Shimon Stein

»Spiralenförmig denken«

Herr Stein, gemessen an der Anzahl wissenschaftlicher Publikationen liegen is-raelische Wissenschaftler gleich hinter deren amerikanischen Kollegen. Wie er-klären Sie sich diese Produktivität?
stein: Ein Grund liegt in der äußeren Bedrohung, der wir ausgesetzt sind. Israel investiert viel Geld in den Verteidigungshaushalt. Im militärischen Bereich findet ein Großteil der Forschung und Entwicklung statt. Viele Innovationen im Sektor High-Tech und Biotech oder sogar der Luftfahrt wurden in der Armee entwickelt und fanden dann ihren Weg in den zivilen Sektor. Umgekehrt wird dieser Weg allerdings nie beschritten.

Das erklärt aber noch nicht nicht die Produktivität der Wissenschaftler.
stein: Wir besitzen keine natürlichen Resourcen. Deshalb sind wir allein auf unser Know-How angewiesen. Israelische Regierungen haben schon sehr früh begonnen, Forschung und Ausbildung zu fördern. Außerdem gibt es einige Charakteristika, die den Israelis oder Juden zu eigen sind, auch, wenn ich jetzt etwas verallgemeinern müsste.

Verallgemeinern Sie doch einmal.
stein: Wissenschaft erfordert ein Denken, das sich von den üblichen Schablonen löst, und eine gewisse Risikobereitschaft.

Wir sind klein, frech und wir improvisieren. Das sind gute Voraussetzungen

Und das wäre charakteristisch für Israelis oder Juden?
stein: Dass wir gelernt haben zu improvisieren, ist natürlich den Umständen geschuldet. Israel war ein armer Staat. Da musste man das Beste aus geringen Mitteln machen. Aber eine jahrhundertelange Tradition des Talmud-Studiums ist auch förderlich. Dabei lernt man eben nicht einfach etwas auswendig. Man denkt gewissermaßen spiralenförmig um ein Problem herum, beleuchtet es von allen Seiten, stellt kritische Fragen und wagt auch Thesen und Interpretationen, die auf den ersten Blick ganz abseitig wirken mögen.

Wird Israel in Deutschland als interessanter Wissenschaftsstandort genügend wahr genommen? In anderen Ländern, wie in

Großbritannien, sind es gerade die Universitäten, die zum Boykott Israels aufrufen.
stein: Das Gegenteil ist für Deutschland der Fall. Den Bereich Wissenschaft in den deutsch-israelischen Beziehungen würde ich sogar als »Insel der Seligen« bezeichnen. Lange, bevor überhaupt diplomatische Beziehungen aufgenommen wurden, besuchten die ersten deutschen Wissenschaftler, unter ihnen die Atomphysikerin Lise Meitner, schon das israelische Weizmann-Institut. Der Wissenschaftsaustausch ist so etwas wie die Keimzelle der Beziehungen. Die erste Generation kam sicherlich nach Israel, weil sie ein wissenschaftliches Interesse hatte, aber auch aus einem gewissen Schuldgefühl, und weil ihnen die Beziehungen zu Kollegen, die aus Deutschland und Europa vertrieben worden waren, eine Herzensangelegenheit waren.

Und jetzt?
stein: Ist es klar, dass alle Seiten von diesem Austausch profitieren. Nur ein Beispiel: der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und dessen israelischer Amtskollege Shimon Peres riefen 1986 den German-Israel-Fund (GIF) ins Leben, mit einem Stiftungsvermögen von jeweils 75 Millionen D-Mark. Das ist eine enorme Summe. Zum Ende meiner Amtszeit als Botschafter war das Vorhaben bereits so erfolgreich und die Nachfrage nach gemeinsamen Projekten so groß, dass wir das Kapital um jeweils 25 Millionen Euro aufstockten. Die Frage ist jetzt: Wie können wir das in Zukunft fortsetzen?

Sie betonten doch eben, dass es nicht an Interesse fehlt?
stein: Sicher. Auch die Bundesregierung ist sehr an der Förderung des Austauschs interessiert. Nur leidet er unter dem »USA-Syndrom«: Beide Länder können auf dem wissenschaftlichen Sektor nicht mit den USA konkurrieren. Wer die Wahl hat, geht lieber dorthin. Nicht zuletzt, weil die Lebensbedingungen bes-
ser sind.

Fürchten sich deutsche Wissenschaftler, in einem Konfliktgebiet zu leben?
stein: Das Thema Sicherheit spielt keine entscheidende Rolle. Wichtiger ist die Frage der Sprache, der Schulen für die Kinder. Englisch ist eine universale Wissenschaftssprache. US- Universitäten und Forschungseinrichtungen genießen eben das höchste Ansehen. Für die Zukunft jedenfalls mache ich mir doch große Sorgen um unsere »Insel der Seligen«.

Fehlt es an Nachwuchs?
stein: Es wird jedenfalls eine der ganz großen Herausforderungen, den Nachwuchs zu fördern. Eben, weil der »goldene Wissenschaftsstaat USA« eine große Konkurrenz darstellt. Aber auch, weil wir in Israel unser wichtigstes Gut vernachlässigen. In den letzten Jahren wurden die Budgets vieler Universitäten empfindlich gekürzt. Die Gymnasien
und Grundschulen befinden sich längst nicht
mehr auf höchstem Niveau. Jetzt spüren wir das vielleicht noch nicht, weil wir die Ernte

dessen einfahren, was wir vor 20 Jahren gesät haben. Aber in den nächsten Jahrzehnten könnte es schwierig werden.

Braucht Israel einen
heilsamen Pisa-Schock?
stein: Unbedingt. Und je schneller wir aufwachen, desto besser. Israel ist auf sein Know-How angewiesen – wirtschaftlich, aber auch, weil wir der äußeren Bedrohung nur mit der Fähigkeit begegnen können, schnell und intelligent zu reagieren. Außerdem ist die Wissenschaftsebene der deutsch-israelischen Beziehungen einfach wunderbar. Hier existieren wirklich keinerlei Vorurteile.

Das Gespräch führte Sylke Tempel.

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