»Liebesleben«

»Schreiben ist leichter als Visualisieren«

Frau Shalev, wie kam es, dass gerade Maria Schrader Ihr Buch verfilmt hat?
shalev: Nachdem »Liebesleben« in Deutschland erschienen war, schlug mir der Berlin Verlag vor, mit dem Buch auf Lesereise zu gehen. Man sagte mir, ich würde von einer Schauspielerin begleitet werden, die aus der deutschen Übersetzung lesen sollte. Da es in Israel keine Lesereisen gibt, war ich neugierig und sagte zu. Die Vorleserin war Maria und ich verliebte mich sofort in die Art und Weise, wie sie las: in ihre Stimme, ihre Präsenz. Nach einer Lesung fragte ich sie dann spontan: »Möchtest du nicht die Figur der Jara spielen?« Letztlich hat sie dann das Drehbuch geschrieben und Regie geführt.

Das Buch arbeitet mit dem Stilmittel des inneren Monologs. Lässt sich das überhaupt mit filmischen Mitteln adäquat wiedergeben?
shalev: Ich wusste, dass es praktisch unmöglich war. Gleichzeitig war ich neugierig, wie Maria dieses Problem angehen würde. Ich denke, dass sie einen wunderbaren Weg gefunden hat, um die Konflikte der Figuren nachvollziehbar zu machen. Es ist so viel leichter, über Dinge zu schreiben, als sie zu visualisieren. Ich konnte all die Worte verwenden, die ich benötigte, während Maria einen indirekten Weg suchen musste, um Bilder für Jaras Emotionen zu finden.

Wie ist das, Figuren, die so lange nur in Ihrem Kopf existiert haben, plötzlich auf der Leinwand zu sehen.
shalev: Für mich sind Buch und Film zwei völlig verschiedene Dinge. Meine Vorstellung von Jara hat sich nicht verändert, seit ich Neta Garti im Film gesehen habe. Es gibt eben meine Jara und Marias, und beide können friedlich nebeneinander existieren.

Der Großteil des Films wurde in Jerusalem gedreht, wo Sie wohnen. Waren Sie oft am Set?
shalev: Ich bin dreimal dort gewesen, aber ich war emotional nicht involviert. Ich war einfach neugierig. Es hat mir viel Freude bereitet vorbeizuschauen und zu sehen, was passiert. Ich habe mich eher als Gast gefühlt, der sich ansieht, wie man einen Film dreht. Da ich mit der Arbeit an einem neuen Buch beschäftigt war, habe ich mich um meine Schöpfung gekümmert und Maria sich um die ihre.

Es heißt, dass Sie unzufrieden mit Jaras Outfit in der Filmversion waren.
shalev: Das stimmt. Als ich das Set zum ersten Mal besucht habe, war ich irritiert. Zwar hatte ich nicht den Anspruch, dass alles so aussehen sollte wie in meiner Vorstellung, aber für einen Moment dachte ich: »Vielleicht sollte Ihnen jemand sagen, was in Israel ge-rade in Mode ist.« Neta war seltsam gekleidet, mit dem Tuch im Haar wirkte sie zu religiös. Ich wollte, dass sie wie ein durch- schnittliches israelisches Mädchen aussieht.

Sie betonen immer wieder, wie wichtig es Ihnen ist, dass Ihre Geschichten nicht auf Israel als Handlungsort festgelegt sind. Was halten Sie dann davon, dass der Film mit einem Bombenanschlag beginnt, der im Buch nicht vorkommt?
shalev: Ich denke, dass das nicht notwendig gewesen wäre. Für mich ist »Liebesleben« eine universelle Geschichte, bei der es nicht unbedingt darauf ankommt, ob sie in Israel spielt oder nicht. Eine meiner Ängste war, dass der israelische Konflikt so dominant werden würde, dass er die Emotionalität der Handlung schwächen könnte.

»Liebesleben«, sagen Sie, ist eine universelle Geschichte. Aber es gibt Aspekte – etwa die starken innerfamiliären Bindungen– , mit denen der Roman in Mitteleuropa schwer angesiedelt sein könnte.
shalev: Das stimmt. Aber es ist mir erst sehr viel später aufgefallen. Für mich waren diese engen familiären Bindungen immer der Normalzustand. So bin ich aufgewachsen. Erst als ich nach Europa gekommen bin, ist mir bewusst geworden, wie sehr sich jüdische Familien von anderen unterscheiden. Ich denke, dafür gibt es verschiedene Gründe und die meisten sind eher trauriger Natur. Die Familienmitglieder müssen eng zusammenrücken, damit sie einander beschützen können. Das bedeutet natürlich nicht, dass die innerfamiliären Beziehungen immer glücklich oder gesund wären, aber die Bindungen sind nun einmal sehr eng.
Wie viele andere Figuren in Ihren Büchern scheint auch Jara Beziehungen nicht einzugehen, um glücklich zu sein, sondern um etwas über sich selbst herauszufinden.
shalev: Ich habe keine klar definierten Rollenbilder, die ich an andere weitergeben möchte. Aber ich habe dieses Konzept für meine Charaktere gewählt. Jara geht es nicht um Erfüllung durch romantische Liebe. Sie sucht nicht nach dem Menschen, der am besten, sondern nach demjenigen, der am schlechtesten zu ihr passt. Es scheint, als würde sie nach einem Liebesabenteuer suchen, aber tatsächlich sucht sie nach etwas völlig anderem. Sie ist die meiste Zeit über nur mit sich selbst beschäftigt.

Sie sind 2004 bei einem Anschlag in Jerusalem schwer verletzt worden und haben gesagt, dass Sie, wenn Sie ihr Haus verlassen, immer damit rechnen, es nie wieder zu sehen. Leben Sie dadurch bewusster?
shalev: Ich wünschte, es wäre so – besonders nach der schweren Zeit, die ich nach dem Bombenattentat durchlitten habe. Da war immer die Hoffnung: »Okay, das wird meine Perspektive verändern, ich werde wissen, was wichtig im Leben ist und mich nicht mehr so sehr über Nebensächlichkeiten aufregen.« Also ja: Ich versuche, die Dinge bewusster zu erleben. Aber es gelingt mir nicht immer.

Das Gespräch führte Andreas Resch.

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