Tora

Steinerne Monumente, lebendige Lehre

Wer auf Reisen die Gelegenheit hat, ägyptische Pyramiden, griechische Tempel, rö-
mische Bauten oder byzantinische Kunstwerke zu besichtigen, der steht vor steinernen Zeugen vergangener Tage. Die großen Kulturen der Antike sind untergegangen. Sie sind trotz ihrer einstigen politischen, militärischen und teils geistigen Größe verschwunden. Ganz im Gegensatz zum jüdischen Volk. Das hat die Jahrtausende überdauert, trotz Vertreibung und Vernichtung. Ohne Heimatland, in der ganzen Welt verteilt, verschiedene Sprachen sprechend: Am Israel Chai, das
jüdische Volk lebt.
Der große Rabbiner und Philosoph Saadia Gaon (882-942,

Ägypten/Babylonien) hat die Frage gestellt: Was macht eigentlich dieses Volk aus? Seine Antwort lautete: »Unsere Nation exis-tiert kraft unserer Tora.« Was einen Juden aus Spanien mit einem in Tunesien, Russland oder Amerika verbindet, ist die ge-
meinsame Verpflichtung gegenüber der- selben Tora.
Die Geschichte anderer Völker beginnt mit einem Territorium, das von vielen Individuen bewohnt wird, die eine Nation mit einer Verfassung bilden. Jüdische Geschichte beginnt ohne Heimatland in der Wildnis.
Was dieses Volk
definiert,

ist nicht das Territorium sondern eine Idee, eine Vision: die Tora. Bei anderen Völkern erzeugt das Land die Gesetze. Beim jüdischen Volk wird die Identität durch die To-
ra definiert.
Man kann heute sagen, dass Rabbiner Saadia Gaon recht behalten hat. Jüdische Bewegungen, die sich nicht gemäß unserer Tradition definierten, haben sich nicht be-
währt. Von den Anhängern des Baal zu biblischen Zeiten bis zur modernen Ära sind diejenigen, die versuchten, Änderungen zu vollziehen oder unsere Tradition zu ignorieren, entweder zu den wahren Werten der Tora zurückgekehrt oder sie haben sich bedauerlicherweise assimiliert. Im Laufe unserer Geschiche des Leidens und der Missachtung war der konstante Faktor, der unser Volks stets begleitet und unser Überleben gewährleistet hat, nicht die Kultur, die Sprache oder das Land, sondern die Beachtung unseres spirituellen Vermächtnisses.
Auch Martin Buber hat gegen die Schaffung eines rein säkularen Staates Israel ar-
gumentiert. Ja, auch unsere Identität in Is-
rael muss an unser spirituelles Vermächtnis gebunden sein. Vor mehr als 3.000 Jahren sprach Moses vom Kampf für eine ei-
gene Identität. Er hatte verstanden, dass Nationalität ohne Spiritualität der jüdischen Seele nicht ausreichen würde.
Unsere Identität ist durch die Tora gebunden. Die biblische Geschichte hat es bewiesen: Immer wenn die Bundeslade nicht beim Volk war, war auch dessen Erfolg nicht sicher. Eine Sprache, eine Kultur, ein Land allein reichen nicht aus - wir brauchen G’tt und die Tora.
Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Menschen dazu gezwungen werden sollen, das Gesetz zu befolgen. Das wäre kontraproduktiv, Tradition und Spiritualität müssen eine von innen herauskommende persönliche Entscheidung sein.
Die antiken Kulturen bauten großartige Monumente, die die Zeit überdauern sollten. Was sie gebaut haben, steht noch, aber die Zivilisationen sind vergangen. Auch wir sind Erbauer. Aber wir haben nicht Monumente aus Stein gebaut.
Vielmehr wurde uns am Berg Sinai aufgetragen, eine gerechte Welt zu erbauen, deren Bausteine die guten Taten, die Erfüllung der Mizwot und das Studium der Tora sind.
Moses zeigte den Menschen, dass G’tt der Architekt dieser Welt ist und all jene Menschen, die Partner der Schöpfung sein möchten, die Erbauer. So verwandelte Mo-
ses eine Gruppe Sklaven in ein Volk. Ein ewiges Volk.

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