Sommeruniversität

Schimpfwort »Jude«

»Nazis werden des Saales verwiesen«, sagte Wolfgang Benz, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. Benz eröffnete am Montag dieser Woche die diesjährige Sommeruniversität gegen Antisemitismus. Mit der ungewöhnlichen Ankündigung nahm er Bezug auf einen Vorfall, der sich vor zwei Jahren ereignete. Damals hatte der NPD‐Politiker Stefan Lux, ohne sich als Mitglied seiner Partei erkennen zu geben, die Vorlesungen und Workshops zum Thema »Antizionismus, Israelfeindschaft, islamistischer Judenhass« besucht und allein durch seine bloße Präsenz eine geradezu groteske Situation herbeigeführt, in deren Zentrum Benz stand. Linke Studenten bezichtigten ihn damals gar der Sympathie für den Faschisten, weil er nicht tolerieren wollte, dass der NPD‐Funktionär physisch bedroht wurde.
Benz’ Ankündigung, gegen Nazis vorzugehen, wurde bei dieser Sommeruni nicht gebraucht. Im Vordergrund der an Pädagogen, Wissenschaftler und interessierte Bürger gerichteten Veranstaltungsreihe standen fachliche Fragen. Zum Beispiel, wie Antisemitismus an Schulen zu begegnen ist.
»Antisemitismus und Israelhass unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund« lautete der Titel eines Workshops. Unter der Moderation von Britta Marschke, die sich bei den Berliner Grünen um Integrationsfragen kümmert, wiesen Lehrer und Sozialarbeiter darauf hin, dass antisemitische Parolen unter muslimischen Jugendlichen mittlerweile an der Tagesordnung seien. Gerade zu Anfang des Jahres, während des Gasakriegs, seien judenfeindliche Beleidigungen oft zu hören gewesen. In deutschen Schulen sei es keine Seltenheit mehr, dass das Wort »Jude« als Schimpfwort verwendet werde. Doch man habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen, sobald ihre antisemitischen Einstellungen im Unterricht systematisch diskutiert werden, nach einiger Zeit von selbst begreifen, dass ihre Vorurteile jeder Grundlage entbehren.
»Viele Jugendliche sind sich vor den Gesprächen mit uns gar nicht bewusst, dass sie Juden etliche Eigenschaften zuschreiben, ohne je einen einzigen Juden kennengelernt zu haben«, sagt Marc Neumann, Leiter eines Jugendbildungszentrums in Hattingen an der Ruhr. Es sei durchaus erfolgreich, wenn man Zeit in die Aufarbeitung antisemitischer Stereotype investiere und Aufklärungsarbeit leiste.
Problematisch seien vielmehr die Rahmenbedingungen, die ausführliche Gespräche mit den Jugendlichen oftmals verhindern, sagt Michaela Baetz, die in Nürn‐ berg an Projekten gegen Antisemitismus beteiligt ist. »In der Praxis fehlt häufig die Zeit, mit den Jugendlichen über ihre unreflektierten Behauptungen zu reden.«
Dass man solchen Äußerungen nicht nur an Schulen, sondern auch manchmal an Hochschulen begegnet, erlebten die Teilnehmer der Sommeruniversität. Mit einiger Emphase meldete sich am Eröffnungstag ein selbst ernannter Nahostexperte zu Wort und schrie laut: »Ich ängstige mich vor Israel. Ich fürchte mich vor diesem Land.« Die Frage, warum der aufgebrachte Redner Angst vor Israels Atomraketen verspürt, aber keinerlei Befürchtungen hat, dass das höchst aggressive Régime in Iran nach wie eine Nuklearmacht werden will, blieb unbeantwortet. Philipp Engel

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