenleben

Manchmal wird es mächtig eng auf der Couch. Wenn alle da sind, müssen sie richtig zusammenrücken, denn jeder will einen guten Platz vor dem Fernseher ergattern. »Aber wir sind schon daran gewöhnt«, gibt Noah Gatt unumwunden zu und schmunzelt. Familie Gatt be-
steht aus Vater, Mutter, drei Töchtern und deren Freunden. Zwei der Mädchen studieren mittlerweile, wohnen aber noch zu Hause. Nicht die Ausnahme in Israel, sondern die Regel. Jetzt begann das akademische Jahr an den Hochschulen. 280.000 Studenten sind landesweit an acht Universitäten, 34 Privatcolleges sowie 24 Lehrerseminaren eingeschrieben.
An der Hebräischen Universität Jerusalem drücken in diesem Semester 23.000 junge Frauen und Männer die Bänke in den Hörsälen. Darunter sind fast 2.000 ausländische Studenten aus 73 Ländern. Die Hälfte von ihnen stammt aus den USA, viele kommen aus Frankreich, Südkorea, Australien, Brasilien, China und Japan. Da-
zu gibt es Hochschüler aus zwar geografisch nahen, doch politisch weit entfernten Ländern wie Ägypten, Jordanien, Marokko, der Türkei, Usbekistan und Kasachstan. Die Zahl der einheimischen arabischen Studenten ist gegenüber den jüdischen noch immer relativ niedrig, steigt aber stetig. In diesem Jahr sind es elf Prozent aller Studenten, vor zehn Jahren waren es lediglich sieben. Zu den beliebtesten Studiengängen in Israel gehören neben Medizin, Zahnmedizin und Pharmakologie die Wirtschaftswissenschaften, Psychologie und Jura sowie Philosophie.

NebenJob Noah studiert im dritten Jahr an der Bar-Ilan-Universität Psychologie und arbeitet drei bis vier Abende in der Woche als Kellnerin. Einen festen Stundenlohn gibt es nicht, sie wird ausschließlich vom Trinkgeld der Gäste bezahlt. Sollte das unter 30 Schekel (etwa 5,50 Euro) in der Stunde liegen, was durchaus vorkommt, gleicht ihr Chef bis auf diese Summe aus. Wesentlich darüber aber liegt ihr Verdienst selten. Davon spart die 25-Jährige jeden möglichen Schekel. Doch nicht für eine ei-
gene Wohnung, wie sie es gern hätte, sondern für die Studiengebühren. Dafür muss sie fast 7.000 Euro aufbringen – jedes Jahr aufs Neue. Deshalb kommt eine eigene Wohnung nicht infrage. »Noch nicht einmal ein Zimmer in einer WG«, sagt sie und runzelt die Stirn. »Dabei wäre es schon schön, ich habe ja seit über vier Jahren einen Freund.« Auch der studiert und wohnt noch bei den Eltern.

Wohnung Doch Noah und ihr Freund Omer haben hin- und hergerechnet. Eine Wohnung in Tel Aviv oder Umgebung, sei sie noch so klein, ist finanziell einfach nicht drin. Denn eine Unterkunft in der Großstadt am Mittelmeer ist kaum noch unter 1.000 Dollar zu haben. Omer ist für Jura an der Tel Aviv Universität eingeschrieben, da sind die Studiengebühren sogar noch höher. »Und mehr arbeiten ist unmöglich«, macht Noah klar, »dann schaffen wir unser Unipensum nicht mehr. So ist es manchmal schon an der Grenze des Machbaren.« Noahs Elternhaus liegt in Ramat Hascharon, einem Kleinstädtchen, etwa 15 Autominuten von der Uni in Ramat-Gan entfernt. Ein Auto kann sie sich nicht leisten, das der Eltern nicht nutzen, also ist sie jeden Morgen mit Bus und Bahn unterwegs und braucht je nach Stausituation bis zu anderthalb Stunden, um endlich eine Vorlesung hören zu können.
So es denn eine gibt. In den vergangenen Jahren standen die Zeichen in den Unis öfter auf Streik denn auf Lernen. Et-
was, dass die junge Frau auf die Palme bringt. »Ich verstehe einfach nicht, wie man jedes Jahr aufs Neue um dieselben Dinge streiten muss. Warum kann die Politik diese Angelegenheiten nicht ein für alle Mal lösen? Es ist uns Studenten gegenüber so unfair. Die meisten müssen sich das Studium doch unheimlich mühsam zusam-
mensparen.«
Das akademische Jahr 2009/2010 ohne Verzögerungen – zum ersten Mal seit Jahren. Und der Hunger nach höherer Bildung im Land ist ungesättigt: Die Anzahl der Studenten ist zu Beginn dieses Semesters um drei Prozent gestiegen, während die Zahl der Dozenten stetig sinkt, seit Beginn des neuen Jahrtausends um acht Prozent. Für 24 Hochschüler gibt es nur noch einen Lehrenden.

Stress Noah spürt das am eigenen Leib. »Die Vorlesungen werden von Semester zu Semester voller, die Professoren haben we-
niger Zeit, man muss ständig hinter ihnen herlaufen, um einen Termin zu bekommen, das erzeugt sehr viel Druck.« In stressigen Prüfungszeiten ist die Studentin froh, sich zu Hause ausruhen und von ihren Eltern verwöhnen lassen zu können. »So gern ich meine eigenen vier Wände, etwas mehr Ruhe und Privatsphäre hätte«, seufzt Noah und quetscht sich mit ihrer Schwester Michal und Familienhund Laica aufs Sofa, »so froh bin ich doch oft, mich nach einem langen Tag hier einfach um nichts mehr kümmern zu müssen«.

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