Göttingen

Stück für Stück

von Michael Caspar

Ein mächtiger 200-Tonnen-Kran steht im Weserstädtchen Bodenfelde auf der Straße. Mit seinem langen Arm reicht er über ein zwölf Meter hohes Haus hinweg. Hinter diesem, verborgen im Hinterhof, befindet sich seit 1825 eine kleine Fachwerksynagoge. Seit 1937 hat sie als Scheune gedient. Nun sollen in der acht mal acht Meter großen Synagoge wieder Gottesdienste gefeiert werden, doch nicht in Bodenfelde, sondern im 50 Kilometer entfernten Göttingen. Die Synagoge muß umziehen.
Zimmerleute schlagen die Holznägel heraus, die das Fachwerkgebäude zusammenhalten. Stück für Stück nehmen sie die Synagoge auseinander. Die Wände werden in etwa zweimal drei Meter große Stücke zerlegt. Teile, an denen es Wandbemalungen gibt, werden mit Spanplatten gesichert. Nacheinander hebt der Kran die Elemente auf vier bereitstehende Tieflader und zwei Lkw. Langsam setzt sich der Transport in Bewegung. Rote Fahnen warnen vor überhängenden Teilen. Mehr als drei Stunden dauert die Fahrt. Kurvige und enge Straße kann der Schwertransport nicht passieren. Erste Station ist eine Zimmerei. Dort werden schadhafte Stellen ausgebessert. Sämtliche Schwellen sind zu erneuern. Architekt Klaus Peter Biwer hatte festgestellt, daß das Holz im Kern faul ist. Die Synagoge stand seit 1825 auf einem oft feuchten Sandsteinsockel.
Ein paar Wochen später rollt der Transport weiter. Diesmal geht es zum Grundstück der Jüdischen Gemeinde Göttingen. Auch in der Angerstraße 14 soll die Synagoge im Hof stehen. Doch hier kann der Tieflader von der Straße aus hereinfahren. Das Betonfundament wurde im Sommer fertiggestellt. Wie ein Puzzle setzten die erfahrenen Zimmerleute die einzelnen Fachwerk-Elemente wieder zusammen, ein deutlich kleinerer Kran reicht ihnen die Einzelteile. Sie arbeiten ruhig und konzentriert. Pläne verzeichnen jeden Balken, sie haben alle eine Nummer.
Sobald das Gebäude steht, werden die zum Schutz der Wandmalereien angebrachten Spanplatten abgenommen. Dann wird sich zeigen, wie gut die Kunstwerke die Umsetzung überstanden haben. Sie waren ein Grund, warum die Bodenfelder Synagoge unter Denkmalschutz stand. Erst als die Verwaltung ihn nach langer Diskussion aufhob, war ein bezahlbarer Transport und damit die erneute religiöse Nutzung des Gebäudes möglich. »Zunächst sollten wir das Gotteshaus als Ganzes transportieren«, erinnert sich der Architekt. Das hätte die kleine Gemeinde jedoch nicht bezahlen können.
»Wir haben die Wand- und Deckenmalereien, die ein unbekannter Maler 1925 schuf, gesichert«, betont Biwer. Die geometrischen Ornamente und Freskenbänder lassen sich seiner Darstellung nach mit Folien und Schablonen rekonstruieren, sobald die Gemeinde über das nötige Geld verfügt. »Zunächst einmal fehlen jedoch noch 50.000 Euro für die Umsetzung«, sagt die Schatzmeisterin des Fördervereins Jüdisches Zentrum, Brigitta Stammer. Der Verein kümmert sich um die Finanzen. Die Umsetzung kostet insgesamt 250.000 Euro. Nicht enthalten ist das Geld für Fenster und Türen sowie die Inneneinrichtung.
Bis die Gemeinde ihre Gottesdienste in der Synagoge feiern kann, wird also noch Zeit vergehen. Seit 2002 nutzt sie in der Angerstraße 14 ein Fachwerkgebäude aus dem Jahr 1777 als Gemeindehaus. Das Gebäude wird zur Zeit saniert. »Eine erste provisorische Nutzung der Synagoge planen wir am Freitag, 15. Dezember«, kündigt der Gemeindevorsitzende Harald Jüttner an. Dann wird das erste Licht des Chanukka-Leuchters entzündet – für Göttingen von doppelter Symbolik: Chanukka erinnert an den Sieg der Juden über die Seleukiden und davon, daß sie ihr mißbrauchtes Gotteshaus wieder in Besitz nahmen.

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