Beliebt

Spaß im Kreis

Ich bin positiv überrascht von dieser Energie, dem Temperament. Es ist schön, zu sehen, wie an dieser Stelle in Deutschland jüdische und israelische Kultur verschmelzen», erzählt Rafi Wertheim. Ludmilla Helwer ist ähnlich beeindruckt: «Es ist beachtlich, was sie geschafft haben. Sie haben einen guten Teamgeist.» Die beiden Zuschauer sind begeistert von der Leistung der Tanzgruppe «Simchat Hora», die vergangenen Sonntag in der Jüdischen Gemeinde in Chemnitz ihren fünften Geburtstag feierte.
Mal in strahlend weißen Kostümen mit türkis glänzenden Westen, mal in klassisch schwarzen Tunikas drehen sich die zwölf Tänzerinnen in einem fort vor den 200 Besuchern. Die Frauen, alle zwischen 37 und 72 Jahren, präsentieren 17 israelische Kreistänze. So steppen die Füße die vorgeschriebenen Schrittfolgen von Liedern wie Nizane Schalom (Knospen des Friedens) oder Od Lo Achavti Dai (Ich habe noch nicht genug geliebt), die in hebräischer Fassung vom Band gespielt werden, leicht und rhythmisch ins Parkett.
Jeden Mittwochnachmittag haben sie dafür unter der Leitung von Galina Lunova
geprobt. «Meine Mädels wollen immer tanzen», freut sich diese und ergänzt ein biss-
chen stolz, «insgesamt haben wir schon 65 Tänze im Repertoire.» Ein Bekannter hatte sie erst überreden müssen, an einem Tanzseminar der Zentralwohlfahrtsstelle (ZWSt) in Bad Sobernheim teilzunehmen. Aus Teilnehmergebühren und laufenden Zuschüssen finanziert, gibt dort die Israelin Tirza Hodes Kurse. Heike von Bassewitz, Sprecherin der ZWSt, beobachtet, dass diese immer beliebter werden. «Für viele Zuwanderer, die oft kaum mit jüdischen Traditionen verbunden sind, ist das ein lockerer Einstieg», erklärt sie.

Lebensfreude Darüber hinaus betont Heike von Bassewitz: «Bei unseren Work-
shops lernt man nicht nur die Tänze, sondern auch, wie man andere zur Bewegung motiviert.» Galina Lunova hat neben mehr Selbstvertrauen also auch pädagogisches Rüstzeug mit auf den Weg bekommen. Heute sagt sie: «Wenn ich tanze, dann genieße ich.» Larissa Schein ist ebenfalls tanzbegeistert. Da sie lange Zeit in Israel gelebt hat, eignete sie sich ihr Wissen über die israelischen Volkstänze vor Ort an. Mittlerweile lebt die 54-Jährige in Berlin und leitet seit zwei Jahren im Umfeld der Synagoge Oranienburger Straße die Tanzgruppe «Jachad». Mit dieser ist sie auch zum Jubiläum nach Chemnitz gekommen. Das Geburtstagsständchen: natürlich einTanz. Wieder geht es im Kreis herum. Da-
bei wird deutlich, dass die Berliner Formation, da um acht Personen größer, viel Ener-
gie für ihre Koordination aufwenden muss.

Jungbrunnen Das mindert die Freude nicht, zumal «Jachad» einen besonderen Hingucker hat: inmitten 19 vitaler Frauen leuchtet eine einzelne rote Kippa. Sie gehört Boris Itkins. Er ist offensichtlich schon etwas älter, wie alt er genau ist, verrät er jedoch nicht, und so folgt seine Begründung für sein tänzerisches Engagement stehenden Fußes: «Ich tanze, um jung zu bleiben!» Weshalb Tanzen eher Frauensache sei, kann sich Larissa Schein nicht wirklich erklären. Sie weiß nur aus Erfahrung: «Ich tanze auch Standard und Latein, und da fehlen auch immer die Männer.»
Während die Geburtstagskinder von «Simchat Hora» eine Pause einlegen, um sich umzuziehen, erfüllt die Geigerin Alke Witt den großen Saal der Gemeinde mit jüdischen Melodien. Doch schon geht es weiter mit dem Tanz. Eine orientalische Einlage erinnert an die erotische Komponente rhythmischer Bewegung. Die überall golden und violett glitzernde Bauchtänzerin animiert schließlich die Zuschauer, selbst eine kesse Sohle aufs Parkett zu legen und hat damit auch bei den Herren Erfolg. Gemeinsam geht es wieder traditionell im Kreis herum.

Euphorie Das Verbindende, die Aufforderung zum Mitmachen, zum Sich-Einreihen in eine Gemeinschaft eint die israelischen Volkstänze. Selten sind ihre Schrittfolgen auf eine Schauseite hin ausgerichtet und die Tänzer fliegen nur mit den Rücken am Zuschauer vorbei. Zum Abschluss des Tanzfestes werden so auch die Tänzer von «Jachad» und «Simchat Hora» eins und drehen zur Weise Uve Ahavata Le-Re Aha (Liebe deinen Nächsten wie dich selbst) ihre Runden.

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026