philosophie

Rückkehr nach Deutschland

Was zeigt man, wenn man der Zweidimensionalität von Büchern und Gedrucktem entfliehen will? Diese Frage stellt sich immer dann, wenn Intellektuellengeschichte in einer Ausstellung dargestellt werden soll. Handelt es sich dann noch um jüdische Intellektuellengeschichte, wird das Darstellungsproblem noch größer. Und das erst recht, wenn der Schwerpunkt auf der frühen Bundesrepublik liegt. Monika Boll und Erik Riedel, die für die aktuelle Schau »Die Frankfurter Schule und Frankfurt. Eine Rückkehr nach Deutschland« im Frankfurter Jüdischen Museum verantwortlichen Kuratoren, versuchen, dem Dilemma einer rein antiquarischen Bücherschau zu entgehen. Dafür aber tappen sie in die Falle des angestrengt pittoresken und leicht nostalgischen Illustrierens. Das hat zur Folge, dass der Aufklärung des Besuchers hie und da im Wege gestanden wird.

Atmosphäre »Deutschland ist ja wieder einmal das Land der Zukunft, und es ist kräftiger und lebensfroher und böser als je«, heißt es bei Max Horkheimer 1948. Über die Atmosphäre an der Frankfurter Universität schreibt er seiner Frau Maidon, die während des Exils in den USA zum Judentum konvertiert war: »Die Fakultät … ist überfreundlich und erregt Brechreiz. Die Brüder sitzen noch genauso da und machen ihre heimtückischen kleinen Schelmenstreiche wie vor dem Dritten Reich (und unter ihm), als ob nichts geschehen wäre.« Horkheimer war 1934 via Paris nach New York geflohen und hatte in Kalifornien Auskommen und Forschungsprojekte gefunden. Nach dem Krieg folgte er nach einigem Zögern der Einladung des sozialdemokratischen Oberbürgermeisters Walter Kolb nach Frankfurt. Kolb wollte die Universität explizit antinazistisch neu positionieren. Die geeignetste Form der Wiedergutmachung war in seinen Augen, an die aufklärerische Tradition vor 1933 anzuknüpfen. Er wollte das Institut für Sozialforschung wiedereröffnen und dessen emigrierte Vorkriegsmitarbeiter – allen voran Max Horkheimer – nach Frankfurt zurückholen. Im Sommer 1949 erhielt Horkheimer den neu geschaffenen Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie, ein Jahr später wurde er Dekan, und ein weiteres Jahr später wurde das Institut für Sozialforschung feierlich wiedereröffnet. Von 1951 bis 1953 war Horkheimer zudem Rektor der Frankfurter Universität. Vor allem die jü‐dische Presse wertete dies als außergewöhnliche Entwicklung in Deutschland, heißt es. 1951 trat Horkheimer wieder der jüdischen Gemeinde bei. Sein engster Freund und Kollege Friedrich Pollock wurde 1951 außerordentlicher und 1958 ordentlicher Professor für Volkswirtschaftslehre, Theodor W. Adorno 1957 Ordinarius für Philosophie. Leo Löwenthal und Herbert Marcuse blieben hingegen in Kalifornien. Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und gliedert sich in vier Ober‐ und neun Unterkapitel. Sie setzt im Jahr 1933 ein, mit dem Frankfurter Institutsgebäude samt Hakenkreuzfahne, und endet mit einer Aufnahme von Vadim Zakharovs gläsernem Adorno‐Denkmal von 2003 auf dem Adorno‐Platz an der Bockenheimer Warte. Auch Details wie die Seminarbestuhlung oder Horkheimers erster, von Ferdinand Kramer designter Schreibtisch sind in der Ausstellung zu sehen. Viele durchaus wichtige Facetten werden jedoch dem Katalog überlassen: das Ausleuchten von Umfeld und Hintergründen, das kluge, teils raffinierte Wissenschaftsmanagement des Instituts, das sich nach dem Krieg Schritt für Schritt vom reinen Marxismus abwandte und auch die Verortung in der westdeutschen Gesellschaft. Wie kunstvoll sich die Frankfurter Protagonisten durch zahllose Reden und Auftritte der Medien bedienten und sehr früh schon am eigenen Mythos arbeiteten (dem verblüffenderweise keine wissenschaftlich adäquate Forschung entsprach). Von all dem erfährt der Besucher nur aus dem schön gedruckten Katalog.

Porträts Besonders auffällig ist dies im sogenannten Spiegelkabinett auf halber Strecke der Ausstellung. Hier sind verspiegelte Säulen mit biografischen Kurzinfos zu Institutsmitarbeitern wie zu intellektuellen Partnern und Begleitern so aufgestellt, dass sie sich nicht nur gegenseitig spiegeln, sondern dass sich auch der Betrachter selbst permanent sieht. Reflexion wörtlich genommen. Reflexivität: Fehlanzeige. Gleiches betrifft auch die überleitende Passage. Hier wird mit Ausschnitten aus Fernsehinterviews der Übergang von Amerika nach Deutschland gezeigt. Aufschlussreich hingegen ist Stefan Moses’ vollständig gezeigte Porträtserie Theodor W. Adornos mit Selbstauslöser und Spiegel. Wie verkniffen emo‐ tionslos, fast desinteressiert der Philosoph hier posierte, ist so erstaunlich wie der Welterfolg, der der berühmtesten Aufnahme seither widerfahren ist. Amüsant ist ein kurioser Fund, der erstmals einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt wird: ein Album Maidon Horkheimers, entstanden kurz vor oder nach 1940, mit witzig‐ironischen Bildmontagen zu Stichworten wie Materialismus, Idealismus oder »Bedtime secrets«. Das Ende der Ausstellung mit eigener Fotografiermöglichkeit (mit und im Spiegel) geht genauso ins Leere wie das Abspielen einer Fernsehdokumentation von 1964 über das neue Frankfurt mit Horkheimer in der Hauptrolle. Gesamteindruck: Eine Ausstellung, die zu wenig bietet und zugleich zu viel. Wieder einmal ist das Begleitbuch die informativere Schau.

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