Meinung

Schüsse am Josefsgrab: Wo bleibt der Aufschrei?

Arye Sharuz Shalicar Foto: imago

Meinung

Schüsse am Josefsgrab: Wo bleibt der Aufschrei?

Unser Autor beklagt die Doppelstandards, die das Gros der deutschen Medien bei ihrer Israel-Berichterstattung anlegen

von Arye Sharuz Shalicar  07.07.2022 14:00 Uhr

Ich bin kein religiöser Mensch. 

Im Gegenteil, ich halte einen relativ stabilen Sicherheitsabstand zu allem, was mit dem Wort Religion in Verbindung gebracht werden könnte. 

Das hat Gründe.

Besonders im Nahen Osten ist Religion ein zentrales Thema und religiöser Extremismus leider alles andere als eine Randerscheinung. Viele Konflikte gehen zurück auf religiöse Differenzen. 

Dabei nehme ich die Erfindung der Religionen als eine Art Rettungsanker für das menschliche Dasein wahr. Sie geben dem Menschen einen Rahmen, was erlaubt und was verboten ist, und Sinn im Leben und Hoffnung für danach. Viele Menschen sind darauf angewiesen. 

Somit eigentlich eine feine Sache, wären wir nur in der Lage Menschen, die Angehörige einer anderen Religionsgruppe sind, zu tolerieren.

Das ist nicht zu viel verlangt, doch im Falle der Juden allem Anschein nach doch ein Tick zu viel.

Immer wieder greifen nämlich palästinensische Terroristen, zuletzt am Donnerstagmorgen der vergangenen Woche, jüdische Beter am »Josefsgrab« in Nablus, einem der heiligsten Pilgerorte der Juden, an. Das Josefsgrab ist eine Pilgerstätte, die laut den Oslo Friedensverträgen, obwohl im Hoheitsgebiet der Palästinensischen Autonomiebehörde, Juden freien Zugang erlauben sollte. 

Den freien Zugang würden jüdische Pilger nicht ermöglicht bekommen, wäre da nicht die israelische Armee, die sie begleitet und beschützen muss. Dennoch haben palästinensische Terroristen letzten Donnerstag zum wiederholten Male mit scharfer Munition auf mehrere jüdische Beter geschossen und einige verletzt.

Dieses Vorgehen ist nicht nur eine klare Nichteinhaltung der Oslo-Vereinbarungen, sondern ein klarer Angriff auf die freie Religionsausübung.

Ein Zwischenfall, der auch in den deutschen Medien auf großes Gehör stoßen sollte, schließlich ist man ja sehr am Frieden im Nahen Osten interessiert. 

Doch der Aufschrei blieb aus. 

Auch eine Woche danach hat dieses Verbrechen auf die Religionsfreiheit und gegen ein internationales politisches Abkommen kaum eine Nachrichtenredaktion in Bewegung gesetzt. 

Ich frage mich, warum?

Was wäre denn los, wenn wir den Spieß einfach einmal kurz umdrehen würden und sagen wir mal jüdische Extremisten mit scharfer Munition auf muslimische Pilger in Jerusalem schießen würden? 

Ich kenne die Antwort. 

Der Zwischenfall in Jerusalem würde es in die Abendnachrichten beim ARD und ZDF schaffen und bei Spiegel online direkt auf die Startseite. Eventuell würden sich Protestzüge durch deutsche Städte in Gang setzen und »intellektuelle« BDS-Unterstützer, allen voran eine Gruppe Alibi-Juden, über die sozialen Medien lautstark zu Wort melden.

Hilft dieser Ansatz den moderaten Kräften im Nahen Osten oder spielt er doch eher den Extremisten in die Hände.

Ich bin kein religiöser Mensch.

Ich bitte jedoch um eine ausgewogene und professionelle Berichterstattung auch in Bezug zum Thema Religion, religiösem Fanatismus und der Religionsfreiheit.

Ohne Doppelstandards.

Arye Sharuz Shalicar, geboren in Berlin, ist ein deutsch-persisch-israelischer Politologe, Schriftsteller, Regierungsmitarbeiter, ehemaliger Berater des israelischen Außenministers und Sprecher der Israelischen Verteidigungskräfte (IDF). Im Oktober erscheint von ihm »Schalom Habibi. Zeitenwende für jüdisch-muslimische Freundschaft und Frieden«.

Leipzig

Gegensätzliche Nahost-Demos linker Gruppen 

Ein Team des MDR wurde aus der antiisraelischen Demo heraus angegriffen

 17.01.2026

TV-Tipp

Als David Bowie weinte: Arte-Doku beleuchtet die Schattenseiten eines musikalischen Genies

Oft feiern Filmporträts ihre Protagonisten mehr oder weniger unkritisch. Eine Arte-Doku über Popstar David Bowie wählt einen anderen Weg - und ist genau deshalb so gelungen

von Manfred Riepe  14.01.2026

Brandenburg

»Was soll der Scheiß?«: Nach Brandanschlag - Büttner übt scharfe Kritik an Linken-Spitze

Die Hintergründe

 10.01.2026

Antisemitismus

Die kruden Thesen eines AfD-Abgeordneten

Ein AfD-Parlamentarier teilte einen Instagram-Post, in dem die Rothschild-Familie mit dem Untergang der »Titanic« 1912 in Verbindung gebracht wird

 08.01.2026

Brandenburg

Generalstaatsanwaltschaft übernimmt Ermittlungen nach Anschlag auf Büttner

Nach dem Brandanschlag und die Morddrohung gegen den Antisemitismusbeauftragten haben die Ermittler eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro für Hinweise ausgesetzt

 07.01.2026

Potsdam

Antisemitismusbeauftragter erhöht Sicherheitsvorkehrungen

Brandenburgs Antisemitismusbeauftragter Andreas Büttner ist immer wieder Drohungen ausgesetzt. Nach einem Brandanschlag und einer Morddrohung per Brief verschärft er nun Sicherheitsmaßnahmen. Die Solidaritätsbekundungen für ihn reißen nicht ab

 07.01.2026

Westjordanland

Netanjahu schreibt Siedlergewalt einer »Handvoll Kids« zu

Nach Kritik der Trump-Regierung an Israels Vorgehen in der Westbank wiegelt Israels Premierminister ab - und zieht noch mehr Kritik auf sich

 01.01.2026

Israel

Israel führt Gedenktag für marokkanische Juden ein

Die Knesset hat beschlossen, einen Tag zur Erinnerung an die marokkanisch-jüdische Einwanderung zu schaffen

 31.12.2025

Gaza

37 Hilfsorganisationen in Gaza und im Westjordanland droht Lizenz-Entzug

Israel will sich vor Terrorverbindungen in Hilfsorganisationen schützen. Die Einrichtungen warnen vor humanitären Konsequenzen

 31.12.2025