Zionismus

Richtung Abstellgleis

von Wladimir Struminski

Im Jerusalemer Hauptquartier der Jewish Agency macht sich Ärger breit. Der Grund: Die israelische Regierung hat soeben beschlossen, zwei privat-gemeinnützige Organisationen, die die Einwanderung nach Israel fördern, unter ihre Fittiche zu nehmen. Künftig werden Nefesh B’Nefesh und Ami auf fester Basis aus dem Regierungsetat bedacht. Für sich genommen ein löbliches Unterfangen. Immerhin werden die beiden Vereinigungen allein in diesem Jahr rund 5.000 Neueinwanderer nach Israel bringen. Nefesh B’Nefesh ist vor allem in Nordamerika und Großbritannien aktiv, Ami konzentriert sich auf Frankreich. Damit organisieren die Privaten den Großteil der aus diesen Ländern kommenden Einwanderung. Das hat die Regierung jetzt honoriert. Und der Jewish Agency damit indirekt ihr Misstrauen ausgesprochen. Denn prinzipiell ist die Agency, auf Hebräisch kurz Sochnut genannt, für die Förderung der Alija zuständig. Jetzt ist ihre Monopolstellung angeschlagen – ein weiteres Zeichen für die Krise, in der die altehrwürdige Einrichtung steckt.
Zum Teil ist die Misere hausgemacht. Mangelnde Effizienz hat die Jewish Agency zum Spottobjekt gemacht. Vor dem Hintergrund geringer Immigrantenzahlen nimmt sich ihr Apparat überdimensional aus. »Der letzte Jude aus Alaska«, so ein beliebter israelischer Witz, wandert in Israel ein und wird auf dem Ben-Gurion-Flughafen interviewt. »Stimmt es«, will der Reporter wissen, »dass es in Alaska jetzt keine Juden mehr gibt?« »Nein«, erwidert der Immigrant. »Die beiden Gesandten der Sochnut sind geblieben.«
Israelische Innenpolitik hat das Ansehen der Jewish Agency zusätzlich beschädigt. Die Chefetage der Agentur gilt als ein luxuriöses Abstellgleis für abgehalfterte Politiker. Parteipolitisches Gezerre trägt dazu bei, dass der Imageschaden perfekt ist. Und das durch die Politik geschmälerte Ansehen der Sochnut macht es der Regierung leichter, die Position der verdienstvollen Institution weiter zu schwächen.
Zugleich wird die Arbeit der Jewish Agency von der Öffentlichkeit nach ziemlich unrealistischen und damit unfairen Maßstäben beurteilt. Die neuen Privatorganisationen bringen meist gut ausgebildete und vielfach schon finanziell abgesicherte Einwanderer mit besten Integra- tionschancen aus dem Westen ins Land, während die Sochnut sich um die jüdische Erziehung in der ehemaligen Sowjetunion und die Betreuung äthiopischer Juden kümmert.
Zudem ist es ja nicht so, dass eine verkrustete Organisation Millionen einwanderungshungriger Juden durch In-
kompetenz an der Immigration hindert. Die allermeisten Diaspora-Juden denken ohnehin nicht daran, sich ins Abenteuer Alija zu stürzen. Würde sich das ändern, wenn Israel ruhiger, westlicher, vermögender und sicherer wäre? Vielleicht. Für eine Generalüberholung des Landes ist die Jewish Agency aber nicht zuständig. Das müssten die israelische Politik und die israelische Gesellschaft besorgen.
Fast vergessen scheint der historische Verdienst der 1929 gegründeten Organisation bei der Vertretung jüdischer Interessen in der Zeit der britischen Mandatsmacht. Dann der wichtige Beitrag bei der Gründung und Besiedlung des jüdischen Staates, der im kommenden Jahr sein 60-jähriges Bestehen feiert. Zudem lassen die Kritiker gern unerwähnt, dass die Sochnut auf vielen Gebieten ein nicht wegzudenkender Teil des jüdischen Lebens der Diaspora ist, beispielsweise bei der Jugendarbeit. Schließlich schafft sie ein wichtiges Forum für den Dialog zwischen Israel und der Diaspora – in Zeiten wachsender Entfremdung zwischen den beiden Gruppen des jüdischen Volkes eine wichtige Aufgabe.
Dennoch: Die Jewish Agency muss sich verändern, und zwar nicht nur durch mehr Effizienz und Transparenz. Sie hat sich auch an eine zunehmend vom Postzionismus geprägte jüdische Welt und eine schrumpfende Diaspora anzupassen. Sollte die Sochnut die Stärkung des jüdischen Lebens rund um den Globus zu ihrer Hauptaufgabe machen? Muss sie beim Aufbau und Betrieb eines umfassenden jüdischen Schulwesens helfen? Wird sie künftig eine Heerschar von Helfern in die Diasporagemeinden entsenden? Soll sie dabei die Förderung der Immigration offiziell auf die Hinterbank verbannen?
Die Antworten auf diese Fragen müssen aus der zionistischen Bewegung heraus kommen, deren ausführender Arm die Jewish Agency ist. Die Bereitschaft der israelischen Politik, bei der wichtigen Weichenstellung zu helfen, wird ebenfalls eine entscheidende Rolle spielen. Die Alternative zur Veränderung ist ein schleichender Untergang.

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026