Urlaub

Sommerzeit, Reisezeit

von Johannes Boie

Für Kinder und Jugendliche ist der Sommer die schönste Zeit des Jahres. Die großen Ferien unterbrechen das Schuljahr und schaffen eine lange, heiß geliebte Pause. Schluss mit Lernen, rein in den Urlaub. Erholung, neue Entdeckungen und Spaß stehen jetzt auf dem Programm. Für die allermeisten geht es in die Ferne – sei es zurück in die alte Heimat nach Osteuropa, nach Israel, oder auf zu ganz neuen Zielen.
Doch was ist mit jenen, bei denen familiäre oder finanzielle Gründe eine Reise ausschließen? Oder mit all den Kindern und Jugendlichen, die lieber mit Gleichaltrigen wegfahren? Damit der Nachwuchs im Kreis seiner Freunde und möglichst unabhängig von Zeit und Geld der Eltern etwas von der Welt sehen und lernen kann, bieten religiöse Organisationen und Gemeinden Feriencamps in jüdischem Kontext an: ein großes Angebot, professionell organisiert.
Lena Borodjanski (20) nahm als Teenager zwei Mal an Lauder-Sommerlagern in Ungarn teil. »Das war super«, erinnert sie sich. Sie lernte viele andere jüdische Jugendliche aus der ganzen Welt kennen. Dass Lena damals aber überhaupt teilnehmen durfte, bleibt ihr ein Rätsel. Denn es gelten Aufnahmekriterien – Kriterien, die Lena damals nicht erfüllte. Das Mädchen war der Halacha nach keine Jüdin. Zwar ist ihr Vater jüdisch, doch bei ihrer Mutter steht die Religion nicht genau fest. Erst im vergangenen Jahr trat Lena Borodjanski offiziell zum Judentum über.
»Bei uns wird streng nach der Halacha ausgewählt«, bestätigt Alexej Tarchis, der bei Lauder für Sommerreisen verantwortlich ist. Rund 170 Jugendliche schickt er dieses Jahr in den Urlaub – einige von ihnen werden ohne den besten Freund oder die beste Freundin fahren müssen. »Nur wenn sich jemand bereits im Konversionsprozess befindet«, sagt Tarchis, »können wir eine Ausnahme machen.« Er weiß, dass die Regelung viele Jugendliche, die ebenfalls aus jüdischen Familien kommen, aber nach der Halacha nicht jüdisch sind, traurig macht. »Aber wir haben Vorgaben von unseren Sponsoren.«
Wie traurig die Jugendlichen sind, beschreibt die Mitarbeiterin einer großen deutschen Gemeinde, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will: »Da wird Rotz und Wasser geheult«, sagt sie. Die Jugendlichen erführen die Zurückweisung auch als Abwertung ihres Vaters, bei dem das Judentum ja oft nachgewiesen sei. Lena Borodjanski: »Als mich die ZWSt nach meinen Reisen mit Lauder ablehnte, verstand ich die Welt nicht mehr. Alle meine Freunde fuhren doch auch weg!«
Bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt), deren Sommergäste von den Gemeinden streng nach der Halacha zugelassen werden, weiß man um die Tränen der Kinder. »Das gab’s schon vor 30 Jahren«, erklärt Inka Margulis vom Jugendreferat. Die Zuwanderung aus dem Osten lasse das Problem aber häufiger auftreten. Andererseits rechnet sie damit, dass in den nächsten Jahren viele Kinder konvertieren werden und somit weniger Trennungen in den Ferien anfallen. Dass die strengen Regeln für die Platzvergabe geändert werden, hält sie für ausgeschlossen.
Der Düsseldorfer Jugendreferent Jossi Avidor bedauert, dass diese Kinder zu Hause bleiben müssen. Er sagt, es gebe deshalb in seinem Landesverband viele Veranstaltungen, zu denen auch solche Kinder und Jugendliche kommen dürften, die nach der Halacha nicht jüdisch seien. »Schließlich können wir sie so auch mehr an die Gemeinde binden«, erklärt er. Bei einer Sommerreise sei aber nicht Neu-Integration, sondern religiöse Bestätigung das Ziel. »Da ist es im Moment besser, eine klare Grenze zu ziehen.« Der Kölner Chabad-Rabbiner Mendel Schtroks denkt ähnlich. Er fürchtet um die »warme jüdische Atmosphäre«, sollte die Auswahl nicht streng nach der Halacha erfolgen.
Bei den liberalen Juden hingegen möchte man sich mit dem Ziehen von Grenzen nicht abfinden. »Wir müssen um jede jüdische Person kämpfen«, sagt Rabbiner William Wolff. »Gerade die jüdische Identität von Jugendlichen mit nur einem jüdischen Elternteil muss man doch stärken – statt sie auszuschließen.«
Ähnlich wie Wolff denkt auch Ruth Röcher, Religionslehrerin in Chemnitz, Leipzig und Dresden. »Wenn ich sehe, dass keiner diese Kinder haben will, blutet mir das Herz.« In Röchers Gemeinden habe man sich deshalb dazu entschieden, diese Kinder zu internen Sommer- und Winterreisen mitzunehmen, auch wenn nur der Vater Jude und Gemeindemitglied ist. »Wenn sie die Nähe zu uns suchen, dürfen wir nicht Nein sagen, denn diese Kinder sind dabei, eine jüdische Identität zu entwickeln«, so Röcher. »Ich missioniere nicht. Aber es kann sein, dass der eine oder andere danach eher übertritt.«
Auch bei Chabad Lubawitsch versucht man inzwischen, eine Alternative zur kategorischen Ablehnung zu finden. In Berlin wird neuerdings jeder Antrag auf einen Platz für ein Feriencamp, der eigentlich abgelehnt werden müsste, individuell entschieden. Rabbiner Yehuda Teichtel lässt grundsätzlich alle mitfahren, die sich bereits in der Konversion befinden. »Aber auch Absichtserklärungen reichen uns schon aus.«
Ähnlich sind auch die Positionen der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD). »In jüdische Ferienlager dürfen nur Kinder und Jugendliche mitfahren, die halachische Juden sind«, sagt Rabbiner Menachem Halevi Klein aus Frankfurt am Main. Akzeptiert würden aber auch Kinder, deren Mütter den Wunsch geäußert haben, zum Judentum überzutreten. »Wer zusammen verreist, kommt einander näher«, sagt Klein. Angesichts dessen, dass es bereits heute sehr viele Mischehen gibt, sei es besser, die Grenzen eng abzustecken.

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