Torarollen

Streitschriften

von Christian Jahn

Schlomo Wilhelm hat bekommen, was er wollte. Nach jahrelangem Protest nahm der Rabbiner der nordukrainischen Stadt Schitomir Ende März die Fragmente von 17 Torarollen in Empfang. »Unser hartnäckiger Einsatz hat sich gelohnt«, freut er sich. Bis zur Rückgabe lagerten die Torarollen in der örtlichen Zweigstelle des Ukrainischen Staatsarchivs. »Einige der Fragmente sind rund 120 Jahre alt und teilweise in keinem guten Zustand. Wir werden sie nach unserer Tradition auf dem Friedhof der Gemeinde beerdigen«, sagt Wilhelm.
Schitomir, einst bedeutendes Zentrum der chassidischen Juden, ist kein Einzelfall. Laut Wilhelm warten in der Ukraine Hunderte jüdische Gemeinden auf die Rückgabe von Torarollen und anderen religiösen Schriften, die ihnen während der nationalsozialistischen und der sowjetischen Herrschaft weggenommen wurden.
Schitomir zeigt, wie schwierig die Auseinandersetzung mit den lokalen Behörden bis heute ist: Bereits im Jahr 2004 hatte die Filiale des Ukrainischen Staats- archivs die Fragmente der 17 Torarollen an die Gemeinde zurückgegeben. Im Winter 2007 beschlagnahmten die Behörden die Rollen jedoch wieder. Begründung: Die Gemeinde bewahre die Schriftstücke nicht angemessen auf und trage Verantwortung für deren Verfall. »Ein Skandal!«, urteilte Rabbiner Wilhelm damals und warf den Behörden Antisemitismus vor. Auch die Föderation der jüdischen Gemeinden in der Ukraine schaltete sich ein und forderte, Tausende Torarollen müssten »schnellstens, vollständig und endgültig an die ukrainischen religiösen Gemeinden und Organisationen« zurückgegeben werden.
Wegen des anhaltenden Protests der jüdischen Gemeinden und der Forderungen des Europarats, die Religionsfreiheit in der Ukraine durchzusetzen, erklärte die Regierung in Kiew die Rückgabe von Schriften an die verschiedenen Religionsgemeinden zur Chefsache. Auf Erlass von Präsident Wiktor Juschtschenko wurde im Jahr 2007 eine Kommission auf Ministerebene gegründet, die strittige Eigentumsfragen klären sollte. Der damalige Vorsitzende des Staatskomitees für Nationalitäten- und Religionsfragen, Georgi Popow, gab zu, dass rund ein Drittel der registrierten 33.000 Konfessionsgemeinden keine Räume und Schriften für die Ausübung ihrer Religion besitze. Zu einem Großteil seien sie unter nationalsozialistischer und sowjetischer Herrschaft beschlagnahmt worden und würden auch nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 vom Staat ge- nutzt. Leider, so Popow weiter, entschieden die lokalen Verwaltungen oft nach Sympathie, wem ein Gebäude oder Gegenstand zurückgegeben werde. Die neu gegründete Kommission solle die Eigentumsfrage in jedem Einzelfall objektiv klären.
Vergangenen Monat erhielt auch die Gemeinde im westukrainischen Lwiw, dem früheren Lemberg, 14 Torafragmente aus dem ukrainischen Staatsarchiv. Wie amerikanische Medien berichteten, will Rabbiner Mordechai Schlomo Bold die Fragmente beerdigen lassen. Mehr als 420 weitere Torarollen und -fragmente sollen in zwei Museen der Stadt lagern, dem Museum für Ethnographie und Kunsthandwerk sowie dem Museum für Religionsgeschichte. Vertreter der jüdischen Gemeinden in der Ukraine forderten die Rückgabe aller Schriften.
Roman Chmelyk, Direktor des Museums für Ethnographie und Kunsthandwerk, sagt: »Wir haben in unserem Museum keine Schriften, die religiösen Gemeinden gewaltsam weggenommen wurden.« Es handele sich um Ausstellungsstücke, die Pri- vatleute Ende des 19. Jahrhunderts dem Museum übergeben hätten, also noch vor der totalitären Herrschaft in der Ukraine, so Chmelyk. »Handschriftliche oder gedruckte Ausgaben, die etwas mit der jüdischen Kultur zu tun haben, sowie Torarollen werden in unserem Museum nicht aufbewahrt.«
Anders die Auskunft im Museum für Religionsgeschichte: »Wir haben insgesamt knapp 400 jüdische Schriften«, sagt Maxim Martyn, Kurator der Judaica-Abteilung. Entsprechend dem Präsidentenerlass von 2007 würden jetzt aber erst einmal einige Fragmente zurückgegeben. »Ich denke, es ist nachvollziehbar, dass wir zunächst nur die Fragmente herausgeben, an denen kein wissenschaftliches Interesse besteht«, erklärt Martyn. Die Torarollen aus dem Bestand des Museums blieben vorerst noch in den Archiven. Auf staatliche Anweisung würden allerdings auch sie herausgegeben. Bis dahin stelle man die Schriften Gemeinden zur Nutzung zur Verfügung. »Allerdings gab es erst eine Anfrage«, sagt Martyn.
Einige der Schriften aus dem Bestand des Museums für Religionsgeschichte könnten indes schon bald an anderer Stelle zu sehen sein: Martyn arbeitet am Entwurf eines neuen »Museums für das Judentum in Galizien« in der Altstadt von Lwiw. Schon Ende des Jahres sollen die Ausstellungsstücke auf einer neuen Website gezeigt werden.
Die jüdischen Gemeinden jedoch wollen die Schriften nicht zu Ausstellungsstücken machen, sondern im religiösen Leben einsetzen. Rabbiner Schlomo Wilhelm ist davon überzeugt, dass die Rückgabe der Torafragmente vergangenen Monat nur der Anfang gewesen sein kann. Langwierige Verhandlungen mit den Behörden stünden noch bevor, bis die jüdischen Gemeinden wieder im Besitz ihres historischen Eigentums seien. »Grundsätzlich ist es sehr positiv, dass der Staat einen ersten Schritt gemacht hat«, findet Wilhelm. »Aber es tut uns weh, dass immer noch ein Teil unserer Schriften in den staatlichen Archiven lagert, eingesperrt, wie in einem Gefängnis. Diese Schriften sind Leben, und wir werden alles tun, um sie zu befreien!«

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