Bildungsauftrag

soll an jüdischen schulen russisch unterrichtet werden?

Bildungsauftrag
von Juri Galickij

Ich würde die Frage gern anders formulieren: »Sollten jüdische Schulen in Deutschland nicht das Fach Russisch unterrichten, wenn man die große Immigration aus der früheren Sowjetunion in Betracht zieht?«
Legen wir zuerst den Begriff »jüdische Schule in Deutschland« fest. Meiner Meinung nach ist sie eine Schule, die zum Leben der jüdischen Gemeinde gehört, Wissen, Können und jüdische sowie europäische Werte weitergibt. Die Anpassung an das deutsche Schulwesen bleibt dabei erhalten. Die jüdische Gemeinde besteht aus Mitgliedern, die in großer Anzahl Eltern sind. Somit handelt die jüdische Schule in Deutschland in gewissem Maße nach dem Auftrag der Eltern.
Gibt es den Wunsch der Eltern nach Russischunterricht? Ja, es gibt ihn, bei den jüdischen Eltern, die in den 90er-Jahren aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind. Ihnen wurde schnell klar, dass es ungeheuer wichtig ist, die russische Sprache zu erlernen. Die Familien dieser Immigranten bestehen aus drei Generationen: Großeltern, Eltern und Kindern. Weil die mittlere Generation mitten im Berufsleben steht, kümmern sich oftmals die Großeltern um die Kinder. Diese erlernen rasch Deutsch und vergessen dabei Schritt für Schritt die russische Sprache. Die Großeltern hingegen haben es schwer, die deutsche Sprache zu erlernen.
Doch wenn die Basissprache fehlt, ist die Zusammenarbeit zwischen den Generationen der Großeltern und Enkel nicht möglich. Dies gefährdet das gute Miteinander der gesamten Familie. Lösen lässt sich das Problem durch das Erlernen der russischen Sprache. Schnell wurden Sonntagsschulen eingerichtet, in denen die Kinder Russisch in Wort und Schrift lernen können. In Frankfurt am Main zum Beispiel gibt es mindestens sechs Sonntagsschulen mit Rus- sischunterricht. Nach diesem Angebot zu urteilen, muss die Nachfrage nach Russisch also vorhanden sein, im Großen und Ganzen ist es die Nachfrage der Eltern.
Lässt sich der Russischunterricht in jüdischen Schulen in Deutschland dem staatlichen Schulwesen anpassen? Ja. In einigen deutschen Gymnasien kann man Russisch lernen bis zum Abitur – mit Prüfung. Schadet Russischunterricht jüdischen Schulen in Deutschland, weil er der jüdischen Bildungstradition entgegensteht? Keineswegs! In der jüdischen Bildungstradition gilt ein Mensch dann als gebildet, wenn er fließend mehrere Sprachen spricht. Schon König Salomon beherrschte viele Sprachen der Welt. Unsere jüdischen Kinder sollten das auch können.
Die jüdische Schule in Deutschland verkörpert in sich die Ideen von Martin Buber über den Dialog der Kulturen. Deshalb schadet der Russischunterricht der jüdischen Schule in Deutschland nicht, sondern er ist nützlich, um den Dialog der Kulturen zu erweitern.
Nun kann ich die Frage »Soll an der jüdischen Schule in Deutschland Russischunterricht erteilt werden?« mit gutem Gewissen mit »Ja« beantworten. Denn das Vermitteln der russischen Sprache in der jüdischen Schule in Deutschland ist ein Auftrag der Eltern, und diese sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Russisch zu unterrichten steht nicht in Widerspruch zu den Prinzipien der jüdischen Schule in Deutschland und ihrer Bildungstradition.
Die Frage »Russischunterricht: Ja oder Nein?« ist bei uns in Frankfurt am Main schon lange geklärt: Im jüdischen Gymnasium, der I.E. Lichtigfeld-Schule im Philanthropin, wird Russisch unterrichtet. Sie können mir glauben, die erste Etage hat sich nicht ins Erdgeschoss verwandelt, und die Schüler machen wegen Russisch kein Balagan. Sehen Sie, meine geehrten Leser, Sie haben das russische Wort »Balagan« auch ohne Übersetzung verstanden.

Privatsache
von Lena Gorelik

Aber natürlich sollen meine Kinder später einmal Russisch sprechen. Es beherrschen, schriftlich und mündlich. Am liebsten noch besser als ich. Es liegt mir viel daran, ihnen diese meine Kultur nahezu- bringen. Sie sollen zwischen Deutsch und Russisch hin und her switchen können, wie sie es wohl oder übel auch zwischen mehreren Computerspielen tun werden. Sicherlich meistern sie den deutsch-jüdisch-russischen Mix eleganter und unkomplizierter als ich.
Jede Woche werde ich sie neben Musikunterricht und Sportverein und was es bis dahin noch alles gibt, auch in eine russische Schule bringen, wie sie inzwischen in jeder Großstadt in Deutschland existiert. Sie werden dort Gedichte der russischen Klassiker aufsagen lernen, ihren von mir gelernten deutschen Akzent im Russischen wegfeilen und mir hoffentlich auch Glückwunschkarten zum internationalen Frauentag am 8. März basteln, so wie ich das in meiner Kindheit für meine Mutter tat.
Diese russischen Schulen sind aus einer Nachfrage der russischsprachigen Migranten heraus entstanden, aus ihrem verständlichen Wunsch, den Kindern und Enkeln die eigene Sprache und Kultur nahezubringen und damit die eigene Herkunft, die Vergangenheit, ja die Selbstidentifikation verständlich zu machen. Zu diesen emotionalen Beweggründen kommt die Tatsache hinzu, dass es in unserer heutigen Gesellschaft von großem beruflichen Vorteil ist, wenn man eine weitere Sprache beherrscht; und Russisch kann im Gegensatz zu Englisch und Französisch nicht jeder. Es spricht also nichts dagegen, Russisch-interessierten Kindern (oder vielmehr den Kindern Russisch-affiner Eltern) in russischen Schulen Russisch beizubringen.
An jüdische Schulen gehört der Unterricht der russischen Sprache jedoch nicht. Wie der Name bereits sagt, unterscheiden sich jüdische Schulen von anderen Bildungsstätten in erster Linie dadurch, dass sie einen besonderen Schwerpunkt auf alles Jüdische legen: jüdische Religion, Kultur, Tradition, Geschichte, Sprache … Schickt jemand sein Kind auf eine jüdische Schule, dann tut er es, weil er Wert darauf legt, dass es genau diese Elemente (kennen)lernt.
Nun heißt es seit einigen Jahren in Deutschland bei der Diskussion über jedes jüdische Thema, man müsse der Tatsache Tribut zollen, dass der überwiegende Teil der hierzulande lebenden Juden aus der ehemaligen Sowjetunion stammt – zu Recht. Deshalb werden ja auch in jeder Gemeinde regelmäßig russischsprachige Veranstaltungen durchgeführt, und deshalb werden auch Gemeindeblätter und -zeitungen ins Russische übersetzt. Dieser Tatsache Tribut zu zollen, kann aber nicht bedeuten, dass man aus jüdischen Schulen russische macht. In den Niederlanden schicken dort lebende und arbeitende Deutsche ihre Kinder häufig auf amerikanische oder französische Schulen, weil diese den besseren Ruf haben. Und auch wenn dies in bestimmten Regionen oder Städten dazu führt, dass der Großteil einer Klasse aus deutschen Schülern besteht, hat meines Wissens dort noch nie jemand verlangt, man möge auf einer französischen Schule Deutsch als Pflichtunterrichtsfach einführen.
Im Zusammenhang mit der immer wiederkehrenden Diskussion um die Integration und das Zusammenleben in den jüdischen Gemeinden erschließt sich für mich nicht, wie die Einführung des Russischen als Pflichtfach in jüdischen Schulen dazu beitragen kann. Doch nicht, indem die nichtrussischsprachigen Kinder »integriert« werden, indem sie nun auch Russisch lernen und somit nicht mehr aufs Deutsche angewiesen sind. Zugegeben, aus meinem recht subjektiven Blickwinkel ist Russisch eine wunderschöne und lernenswerte Sprache. Aber so lernenswert nun auch wieder nicht, dass ich alle Juden dazu verpflichten würde, sie zu lernen.
Lässt man im Gegensatz dazu nur die Kinder mit einem Kontingentflüchtlingshintergrund am Russischunterricht teilnehmen, so wird das zu einer Spaltung führen, die doch von allen Integrationsbemühten vermieden werden will. Die neue Generation, unser aller Hoffnung, hat die Chance, die Probleme, die uns heute in den Gemeinden so quälen, nicht mehr zu tragen, vielleicht sogar wird sie sie nicht einmal mehr nachvollziehen können. Wir sollten sie nicht zu denselben Problemen verdammen. Die Kinder, die in den Schulhöfen der jüdischen Schulen in einem akzentfreien Deutsch miteinander reden, sollten nicht zu »Russen« abgestempelt werden.
Was man seinen Kindern weitergeben und beibringen will, sei jedem selbst überlassen. Wem das Jüdische wichtig ist, der wird seine Kinder auf eine jüdische Schule schicken. Wem Russisch etwas bedeutet, soll seinen Nachwuchs diese Sprache selbstverständlich lehren. Alles hat seine Zeit, heißt es in der Tora. Alles hat auch seinen Ort.

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