Judoka

Schritt nach vorn und aushebeln

von Hans-Ulrich Dillmann

Es ist ein vorsichtiges Vortasten, ein Austarieren der Schwächen, Erforschen der Stärken. Ein schneller Schritt nach vorne, um die Reaktionsschnelligkeit auszutesten. Vorstoßen. Zurückweichen. Wieder angreifen. Die beiden Frauen auf der Tatami, der Wettkampfmatte der Judoka, haben sich in die Revers der dicken Jacken ihrer jeweiligen Gegnerin gekrallt. In diesem Kampf auf einer Fläche von 16 Quadratmetern müssen die Kontrahenten fintenreich sein, ihr Gegenüber mit Scheinangriffen täuschen und beständig auf Gegenangriffe gefaßt sein.
Plötzlich wird Daniela Yael Krukower von ihrer Sparringspartnerin im weißen Anzug mit dem schwarzen Gürtel, angegriffen. Mit einem außen angesetzten Fußhebel versucht sie Krukower zu Fall zu bringen. Die pariert, dreht sich mit dem Rücken zu ihrer Angreiferin und zieht sie schwungvoll über die Hüfte. Ein klatschendes Fallgeräusch, behende drückt die 31-jährige Krukower ihre Gegnerin mit den Schultern auf die Tatami. Der Trainingskampf ist beendet.
»Du mußt schnell, stark und widerstandsfähig sein«, sagt die Judoweltmeisterin von 2003, »aber vor allem den Geist eines Löwen und die Ruhe eines Buddhisten besitzen.« Nicht nur Eigenschaften wie Sanftheit und Nachgiebigkeit – die mit dem Schriftzeichen »Ju« ausgedrückt werden – standen bei der Bezeichnung der Kampfsportart Pate, sondern auch Begriffe wie Prinzip und Weg – durch das Zeichen »do« ausgedrückt. Judo ist der sanfte Weg, es mit einer anderen Person kämpferisch aufzunehmen. Ihn zu belauern, durch vermeintliches Nachgeben in Sicherheit zu wiegen, um dann die Energie der angreifenden Bewegung blitzschnell für einen eigenen Wurf zunutzen. Kampf als Meditation.
»Judo ist ein Weg zu leben«, sagt Krukower. Jeden Tag wird hart trainiert. »Jeder versucht der oder die Beste sein. Ich wollte immer die Beste sein. Aber beim Judo geht es nicht nur um den Kampf auf der Tatami oder bestimmte Techniken, sondern darum, dich selbst zu verstehen. Du lernst, jemandem gewissermaßen den Vortritt zu lassen, dich selbst zurückzunehmen, dem scheinbar Stärkeren keinen Widerstand zu leisten, um dich dann mit Gewitztheit durchzusetzen. Nicht die Stärkste gewinnt automatisch«, betont Krukower. »Das ist für mich die wichtigste Lehre, die ich aus diesem Sport gezogen habe.«
Angefangen hatte ihre Wettkampflaufbahn eher spielerisch in Buenos Aires. Sie sah zu, wenn ihre großen Brüder trainierten: Ariel, der später argentinischer Junior-Judomeister werden sollte und Hernàn, der wiederum die israelischen Juniormeisterschaften im Judo gewann. Während die Brüder sich gegenseitig auf die Matte warfen, sah die kleine Schwester vom Rand aus zu und imitierte deren Bewegungen. »Ich habe mit mir selbst gekämpft«, sagt sie. Schnell wurde der Trainer auf ihr Talent aufmerksam. Normalerweise werden Kinder erst ab acht Jahren zum Judo zugelassen. Daniela Kurkower begann ihre Karriere im zarten Alter von 5 Jahren. »Ich brauche den Konkurrenzkampf, ich muß mich mit anderen messen.«
Danielas Eltern, die in einem Kibbuz aufgewachsen sind, zieht es nach Israel zurück, als sie sieben ist. Zunächst trainiert sie weiter, doch mit dreizehn hört sie auf, und wendet sich anderen Sportarten zu, und allen mit Erfolg: Daniela Krukower gewinnt Meisterschaften im Tennis, Hochsprung und Hürdenlauf. Erst der 18-monatige Militärdienst brachte sie zurück auf die Tatami. »Ich gab Unterricht in Selbstverteidigung und nutzte dabei auch Judo-Techniken. Mein Kommandeur beobachtete mich und sagte mir dann: ‘wenn du die Beste sein willst, dann kämpfe wieder’. Offensichtlich war die Ermutigung durch eine Autoritätsperson nötig, um mich wieder auf den richtigen Weg zu bringen.« So tauschte die 19jährige Infanteristin der israelischen Armee ihre olivgrüne Uniform mit dem Judogi, dem Anzug aus weißem, extrem strapazierfähigen Stoff.
Derzeit hat die Trägerin des schwarzen Gürtels (5. Dan) alles auf ihre Judoka-Karriere abgestellt. Zeit für ein Privatleben bleibt da nicht. Als Frau sei es viel schwieriger eine Beziehung zu leben, die sich zwischen Wettkämpfen am Wochenende und Trainingscamp abspiele, sagt Krukower. Und: »Ich will mich nicht einem Mann unterordnen, ich bin mir selbst genug.« Auch für den Besuch eines Schabatgottesdienstes ist wenig Gelegenheit. »Die meisten Sportereignisse finden samstags statt«, sagt sie. »Ich bin nicht sehr religiös. Ich gehe an den Hohen Feiertagen in die Synagoge und wenn ich ein spirituelles Bedürfnis danach verspüre.« Aber sie fühlt sich als »stolze Jüdin«. Daß die Asociación Mutual Israelita Argentina (AMIA) sie für ihre sportlichen Leistungen, unter anderem einen zweiten Platz bei der 17. Makkabiah ausgezeichnet hat, »ehrt mich sehr«, sagt sie.
Vielleicht ist es eine Spur Trotz, der ihren Kampfgeist beseelt. Für das Olympiateam nominierte die israelische Judo-Föderation eine andere Sportlerin. Also verläßt Kurkower den israelischen Sportverband, um dennoch antreten zu können. Trotz israelischer Staatsbürgerschaft kämpft die gelernte Heilpraktikerin nun für ihr Geburtsland Argentinien. Sie will es den israelischen Sportfunktionären beweisen, daß sie sich falsch entschieden haben. Und wird als Weltmeisterin von 2003 in der Klasse bis 63 Kilo (und panamerikanische Meisterin im selben Jahr) die erste und bisher einzige Judo-Championikin Argentiniens.
Jetzt geht es um eine weitere Revanche. Bei den Olympischen Spielen von 2004 in Athen mußte sie sich mit einem fünften Platz zufrieden geben. Ihre japanische Gegnerin hatte ihr bei einem Wurf den Ellbogen ausgekugelt. Krukower mußte aufgeben und konnte nicht mehr um den dritten Platz kämpfen. Wieder vollständig fit, will sie bei den Panamerikanischen Maccabiah-Spielen im Dezember 2007 in Argentinien ihren ersten Platz verteidigen, um dann bei der Olympiade 2008 in Peking die Goldmedaille zu gewinnen. Dafür schindet sie sich mit täglichem Krafttraining, Jogging und einem strengen Diätplan, um in ihrer Gewichtsklasse zu bleiben.
Gute Chancen hat sie, sich noch einmal so zu fühlen, wie bei der Weltmeisterschaft 2003 in Osaka, als sie die Kubanerin Drulis González mit einem Ippon, so etwas wie ein Knockout im Boxen, besiegte. »Ich hatte das Gefühl«, erinnert sie sich, den Himmel berührt zu haben.» Sich kämpferisch messen lautet Danielas Yael Krukowers Lebensprinzip. Im Judo steht dafür das Wort «Shiai». So nennt sie auch das von ihr kreierte Parfüm. «Shiai»: sportlich sowie frisch soll es riechen, aber vor allem kämpferisch – wie Krukower eben.

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