urlaubszeit

Sommer in der Stadt

Wenn die S‐Bahnen leerer werden und die Gesichter nach den Schuljahreszeugnissen wieder fröhlicher aussehen, dann sind Sommerferien – und Urlaub ist angesagt. Wohin es geht, das steht bei Familien meistens schon lange fest, und wie viele Menschen dieses Jahr vielleicht zu Hause bleiben müssen, weil sich die Finanzkrise in ihren Portemonnaies bemerkbar macht, das wird man erst nach der Urlaubssaison feststellen können. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland erleben die wirtschaftliche Situation im Land ganz unterschiedlich.
In Darmstadt hat Rabbiner Alexander Kahan in Zusammenarbeit mit einer Madricha ein einwöchiges Daycamp organisiert, für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren: »Ich habe mir eine Woche ausgesucht, in der die meisten Freizeitangebote für Kinder bereits beendet sind und die Eltern wieder arbeiten müssen und nicht immer gibt es Großeltern, die den Eltern helfend unter die Arme greifen können.«
Auch die Gottesdienste werden während der Urlaubszeit stattfinden, erklärt der Rabbiner: »In Darmstadt sind wir, Baruch Haschem, noch nicht so weit, dass wir Gemeindemitglieder dafür bezahlen müssen, dass sie in die Synagoge kommen. Wir haben das große Glück, dass sie gerne und immer kommen. Auch in den Ferien. Die Atmosphäre ist diesbezüglich sehr positiv bei uns.« Den Mitgliedern sei bewusst, dass es eine Mizwa ist, in einem Minjan zu beten. Eine Änderung im Urlaubsverhalten hat der Rabbiner noch nicht feststellen können, denn er sei noch nicht so lange in Darmstadt: »Es gibt Familien, die in den Urlaub fahren, und es gibt welche, die zu Hause bleiben, ob es sich dabei um eine Folge der Wirtschaftskrise handelt, kann ich nicht beantworten.«

Freizeit »Ob mehr oder weniger Leute in die Ferien fahren, lässt sich nicht sagen«, stellt auch Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Bielefeld, fest, »es fahren jedenfalls mehr Kinder auf Machane«. Während die Gemeinde in den vergangenen Jahren während der Schulferien vier Wochen lang geschlossen blieb, wird nun die Vorstandssprechstunde weiter stattfinden. Auch die Gottesdienste finden statt, »es sind ja nicht alle verreist«, wie Michelsohn sagt. Dank des neuen Gemeindehauses, das im September 2008 feierlich eröffnet wurde, gibt es nun erstmals auch ein spezielles Dankeschön an Angestellte und Ehrenamtliche: »Wir werden nun im Sommer eine Grillparty feiern, als Highlight – das haben wir uns spontan ausgedacht, denn wir haben ja jetzt endlich einen Garten«, freut sich Michelsohn.
Er wisse nicht, wer wohin in den Urlaub fahre, sagt Max Privorotzki. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle berichtet, dass man während der Sommermonate Juli und August Gemeindeferien mache – was allerdings nicht bedeutet, dass das Gemeindezentrum Rat‐ und Hilfesuchenden verschlossen bleibt. »Bei uns sind Synagoge und Gemeindezentrum räumlich getrennt, die Synagoge arbeitet weiter, und auch im Gemeindehaus sind wir tätig, denn wir nutzen die Ferienzeit für Renovierungsarbeiten.« Das Haus war vor 20 Jahren teilsaniert worden, »nun machen wir jedes Jahr einige Zimmer, natürlich auch aus Kostengründen, alles auf einmal können wir einfach nicht finanzieren.«
Auch die Jüdische Gemeinde in Bremen bleibt geöffnet: »Wir schließen nie. Wir haben weiterhin Schabbat‐Gottesdienste, und das Sekretariat ist natürlich durchgehend besetzt«, sagt Elvira Noa, Vorsitzende der Bremer Gemeinde. Veranstaltungen und Kurse finden während der Ferien allerdings nicht statt. »Viele dieser Angebote werden durch Ehrenamtliche betreut, und diese ehrenamtlichen Kräfte müssen auch einmal eine Pause haben und verschnaufen können«, erklärt Noa.
In diesem Jahr wird es kein Daycamp für Schulkinder mehr geben. Im vergangenen Jahr hatte die Gemeinde eines angeboten, doch es sei »nur ausgesprochen mäßig besucht« worden, erzählt Noa. Denn nun führen auch die Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion in die Sommerferien. »Das war zu Beginn der Zuwanderung noch anders. Da gab es dann auch den Bedarf nach Angeboten für die Kinder.« Es fand deshalb während der Ferien im April statt. Um mehr zu organisieren, dafür fehlten ihnen die Kräfte.

Sparflamme »Wir haben ein Angebot für Kinder und Jugendliche, in den letzten 14 Tagen der Ferien wird ein Sommercamp stattfinden«, sagt Michael Szentei‐Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. »Erfahrungsgemäß sind viele verreist. Wenn der Wunsch nach einem speziellen Sommerprogramm an uns herangetragen würde, würden wir uns natürlich etwas überlegen.« Ganz allgemein lasse sich aber sagen: »In den sechs Wochen Sommerferien kocht das Gemeindeleben auf absoluter Sparflamme.«
Für die Mitarbeiter in der Verwaltung bedeutet dies, »in dieser ruhigen Zeit endlich einmal Dinge abarbeiten zu können«, sagt Szentei‐Heise. Zurzeit sei allerdings »der Betriebsprüfer vom Finanzamt zur turnusmäßigen Prüfung da. Dann ist natür‐
lich immer viel zu tun.« Szentei‐Heise, der bereits seit Dezember 1986 als Verwaltungsdirektor in der Düsseldorfer Gemeinde arbeitet, sieht zwischen Zuwanderern und Alteingesessenen nur wenige Unterschiede, wenn es ums Urlaubmachen geht.

Heimat Die neuen Gemeindemitglieder fahren eher in die alte Heimat statt nach Israel, beobachtet Szentei‐Heise. Und fügt hinzu, dass sich »dies aber ganz allmählich ändert«. Die Jugendlichen, die in die jüdische Schule gehen und die von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland angebotenen Machanot mitmachen, reisen schon häufiger nach Israel. »Integration ist eben eine Frage von Generationen und nicht von ein paar Jahren. Man sollte nicht zu ungeduldig sein.«

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