Tiferet Israel

Schönheit in Schöneberg

von Dirk Hempel

Lützowstraße 111 in Tiergarten: Ein Gewerbeneubau mit Flachdach, ein betonierter Parkplatz mit wenigen Pflanzen dazwischen, das dunkelgrüne Metallgitter zur Einfahrt ist meist abgeschlossen. Joachims‐taler Straße 13 in Charlottenburg: Vor dem Altbau stehen Betonklötze und Wachmänner, geschwungene schmiedeeiserne Balkongitter verzieren die weiße Fassade. Im Keller dient ein karger Raum als „Studententreffpunkt“. Passauer Straße 4 in Schöneberg: Dezente Ornamente verzieren den Putz des grauen Gründerzeitbaus – vornehm, aber zurückhaltend. Das Ge‐
bäude gehört der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, im Erdgeschoß werden israelische Spezialitäten verkauft.
Was diese drei Adressen gemeinsam haben? Hier beteten oder beten sefardische Juden. Künftig wird eine sefardische Synagoge in der Passauer Straße ihren Sitz haben. Eine mit orientalischen Teppichen, Kristalleuchtern und einer bronzenen Menora ausstaffierte Wohnung dient als Gebetsstätte. Die „Tifereth Israel“ (Schönheit Israels) ist die erste sefardische Synagoge Berlins nach der Schoa. An diesem Donnerstagabend werden feierlich die Mesusot angebracht. Zur Eröffnung wird neben dem Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe viel Prominenz erwartet, auch Innensenator Ehrhart Körting hat seine Teilnahme zugesagt.
Für die sefardischen Juden in Berlin erfüllt sich mit der Eröffnung ein langgehegter Wunsch. Auf rund 1.200 wird ihre Zahl derzeit geschätzt – so viel waren es noch nie. Als in Berlin 1891 der erste Gottesdienst nach sefardischem Ritus abgehalten wurde, lebten kaum mehr ein Dutzend orientalische Juden in der Stadt.
Doch die Gemeinde wuchs schnell, im wesentlichen durch Zuwanderung aus der Türkei. Dorthin waren die sefardischen Juden aus Spanien und Portugal während der Inquisition geflüchtet. Der 1905 gegründete Israelitisch‐sephardische Verein zu Berlin brachte es laut Registereintrag Ende der 20er Jahre auf „zirka 500 Mitglieder“. Sitz des Vereins war die Lützowstraße, wo sich in einer größeren Wohnung auch die Synagoge befand – mit Stuckverzierter Decke, Säulen‐Elementen und 40 Sitzplätzen. „Mitgliedsbeitrag nach Belieben“ hieß es in der Satzung, denn der Verein erhielt regelmäßig Subventionen von der Jüdischen Gemeinde.
Der Gemeindeälteste Isaak Behar erinnert sich noch lebhaft an das damalige Gemeindeleben: „Es herrschte eine familiäre Stimmung, jeder kannte jeden“, sagt er. In der Synagoge, die keine 50 Meter von der 1897 gegründeten ersten Gemeindesynagoge im Berliner Westen entfernt war, wurde vor allem Ladino gesprochen, eine Abwandlung des Spanischen. „Die sefardischen Gebete haben einen stark orientalischen Einfluß, manchmal klang es wie der Ruf eines Muezzins“, erinnert sich Behar im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Behar, der 1936 in der Synagoge seine Barmizwa erlebte, war damals ein typischer Sefarde: „Mein Paß war türkisch, meine Muttersprache Ladino, meine Religion jüdisch, meine Erziehung preußisch.“
Dreisprachig aufgewachsen (ladino, deutsch, türkisch) spricht der 82jährige „nur so viel Hebräisch wie ich damals für die Barmizwa benötigte“ und hat trotz Englisch‐ und Französischkenntnissen heute manchmal kleine Verständigungsprobleme. Denn unter den Berliner Sefarden wird mittlerweile vor allem Russisch und Hebräisch gesprochen, die meisten sind aus dem Kaukasus zugewandert. Für Behar eine „echte Bereicherung, ohne die in Berlin wohl nie wieder ein Minjan nach sefardischem Ritus zustande gekommen wäre“. Seine Söhne Daniel und Benjamin absolvierten ihre Barmizwa zum Beispiel in der Synagoge Pestalozzistraße.
Schon länger bemühen sich die Berliner Sefarden um den Ort für eine eigene Synagoge unter dem Dach der Einheitsgemeinde. Wurde der tägliche Minjan zunächst in einer Privatwohnung abgehalten, nutzen sie bislang auch den „Studen‐
tenkeller“ der Joachimstaler Straße. Die meisten der rund 30 Beter, die sich dort regelmäßig einfanden, bezeichnen diesen Ort aber als „unwürdig“. Als in der Passauer Straße Räume frei wurden, bekundeten sie deshalb Interesse.
Nun freuen sie sich auf den ersten Schabbat in der frischeingeweihten Stätte. Für die neue Synagoge hat der Gemeindevorstand sogar eine echte Antiquität aufgetrieben: eine Torarolle, die mehr als 200 Jahre alt ist.

Bundeswehr

Hitlergruß in Kaserne

Rechtsextremismus ist in der Truppe verbreitet

von Stefan Laurin  07.02.2019

Reinhard Schramm

Kirchenglocken mit Hakenkreuzen

In Thüringen stellen sich evangelische Gemeinden nicht ihrer Verantwortung

von Reinhard Schramm  07.02.2019

Mini-Machane

»Das war wirklich unglaublich«

1300 Kinder und Jugendliche erlebten einen ganz besonderen Schabbat

von Eugen El  07.02.2019