gehörlos

Sounds of Silence

von Sophie Neuberg
und Susanne Reuber

Als der kleine Fred Friedman sechs Jahre alt wurde, standen seine Eltern in Baltimore/Maryland vor einer schwierigen Entscheidung. Sollten sie ihren gehörlos geborenen Sohn auf eine Spezialschule für Hörbehinderte schicken oder auf eine jüdische Schule? In einer jüdischen Schule hätte der Junge Lernprobleme; in einer Einrichtung für Gehörlose käme seine religiöse Erziehung zu kurz. Die Eltern entschieden sich schließlich für eine Gehörlosenschule. Gleichzeitig intensivierten sie daheim die jüdische Erziehung des Jungen. Mit Erfolg. Heute ist der 59jährige Rabbiner, nicht trotz sondern wegen seiner Gehörlosigkeit: »Es war für mich sehr wichtig, Rabbiner zu werden, um meinen Glauben in meiner eigenen Art zu kommunizieren«, sagt er.
Friedman war einer von fast 300 Teilnehmern aus aller Welt, die vergangene Woche in der Humboldt-Universität Berlin am 6. internationalen Kongreß zur »Deaf History« teilnahmen. Der Schwerpunkt lag diesmal beim Thema Judentum. »Deaf History gehörloser Juden«, »Gehörlose im Nationalsozialismus« und »Deaf Holocaust« hießen drei der insgesamt sieben Symposien. Dabei ging es nicht ausschließlich um Historisches. Vorgetragen und diskutiert wurden auch religiöse Fragen, wie die nach dem Zugang Gehörloser zu Tora und Kabbala. Der Hauptakzent aber lag bei bei der Geschichtsforschung. Hans-Jürgen Stepf und Iris Groschek sprachen über die Zwangssterilisierungen von Gehörlosen in der NS-Zeit. Israel Savir, einer der letzten überlebenden Schüler der »Israelitischen Taubstummen-Anstalt« in Berlin-Weißensee, berichtete über die Institution, die 1942 von den Nazis zwangsaufgelöst wurde. Jochen Muhs stellte den in Auschwitz ermordeten Paul Kroner vor, den Gründer eines der ersten deutschen Gehörlosenverbände. Marijke Scheffner präsentierte den Amsterdamer jüdischen Gehörlosenverein »Guyot«. Douglas Buhl sprach über Kindertransporte gehörloser jüdischer Kinder nach Großbritannien. Jan Backer berichtete über gehörlose Juden in Amsterdam im Zweiten Weltkrieg. Organisiert hat den Berliner Kongreß der Historiker Mark Zaurov, selbst gehörloser Jude und Gründer der »Interessengemeinschaft Gehörloser jüdischer Abstammung in Deutschland«. Die Organisation ist klein. Genetisch bedingte Gehörlosigkeit kommt nur bei etwa 0,01 Prozent aller Geburten vor, weit häufiger (0,1%) entsteht Gehörlosigkeit durch vor- und nachgeburtliche Ertaubungen, wie Erkrankungen der Mutter während der Schwanger- schaft oder Erkrankungen im Kindesalter. Gegenwärtig leben in Deutschland etwa 80.000 Gehörlose, von denen wiederum etwa 35.000 eingetragene Mitglieder der Vereine des Deutschen Gehörlosenbundes sind. Gehörlose Juden gibt es in der Bundesrepublik nach Schätzung von Mark Zaurov nur rund 100.
Gehörlose Juden, berichtet Zaurov, fühlen sich oft doppelt diskriminiert. Im Judentum galten sie traditionell als dumm. weil sie das Wort Gottes nicht vernehmen konnten. Sie durften deshalb lange Zeit nicht Rabbiner oder Schächter werden, synagogale Ehrenämter waren ihnen verwehrt, in manchen Gemeinden erlaubte man ihnen nicht einmal, Häuser zu besitzen. Diese Art Diskriminierung ist heute zwar nicht mehr der Fall. Dennoch haben Gehörlose große Probleme, sich in den jüdischen Gemeinden zu integrieren, schon weil das Gros der anderen Juden die Gebärdensprache nicht beherrscht. So kann nicht einmal elementare Kommunikation stattfinden. In Gehörlosenvereinen wiederum sind kaum religiös verwurzelte Juden anzutreffen. »Gehörlose treffen sich meist samstags zu Versammlungen, Sport, etc. – das ist für uns praktizierende Juden ein Dilemma«, sagt Rabbiner Friedman schmunzelnd. Und natürlich gibt es auch unter Gehörlosen Antisemitismus, wie überall sonst in der Gesellschaft. Jüdische Gehörlose führen seit Jahren beispielsweise einen Kampf dagegen, daß in der Zeichensprache für das Wort »Jude« das diskriminierende Symbol der krummen Nase verwendet wird.
Für jüdische Gehörlose hat es in den vergangenen Jahren einige Fortschritte gegeben. Heute gibt es in den USA einige gehörlose Rabbiner, wie Fred Friedman. In Chicago existiert sogar eine Jeschiva, die gehörlose Rabbiner ausbildet. Auch ist ein kleiner Forschungsbereich zur Geschichte der Gehörlosen und der Gehörlosigkeit, die sogenannte »Deaf History«, entstanden. Sie ist vor allem in den USA vertreten, in Deutschland befaßt sich immerhin das eine oder andere Universitätsseminar mit dieser Thematik. Der jüdische Aspekt der »Deaf History« kommt dabei freilich meist zu kurz, ebenso wie die Gehörlosen in der allgemeinen jüdischen Historiographie. Das betrifft auch die Schoaforschung. Rund 6.000 gehörlose Juden wurden in den Vernichtungslagern ermordet. »Nur sehr wenige überlebten«, sagt Zaurov, der sich als Historiker auf dieses Thema spezialisiert hat. Die Geschichte dieser Überlebenden, fürchtet er, drohe zu verschwinden, da ihre spezifischen Erlebnisse jahrelang ignoriert wurden. Vereinzelte Historiker wie Zaurov oder Simon Carmel aus den USA versuchen seit Jahren, Lebensgeschichten von gehörlosen Schoa-Überlebenden in Interviewform zu sammeln. Das bisher dazu vorhandene Material sei spärlich und ungeeignet, berichteten sie auf dem Kongreß: So finde man Interviews, in denen der Gebärdensprachendolmetscher nicht zu sehen oder sehr ungeschickt sei. Zaurov, der von Geburt an gehörlos ist, hat selbst Interviews mit Schoaüberlebenden geführt und hält es aus Gründen der Kultur und des Verständnisses für geboten, daß künftig grundsätzlich nur Gehörlose Interviews mit Gehörlosen führen. Das freilich ist teuer: Man braucht mehr Kameras, Gebärdendolmetscher und Untertitelung. Finanzielle Unterstützung sei aber kaum zu bekommen, berichteten Zaurov und Carmel. Weder Steven Spielbergs Shoah Foundation noch die israelische Holocaustgedenkstätte Yad Vashem seien bisher bereit gewesen, ihre Projekte zu fördern. Dabei spielten auch Vorurteile eine Rolle. So sei man, sagt Zaurov, in Yad Vashem nicht damit einverstanden, daß Gehörlose die Interviews führen.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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