Schlager

Schmalz auf Hebräisch

Nur ein paar hundert Meter vom alten Hippodrom entfernt versammeln sie sich schon Stunden vor dem Konzert: die tiefer gelegten Toyotas und breiter gemachten BMWs. Hier auf dem staubigen Parkplatz vor dem Amphitheater in Caesarea zeigen die Jungs mit den gegelten Locken ihren Freundinnen in den kurzen Röcken und hohen Absätzen, wie viele Pferdestärken sie heutzutage dabeihaben. Dazu drehen sie ihre Megaboxen auf: »Ohne dich bin ich nur ein halber Mensch, mein Alles, mein Leben«, tönt es durch die runtergekurbelten Fenster. Dass die Texte nicht besonders geistreich sind, stört nicht, Hauptsache die Bässe wummern richtig. Sie alle stimmen sich ein auf ihr Idol, den Sänger Eyal Golan, der hier heute Abend auftritt.
Golan ist nicht irgendein israelischer Barde. Er ist der König des Misrachi. Übersetzt heißt das »östlich«, gemeint ist damit aber eher ein orientalischer oder nahöstlicher Mix aus arabischen, griechischen und türkischen Musikelementen. Charakteristisch für diesen Stil sind die sogenannten Silsulim, die Triller in den Worten, sowie die hohen Stimmen der Sänger, die nicht selten ins Weinerliche übergehen und die eher banalen Texte, die sich fast ausnahmslos um Liebe und Herzschmerz drehen. Gemischt mit einer Prise Pop verkauft er sich heute mehr denn je. Während die meisten von ihnen sich allerdings nach wie vor mit Auftritten auf Privatfeiern verdingen müssen oder mit etwas Glück Diskotheken im Süden Tel Avivs, Aschdods oder Bat-Jams füllen, pilgern für Eyal Golan und seinen Kollegen Kobi Peretz mittlerweile Zigtausende nach Caesarea. Noch immer mag es nicht jedermanns Geschmack sein, wenn sie singen: »Du bist die Wundervollste der Welt, meine Schönheitskönigin. Nur mit dir fühle ich, dass ich wirklich bin – du bist für mich geboren«, erwiesen ist jedoch, dass die Fangemeinde stetig wächst. Und nicht nur in den Reihen der sefardischen Juden. Neuerdings outen sich immer mehr Israelis als eingefleischte Misrachi-Fans – und sei es nur auf Partys, Barmizwas oder Hochzeiten.

Respekt Kritiker der hiesigen Musikszene sagen, dass die Anerkennung dieser Richtung einhergeht mit der Akzeptanz der ethnischen Gruppen orientalischen Ur-
sprungs, der Sefardim, also Juden aus Ma-
rokko, Tunesien, Irak oder Jemen. In den 50er-Jahren, als sie nach Israel kamen und ihre Melodien mitbrachten, war sie als Mu-
sik der Unterklasse verpönt. Lange hielten sich die Vorurteile. Zwar gab es zahllose Sänger und Sängerinnen, deren Kassetten an den Busbahnhöfen des Landes verkauft wurden, doch bekannt wurden die wenigsten. Heute indes, durch die Integration der einstigen Einwanderer, so die Kritiker, sind aus vielen musikalischen Underdogs schon fast Mainstream-Musiker geworden.
Dem Publikum auf den Steinbänken des Amphitheaters kann es an diesem Abend gar nicht schmalzig genug sein. »Aahs« und »Oohs« werden laut, als grüne, blaue, rote und pinkfarbene Blitze und Funken eines Feuerwerkes über der Bühne aufsteigen. »Neschama Scheli« wabert wie eine rhythmische Welle durch den Nachthimmel. »Meine Seele«, in diversen Liedertexten gern als ultimative Liebesbekundung benutzt, wird auch zum zwanzigsten Mal inbrünstig vom der gesamten Zuhörerschar mitgeträllert. Misrachi-Musik als Antithese zu Herbert Grönemeyers Hit: »Deine Liebe klebt – du gehst mir auf den Geist«.
Keren Weiß ist aschkenasische Jüdin und trotzdem hier. »Ich will abfeiern, Party machen. Das geht unglaublich gut mit dieser Musik, von anderen Konzerten kenne ich es so gar nicht. Hier aber tanzen alle von Anfang an wie verrückt, singen jede Strophe mit.« Klar sei auch eine gehörige Portion Schmalz dabei, meint die 25-jährige Studentin, »aber das macht nichts. Die Texte gehen ins Ohr, die Stimmung ist klasse. Ab und zu brauche ich das einfach.«

Geschmack Zur Oberliga der singenden Sefarden gehört mittlerweile auch Sarid Hadad. Die Frau mit dem charakteristisch rollenden »R« singt natürlich auch von der großen Liebe und allem Drumherum, aber auch davon, wie sich eine Frecha, das israelische Pendant zur »Tusse«, wohl in einem Mercedes fühlt. Von Plattheit indes wollen Fans nichts wissen. »Was heißt hier platt?«, fragt ein Taxifahrer in den 50ern, aus dessen Autoradio gerade einer der bekannteren Hits plärrt. Ob es ihn denn nicht stört, dass sich die meisten Songs um immer dasselbe Thema drehen und eher simpel gestrickt sind? »Überhaupt nicht, meint er, «denn genau so simpel ist nun einmal das Leben». Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Daher: Für manche mag der orientalische Pop grausiger sein als eine Kombination aus Roland Kaiser und Rex Guildo mit Ohrenschmalz-Garantie, für andere ist er die Gute-Laune-Musik für die Party mit mediterranem Feeling schlechthin.

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