Schweinegrippe

Steck mich nicht an!

Neben Koalitionsverhandlungen und den Regierungsplänen von Schwarz-Gelb beherrscht die Angst vor der »Schweinegrippe« die öffentliche Debatte. Beschwichtigungen und Horrorszenarien wechseln sich ab. Der Laie kann letztlich nicht beurteilen, ob hier eine große Gefahr die Menschheit bedroht oder ob die Pharmaindustrie es geschafft hat, ihr eigenes Konjunkturprogramm geschickt zu lancieren.
Gerade im Internet und auf der Straße dominiert die womöglich drohende Pandemie und die Frage, wie ihr zu begegnen sei. Dabei hat sich der Grundton des Gespräches fast unmerklich verschoben – eine beunruhigende Veränderung, die sowohl dem gesunden Menschenverstand wie auch der jüdischen Tradition zutiefst widerspricht: An die Stelle der Sorge um den einzelnen Kranken und der Frage, wie die Gesellschaft mit Epidemien umgehen kann und soll, tritt zunehmend die Überlegung: Wie kann ich eine Ansteckung vermeiden? Und wenn jemand niest, heißt es nicht mehr »Gesundheit«, sondern »Steck mich bloß nicht an!«
Gesundheit ist aber nicht die Abwesenheit von Bakterien und Viren, sondern die Fähigkeit, die vielen Erreger, die uns alltäglich begegnen, erfolgreich abzuwehren. Damit unser Immunsystem funktionieren kann, muss es Krankheitsverursachern begegnen, um die richtige Abwehr einzu- üben. Das sagt einem die Vernunft, die auch das richtige Maß kennt: Wer eine hoch ansteckende Krankheit hat oder zu einer Risikogruppe gehört, wird besondere Schutzmaßnahmen für andere oder sich selbst ergreifen. Dabei können sogar Windpockenpartys sinnvoll sein, um die Abwehrkräfte zu stärken!
Jeder Krankheit weiträumig aus dem Weg zu gehen, verhindert nicht nur gesunde Immunisierung, sondern auch Freude am Leben: Wie viele Begegnungen, wie viele Erlebnisse verpasst man aus lauter Angst vor Ansteckung! Und hinter dieser Angst verbirgt sich eine fatale Illusion: dass ein Leben ohne Gefährdung, ohne die Begegnung mit Krankheit und Tod möglich sei. Dabei wird übersehen, wie steril, ja leblos ein solches Dasein wäre.
Die jüdische Tradition bietet uns keine einfache Lösung für dieses Problem. Sie ist sich dieses Dilemmas bewusst und kennt zwei sich auf den ersten Blick widersprechende Mizwot: das Gebot, für die eigene Gesundheit zu sorgen und das, sich um die Kranken zu kümmern. Viele Texte betonen, man solle auf sein Wohlbefinden achten und Gefahren vermeiden. Dazu gehört, sich vor ansteckenden Krankheiten zu hüten. Das Gebot, Leben zu erhalten, berechtigt dazu, gegebenenfalls fast alle anderen Mizwot zu brechen – die Grenze liegt erst bei Mord, Unzucht und Götzendienst. Der babylonische Talmud formuliert den Grundsatz so: »Ihr sollt durch sie leben und nicht sterben« (Joma 85b).
Gleichzeitig ist die Mizwa des Bikur Cholim, des Krankenbesuchs und der Krankenpflege, eines der wichtigsten Gebote, die im täglichen Morgengebet in den Birkot Haschachar als eine »Mizwa, die kein Maß kennt« genannt wird. Bei Maimonides steht sie an der Spitze der Aufgaben, die eine jüdische Gemeinde zu erfüllen hat (Hilchot Deot IV, 23). Nach dem Schulchan Aruch ist es wichtiger, die Leidenden zu versorgen, als eine Synagoge zu bauen (Jore Dea 249,16). Krankenbesuche sind die Pflicht jedes einzelnen Juden. Das schließt Nichtjuden mit ein (Gittin 61a). Auch das wichtige Gebot, die Sterbenden zu begleiten und die Toten zu begraben, macht deutlich, dass die Vermeidung von Ansteckung nicht die höchste Priorität in der jüdischen Tradition genießt. Zum Miteinander der Menschen gehört eben die Begegnung mit Krankheit und Tod.
Es ist unsere Aufgabe, dem natürlichen Fluchtimpuls entgegenzuwirken – auch wenn es nicht leicht fällt, sich Krankheit, Leid und Tod auszusetzen. Das Judentum fordert uns aber auf zu erkennen, dass sie ein Teil unseres Lebens sind, und dass die Sorge füreinander zum Menschsein gehört. Nur wenn die Gesunden den Kranken helfen und die Toten begraben, ist eine Gesellschaft funktionsfähig. Wir müssen die Balance halten zwischen Selbstschutz und Selbstlosigkeit. Das ist eine schwierige Aufgabe, die genaues Hinsehen ohne Angst und Panik verlangt. Dafür gibt es keine Patentrezepte, sondern nur ein behutsames Wahrnehmen der Situation – von Mensch zu Mensch, mit Verstand und Herz.

Anna Staroselski

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