Rabbiner Chaim Gedalja Ben Mordechai Lipschitz sel. A.

Sanfter Diplomat

»Geweint haben wir schon vor zwei Jahren, als Rabbiner Chaim Lipschitz uns Richtung Israel verließ«, sagt Gemeindevorsitzender Moritz Neumann. Mit wehem Herzen ließ die Jüdische Gemeinde Darmstadt damals ihren schwer kranken Rabbiner gehen. In Ramat Gan schien sich der Herzkranke wieder gut zu erholen. Bis es einen Rückschlag gab: Das Herz machte nicht mehr mit. Am 8. Januar starb Lipschitz 83-jährig. Der Tod des langjährigen Gemeinde- und Landesrabbiners in Hessen erschüttert Neumann sehr.
»Er war eine Vaterfigur für die Gemeinde.« Und ein Glücksfall außerdem, sagt Neumann. Mit Chaim Lipschitz hatten sie einen warmherzigen Betreuer, zu dessen ersten schönen Aufgaben die Einweihung des neuen Gemeindezentrums im Herbst 1988 gehörte. 1987, im Pensionsalter, war Lipschitz von Saarbrücken nach Darmstadt gekommen, zwei Jahre später wurde er vom legendären hessischen Landesrabbiner Ernst Roth als dessen Nachfolger ins Amt eingeführt.
Lipschitz betreute fortan auch die Gemeinden in Fulda, Bad Nauheim, Kassel, Marburg, Offenbach und Wiesbaden. Schon bald gehörte auch die Eingliederung der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion zu seinen vordringlichen Aufgaben. »Die Zuwanderer schätzten den Rabbiner sehr«, erzählt Neumann, gerade weil Lipschitz sich nie aufdrängte. Er zog sanfte Diplomatie lautstarken Auseinandersetzungen immer vor. Neumann beschreibt ihn als »moderat orthodox«. Lipschitz sei ein Rabbiner gewesen, der einer- seits die besonderen Lebensumstände der Juden in Deutschland kannte und berücksichtigte. Den andererseits aber auch das Oberrabbinat in Tel Aviv um Rat fragte. Die Mitgliedschaft in der Deutschen Rabbinerkonferenz war Chaim Lipschitz wichtig. Seine Kollegen schätzten ihn als äußerst liebenswürdig.
Chaim Lipschitz erfuhr aber auch von Nichtjuden Anerkennung, vor allem durch seine Dialogbereitschaft mit den Christen. 2002 nahm er von Saarbrückens Oberbürgermeister für sein Engagement die Friedrich-Schlomo-Rülf-Medaille entgegen. 2004 zeichnete ihn Johannes Rau für seine »einfühlsame Vermittlungstätigkeit zwischen Juden und Christen« mit dem Bundesverdienstkreuz aus.
Chaim Lipschitz hat einen weiten Weg hinter sich. Geboren wurder er am 12. Dezember 1923 in Gurahont in Rumänien. 1941 wurde er deportiert und musste bis zum August 1944 in der Ukraine Zwangsarbeit leisten. Danach kehrte er nach Bukarest zurück und konnte seine Ausbildung zum Rabbiner fortsetzen. 1947 entschloss er sich zur Alija. Im gleichen Jahr heiratete er Sonia Imberg. 1950 kam Sohn David zur Welt. Bis 1966 arbeitete Rabbiner Chaim Lipschitz als Lehrer in verschiedenen israelischen Städten. Seine erste Station in Deutschland machte er als Kantor und Religionslehrer in Essen. 1969 ging er ins Saarland. Nach fast zwanzig Jahren in Darmstadt zog er sich nach Israel zurück. Am 9. Januar wurde er in Cholon beerdigt. Heide Sobotka

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