Europäisch-Jüdischer Kongress

SOS

von Tobias Kühn

Die Zeichen stehen auf Abstand. Das Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland hat am Sonntag beschlossen, seine Mitgliedschaft im Europäisch-Jüdischen Kongress (EJC) bis auf Weiteres auszusetzen. Grund dafür sind die Vorkommnisse auf der außerordentlichen Mitglie- derversammlung des EJC am 10. Februar in Paris. Man sei empört über den Umgangsstil von EJC-Präsident Moshe Kantor, sagte Zentralrats-Generalsekretär Stephan J. Kramer. Die Abstimmungen und die Art und Weise, mit der wichtige Satzungsänderungen und damit Weichenstellungen für den EJC vorgenommen wurden, seien zutiefst befremdlich. Bis »zur Klärung der Rechtswirksamkeit der Entscheidungen und einer spürbaren Verbesserung des Klimas im EJC« werde der Zentralrat seine Mitgliedschaft deshalb ruhen lassen, so Kramer. Bereits eine Woche zuvor hatten die Vertreter der jüdischen Gemeinden Österreichs, Frankreichs und Portugals ihre Mitgliedschaft im EJC auf Eis gelegt.
Auslöser der Proteste war eine Abstimmung über die rückwirkende Verlängerung der Amtszeit von EJC-Präsident Moshe Kantor. Bei der Vollversammlung des Kongresses am 10. Februar hatten die 85 Delegierten aus mehr als 40 Ländern über eine Satzung des Gremiums und über die Verdoppelung der Legislaturperiode von bislang zwei auf vier Jahre zu entscheiden. 51 der Repräsentanten votierten dafür, 34 dagegen.
»Die Verlängerung der Amtszeit von Moshe Kantor war nicht in Ordnung«, sagt José Oulman Carp, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Lissabon. Schärfer formuliert es Richard Prasquier, Präsident des Conseil Représentatif des Institutions juives de France (CRIF), der Dachorganisation der Juden Frankreichs: Er nennt den Vorgang »undemokratisch«. Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, spricht gar von »Methoden, wie sie jetzt in Russland gang und gäbe sind«.
Beobachter gehen davon aus, dass hauptsächlich Delegierte aus Osteuropa für die Verdoppelung der Legislaturperiode gestimmt haben. So sieht Péter Feldmájer, Vorsitzender der Vertretung der jüdischen Gemeinden in Ungarn (MAZSIHISZ), in der Verlängerung der Präsidentschaft »kein Problem«. Unentschlossen gibt sich Piotr Kadlcik, Vorsitzender des Verbands der Konfessionsgemeinden in Polen (ZGWZ) und zugleich Mitglied des Exekutivkomitees beim EJC: »Ich habe noch keine abschließende Meinung, ob die Verlängerung des Mandats gut oder schlecht ist«, sagte er der Jüdischen Allgemeinen.
Moshe Kantor, Jahrgang 1953, Moskauer Industrieller und Milliardär, steht dem EJC seit gut sieben Monaten vor. Wie er vor der Wahl Ende Juni 2007 sagte, trete er an, um »Europa zu vereinen«, er sei »der geeignete Mann«. Inzwischen sind große Zweifel daran aufgekommen, und es werden Stimmen laut, die sich ein europäisch-jüdisches Gremium sehr gut ohne Kantor und sogar ohne Russland und die Ukraine vorstellen können. So sagte der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ariel Muzicant, dieser Zeitung, er plane »einen Kongress, der die Grenzen und Machtverhältnisse der EU widerspiegelt«. Er, Muzicant, und die jüdischen Gemeinden Ös- terreichs fühlten sich von Kantor nicht vertreten. Er vermisse das ihm vertraute Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im EJC und wolle nicht in einer Organisation verantwortlich sein, wo er nicht hundertprozentig überzeugt sei, dass alles seine rechtmäßige Ordnung habe. Muzicant steht mit seiner Ansicht nicht allein. Artur Hofman, Vorsitzender der Soziokulturellen Gesellschaft der Juden in Polen (TSKZ), der seit Kurzem im EJC nur noch Beobachterstatus hat, kann Muzicants Idee einiges abgewinnen: »Die Gründung eines alternativen Kongresses wäre ein guter Schritt«, findet er. Denn Kantor scheine eher die Interessen Putins zu vertreten als die der europäischen Juden, so Hofman.
Indes appellierte Präsident Moshe Kantor an die EJC-Mitgliedsverbände: »Wir sind eins. Was uns verbindet, ist viel wichtiger als die Differenzen, die es von Zeit zu Zeit gibt.« Sich vom EJC abzuspalten, zeige, dass manche Länder einen osteuropäischen EJC-Chef nicht akzeptieren wollen, so Kantor. Er empfehle, unverzüglich eine Schlichtungskommission zu berufen.
Rabbiner Yaakov Dov Bleich, Vorsitzender der Jüdischen Konföderation der Ukraine, hält Muzicants Vorschlag »für eine ganz dumme Idee«. Man brauche Einheit für die anstehenden Aufgaben, nicht Spaltung, sagte er. Auch in Westeuropa hat Muzicants Plan entschiedene Gegner: So meint die Generalsekretärin des Verbands jüdischer Gemeinden in Spanien, Dalia Levinsohn, ein europäischer jüdischer Kongress in den Grenzen der EU schade den Interessen der Juden in Europa.
»Wir Juden sollten uns nicht gegenseitig bekämpfen, wir sind so wenige in der Welt, wir müssen zusammenstehen«, beschwört José Oulman Carp, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Lissabon, die Kontrahenten. Auch CRIF-Präsident Richard Prasquier ruft zur Besonnenheit auf. Natürlich spräche manches für einen Kongress innerhalb der EU-Grenzen, doch solange es Hoffnung auf Veränderung gebe, sollte man keine gänzlich neue Organisation aufbauen, sagte er der Jüdischen Allgemeinen. »Wir sollten mit den Leuten vom EJC sprechen und herausfinden, ob sie zu Veränderungen bereit sind.« Im Übrigen, so Prasquier, gebe es vielleicht auch die Möglichkeit, dass sich die Vertreter der jüdischen Gemeinschaften aus den EU-Ländern innerhalb des EJC zusammenschlössen. Darüber müsse man in aller Ruhe nachdenken.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland mahnte indes, den Europäisch-Jüdischen Kongress nicht zu spalten: »Er ist die wichtigste politische Stimme für das europäische Judentum, seine Einheit darf nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden«.

Mitarbeit: Andreas Bock, Jan Opielka, Uwe Scheele und Clemens Hoffmann

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