Immobilienmarkt

Schöner wohnen

von Ralf Balke

»Ich bau dir ein Schloss wie im Märchen«, sang die Neue Deutsche Welle-Combo Neue Heimat in den 80er-Jahren, als der gleichnamige Wohnungskonzern in Gewerkschaftsbesitz in Deutschland den Bach runterging. Das Lied muss jetzt auch ein namenlos gebliebener russischer Oligarch gesummt haben, als er in Tel Aviv das bis dato teuerste Apartment im Lande erwarb. Für ein 1.100 Quadratmeter-Pent-house im Sea One-Projekt, das nahe dem Dolphinarium entsteht und 2011 bezugsfertig sein soll, legte er rund 20 Millionen Euro hin. Und als ob es keine Krise gäbe, sind bereits 31 der 44 Wohnungen der Extra-Luxus-Klasse in diesem Gebäudekomplex verkauft worden, mehr als 40 Millionen Euro legten die Käufer dafür auf den Tisch.
Dabei hat die aktuelle Rezession auch den israelischen Immobilienmarkt voll er-
wischt. Seit dem September des Jahres 2008 sind die Zahlen rückläufig. Allein im ersten Quartal des Jahres 2009 gingen die Verkäufe um 16 Prozent zurück. Aber das Bild ist alles andere als einheitlich. Während die Statistiker im Zentrum des Landes ein Minus von 18,7 Prozent und in Tel Aviv sogar ein Minus von 21,8 Prozent registrierten, gab es in Haifa ein deutliches Plus von 14 Prozent und in Jerusalem einen zaghaften Zuwachs von 1,7 Prozent. Und auch die Preise befinden sich im freien Fall. Laut einer aktuellen Umfrage des Consultingunternehmens Deloitte Brightman Almagor Zohar unter Israels Top-Immobilienfirmenchefs rechnen 43 Prozent von ihnen mit einem Rückgang von 10 bis 20 Prozent noch in diesem Jahr. »Zurzeit ist es einfach sehr schwierig, einen Kredit zu erhalten oder eine Hypothek aufzunehmen«, be-
schreibt Immobilienexpertin Amity We-
ber die Situation. »Weitere Faktoren sind die höhere Arbeitslosigkeit sowie die schwindende Bereitschaft vieler potenzieller Kunden, die sonst üblichen Preise be-zahlen zu wollen.« Doch dieser Trend wird wohl nur von kurzer Dauer sein, denn fast drei Viertel der Befragten gehen davon aus, dass bereits 2010 die Zeit der Schnäppchen wieder vorbei sein wird.
Diese Entwicklungen haben natürlich Konsequenzen für andere Branchen. »Je-
der wartet darauf, dass die Grundstückspreise ebenfalls um 10 bis 15 Prozent sinken und tätigt deshalb keine Käufe«, er-
klärte Israel-Discount-Bank-Chef Schlomo Zohar jüngst auf einer Konferenz. »Also verhalten sich auch die Projektentwickler sehr zögerlich und initiieren kaum noch neue Vorhaben.« Die Folge: Es wird weniger gebaut und die Baufirmen geraten in eine Schieflage. Die Regierung in Jerusalem hat reagiert und bürgt nun für 10 Prozent der von ihnen benötigten Kredite. Problematisch für die Immobilienwirtschaft ist auch die aktuelle Zurückhaltung aus dem Ausland. Um satte 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahres-quartal brachen die Immobilienkäufe durch Diasporajuden ein. Zwar repräsentieren nichtisraelische Interessenten nur rund 5 Prozent des Ge-
samtmarktes, dafür geben sie im Schnitt die Hälfte mehr für den Erwerb einer Immobilie aus als der israelische Durchschnittskunde.
Doch es gibt durchaus einige Profiteure der aktuellen Krisensituation. Weil die Preise so günstig sind und das Meer an-
ders als in Kfar Saba oder Ra’anana so na-
he, ist plötzlich ausgerechnet Bat-Yam zu einem lukrativen Ort für Leute auf der Su-
che nach einem schönen Zuhause geworden. »Eine gute Dreizimmerwohnung mit Meeresblick ist schon für rund 400.000 Euro zu haben«, so der Makler Charlie Biton. »In Tel Aviv kostet ein vergleichbares Objekt mindestens das Doppelte.«
Die Stadt hat in den vergangenen Jahren eine Menge getan, um ihr Image aufzupolieren und ist deshalb nach den Worten ihres Bürgermeisters Schlomo Lahiani ein »Immobilien-Paradies«. Dennoch fehlt es ein wenig an Glamour und es wird wohl noch lange dauern, bis Bat-Yam auf dem Radar russischer Oligarchen bei der Verwirklichung ihrer Träume von ei-
nem Schloss wie im Märchen auftauchen kann.

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