Tonscherbe

Schriften und Gelehrte

von Ingo Way

Der Fund der Qumran-Rollen am Toten Meer im Jahr 1947 war schon eine Sensation. Diese könnte jetzt durch den Fund einer 3.000 Jahre alten Tonscherbe in der Festung Elah bei Khirbet Qeiyafa noch übertroffen werden. Jedenfalls, wenn man dem Ausgrabungsleiter Yosef Garfinkel Glauben schenkt. Garfinkel will mit seinem Fund den Beweis erbracht haben, dass die Erzählungen der Bibel auf tatsächlichen historischen Geschehnissen beruhen und es zur Zeit Davids wirklich ein mächtiges Königreich in Judäa gegeben hat.
Das Corpus Delicti ist mit 15 mal 15 Zentimetern recht unscheinbar. Es handelt sich um ein Ostrakon, eine Tonscherbe, in die fünf Zeilen Text eingeschrieben sind. Die Buchstaben sind zwar noch nicht vollständig entziffert. Garfinkel, Professor für Archäologie an der Hebräischen Universität Jerusalem, ist sich aber sicher, dass es sich um proto-kanaanitische Schrift handelt, eine Vorgängerin des Hebräischen. Der Sprachwissenschaftler Haggai Misgav, Spezialist für altsemitische Sprachen an der Hebräischen Universität, hat bereits bestätigt, dass es sich um diese Schrift handelt. Auch das Alter der Tonscherbe wurde mittels Kohlenstoffanalyse an der britischen Universität Oxford auf circa 1.000 v.d.Z. datiert. Damit stammt der Fund aus jener Ära, in der der Bibel zufolge König David geherrscht haben soll. Die Scherbe ist somit 1000 Jahre älter als die Qumran-Rollen. Garfinkel zufolge enthält der Text auf der Tonscherbe die Wörter »Richter«, »Sklave« und »König«.
Die Ausgrabungen in der Festung Elah, fünf Kilometer südlich von Beit Schemesch, begannen im Juni dieses Jahres. Die Festung gilt als die älteste judäische Stadt, die bisher entdeckt wurde; von dort überblickt man das Elah-Tal, in dem David gegen Goliath gekämpft haben soll. Die Festung war von einer 700 Meter langen und vier Meter hohen Mauer umgeben, in deren Mitte ein über zehn Meter breites Eingangstor stand. In dessen Nähe fand ein Grabungshelfer in den Überresten eines Wohnhauses die besagte Tonscherbe. Yosef Garfinkel zog weitreichende Schlussfolgerungen aus dem Fund. Das Ostrakon beweise nicht nur, dass die Israeliten bereits früher als angenommen alphabetisiert waren. Es bedeute auch, dass die biblischen Erzählungen auf schriftlichen historischen Quellen beruhten und nicht bloß auf mündlicher Überlieferung. Daher komme ihnen größere Glaubwürdigkeit zu.
Andere Wissenschaftler mahnen hingegen zur Zurückhaltung. Die Tonscherbe enthalte »ohne Zweifel einen der bedeutendsten Texte des hebräischen Schriftkorpus«, sagt der Archäologe Aren Maier von der Bar-Ilan-Universität. Doch hätten auch andere Volksstämme proto-kanaanitische Schriftzeichen benutzt. »Die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Schriften, auch zwischen den Sprachen jener Zeit selbst, bleibt unklar«, so Maier.
Garfinkels Königreich-Theorie liest sich wie eine Kampfansage an seinen Kollegen Israel Finkelstein. Der vertritt die These, es habe zur Zeit König Davids kein geeintes und mächtiges israelitisches Imperium gegeben, sondern nur vereinzelte Stämme und Dörfer. Die biblischen Geschichten seien eine spätere Mythologisierung (vgl. Sonderausgabe der Jüdischen Allgemeinen zu 60 Jahre Israel). Denn es gebe keinerlei archäologische Hinweise auf ein Königreich unter David und Salomon. Genau diese glaubt Garfinkel nun aber gefunden zu haben. »Gut, jetzt gibt es also eine 3.000 Jahre alte Festung. Aber der Fund einer einzelnen Stätte wirft nicht unser gesamtes Verständnis der Geschichte Judäas über den Haufen«, kritisiert Finkelstein. »So funktioniert Archäologie nicht. Man muss immer das Gesamtbild betrachten.«
Geht es also nur um Geschichtspolitik, um religiöse Gewissheiten, um nationale Identität? Eins ist sicher: Der Kampf der Archäologen um die historische Wahrheit geht in die nächste Runde.

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