USA

Sieben Farben, sieben Regeln

Als Jack Saunders in den 80er-Jahren begann, die zentralen Lehrsätze des Christentums zu hinterfragen, brach er auf zu einer Reise, die ihn am Ende zur Annahme der Tora und der jüdischen Lehren führte. Doch statt zum Judentum überzutreten, wurde der ehemalige Baptistenpfarrer aus dem US-Bundesstaat Tennessee ein Ben Noach, ein Noachide. Der Begriff bezeichnet einen Bund, den Gott mit Noach nach der Flut einging. Demnach solle die ganze Menschheit sieben Gesetze befolgen: das Verbot von Götzendienst, Mord, Diebstahl, sexueller Unmoral, Gotteslästerung und das Verbot, von lebendigen Tieren zu essen sowie das Gebot, Gerichtshöfe einzurichten (vgl. S. 20).
Nach und nach lenkte Jack Saunders auch seine Gemeinde in diese Richtung. Er predigte ausschließlich aus dem sogenannten Alten Testament und säte in aller Stille Zweifel an den zentralen Lehren des Christentums. So wurde im Laufe der Zeit etwa die Hälfte der Kirchenmitglieder zu Noachiden. Sie rissen den Kirchturm ab und gaben ihrer Gemeinde einen neuen Namen: Frazier’s Chapel B’nai Noah Study Center.
»Ich habe Gott das Versprechen gegeben, dass, wenn Er mir die Wahrheit zeigt, ich sie aussprechen würde, ganz egal was passiert«, sagt Saunder. Emotional sei das äußerst schwierig gewesen für ihn, »aber auf intellektueller Ebene wusste ich, dass es das Richtige war«.

beraten In der Vergangenheit wandten sich Nichtjuden, die sich für die noachidischen Gesetze interessierten, an den nächsten Rabbiner. Der war normalerweise ein Chabad-Gesandter, denn die Noachiden in den USA leben vor allem in Regionen mit wenig oder keiner jüdischen Präsenz. Seit einigen Jahren gibt es jedoch einen rasanten Anstieg noachidischer Aktivitäten im Internet. Neben einer Reihe von Webseiten, auf denen die Gesetze diskutiert werden, hat die Gruppe zahlreiche Strategien entwickelt, im Internet gemeinsam zu studieren. So hat man inzwischen sogar eine eigene virtuelle Jeschiwa gegründet. Außerdem gibt es Online-Bekanntschaftsanzeigen für Noachiden und eine Organisation, die detaillierte Lehrpläne für den Hausunterricht zur Verfügung stellt.
Kristine Cassady, eine 31-jährige Mutter, die ihre fünf Kinder in Indianapolis zu Hause unterrichtet, hat vor zwei Jahren die Noahide Online Association of Homeschoolers (NOAH) ins Leben gerufen. Nach Aussage von Cassady gehören der Gruppe inzwischen rund 35 Familien an. »Wir versuchen, unsere Kinder in der Tora zu unterweisen, weil wir zu der Erkenntnis gelangt sind, dass Gott den Nationen die Gesetze Noachs gegeben hat«, sagt Cassady. »Wir wollen dieses Wissen wiederentdecken, um es an unsere Kinder weiterzugeben. Sie sollen das Erbe eines Tages weiterführen.«
enttäuscht Genau wie Saunders haben die meisten Noachiden einen christlichen oder messianisch-jüdischen Familienhintergrund. Vom Christentum enttäuscht sind sie eher aus intellektuellen denn aus spirituellen Gründen. »Wir haben die Wahrheit gesucht, uns war es egal, wo wir sie schließlich finden würden«, sagt Ray Petterson, der die Website www.NoahideNations.com betreibt und beim israelischen Rundfunksender Arutz Sheva eine Radio-Talkshow der Noachiden moderiert. »Wir haben im Christentum laufend Schwachstellen entdeckt. Aber wenn wir den Pfarrer fragten, bekamen wir stets dieselbe Antwort: ›Ihr müsst am Glauben festhalten.‹ Für jemanden wie mich ist das nicht genug.«
Viele berichten, wie frustriert sie über das Unwissen oder Desinteresse der Rabbiner waren, mit denen sie bei ihrer anfänglichen Suche Kontakt aufnahmen. Mit der Ausbreitung des Internets können die Neugierigen jetzt aus einem imposanten Arsenal an Büchern und Webseiten wählen. Viele Onlineportale werden von Chabad oder angeschlossenen Organisationen betrieben, andere von den Noachiden selbst.
Das Internet hat das Gemeinschaftsgefühl der Mitglieder deutlich gestärkt. Sie können jetzt die Tora gemeinsam studieren und mit Glaubensgenossen auf der ganzen Welt an Diskussionsgruppen teilnehmen. Einige Webseiten listen Kontaktdaten von noachidischen Gemeinden weltweit auf. Auch Konferenzen wurden ver- anstaltet, auf denen Noachiden zusammenkamen. Die letzte fand Anfang Juni in der Nähe von Dallas statt.
»Wir brauchen Gemeinden«, sagt Andrea Woodward, eine der Organisatorinnen der Konferenz. Die Texanerin war vor 16 Jahren ihrem Baptistenpfarrer gefolgt und hatte den neuen Glauben angenommen. Der Pfarrer allerdings ging einen Schritt weiter. Er zog nach Israel und trat zum Judentum über.
»In den vergangenen Jahren war das Internet unsere wichtigste Verbindung«, sagt Woodward. Aber wer wolle nur Freunde im Internet haben? Das sei auf Dauer nicht befriedigend.
Gemeinden aufzubauen heißt auch, religiöse Praktiken zu etablieren. Das ist etwas, worauf die Gruppe ihre Kräfte richtet. Beinahe alle noachidischen Gesetze sind Verbote, und die Mitglieder sagen, sie brauchten Rituale, damit eine bejahendere Identität entsteht. Doch da sie sich der Tatsache bewusst sind, dass die meisten Gesetze der Tora ausschließlich für Juden verpflichtend sind und es verboten ist, eine eigene neue Religion zu schaffen, befolgen sie strengstens die rabbinischen Vorschriften zu den religiösen Praktiken.
Die Noachiden im US-Bundesstaat Oklahoma verbrachten elf Jahre damit, einen eigenen Siddur zu schaffen: Service from My Heart heiß er und soll auch als Anleitung für ein noachidisches Leben dienen. Viele Noachiden feiern den Schabbat, indem sie Wein segnen und ein festliches Mahl bereiten. Und sie verzichten auf den Verzehr von Schweinefleisch.

vermitteln Wie Pam Rogers, die Leiterin der Noachiden Oklahomas, sagt, gehören ihrer Gruppe etwa 16 Menschen an, davon die Hälfte Kinder. Das nächste Projekt der Gruppe ist, eines von Rogers Kinderbüchern herauszubringen. Es soll helfen, die Lehren den Kindern zu vermitteln. »Zu den unschätzbaren Dingen, die die Rabbiner in Israel für uns tun können, gehört, dass sie uns eine Liturgie und Halacha geben, die wir an die Kinder weitergeben können«, sagt Andrea Woodward. Und damit ihre Bewegung wachse und von Generation zu Generation weitergegeben werde, brauche es Strukturen, zum Beispiel Initiationsriten.
Auch wenn einige einen Schritt weitergehen und formell zum Judentum übertreten, ist diese Option doch nur für wenige praktikabel. Denn die geografische Entfernung von den Zentren des jüdischen Lebens ist für die meisten sehr groß. Doch die Noachiden trösten sich mit dem Wissen, dass die Tora eine Bestimmung für sie als Nichtjuden bereithält.
»Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass Gott vielleicht mehr Nichtjuden braucht als Juden«, sagt Rogers. Sein Glaubensbruder Petterson sagt, als Nichtjude könne er die Wahrheit der Tora erfolgreicher verbreiten. Obgleich er seine Stelle gekündigt hat und zwei Jahre mit dem Studium der Tora verbrachte, hat er niemals den Ruf gehört zu konvertieren. »Wenn Gott beschließt, das zu ändern, wird Er es mich wissen lassen.«

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sanktionen

Iran will weiter internationale Ziele anfliegen

Ab Mittwoch sollen iranische Airlines nach Worten der US-Regierung internationale Ziele nicht mehr anfliegen können. Die zivile Luftfahrtbehörde in Teheran widerspricht

 23.09.2026

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Berlin

Gideon Joffe: »Mit Elif Eralp wird Geis zur Gärtnerin gemacht«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mahnt, dass die Hauptstadt vor massiven Herausforderungen stehe

 22.09.2026

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026