Umweltschutz

»Richte meine Welt nicht zugrunde«

von Chajm Guski

Der Erhalt von Tier‐ und Pflanzenarten ist nicht nur das Anliegen einzelner Naturschützer, sondern auch erklärtes Ziel zahlreicher Regierungen und Organisationen. Dies verdeutlicht die UN‐Konferenz in Bonn, auf der sich noch bis zum 30. Mai 5.000 Delegierte aus 190 Ländern mit dem Schutz der Artenvielfalt beschäftigen. Ziel ist es, der Zerstörung der Natur völkerrechtlich Einhalt zu gebieten. In Deutschland wurde bereits 1935 ein Gesetz erlassen, welches den Artenschutz berück‐
sichtigte und erst 1976 durch neues Bun‐
desrecht abgelöst wurde. Die Entwürfe des Reichsnaturschutzgesetzes stammten aus der Feder von Benno Wolf, der als Jude nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten schnell als Vater des Gesetzes vergessen wurde. Wolfs Herkunft ist ein Hinweis auf ein religiöses System, welches die großen Zusammenhänge zwischen Mensch und Umwelt als selbstverständlich betrachtet. Das Judentum wid‐
mete sich diesem Thema bereits, als noch nicht einmal bekannt war, dass die großflächige Zerstörung natürlicher Ressour‐
cen in weit entfernten Regionen letztendlich auch Auswirkungen auf lokaler Ebene haben kann.
Allein die Haltung, dass die Welt Gottes Eigentum ist, wie es etwa im Psalm 24,1 ausgedrückt wird (»Dem Ewigen gehört die Erde samt ihrer Fülle«), sollte einen an‐
deren Blick auf die Welt ermöglichen. Im Buch Kohelet wird dem Menschen sein Platz in der Welt zugewiesen, als Glied in einer Kette: »Generationen kommen und gehen, aber die Erde besteht für immer.« Der Midrasch Rabba zu Kohelet wird noch deutlicher: »Als Gott den ersten Menschen erschuf, führte er ihn herum zu allen Bäumen des Garten Eden und sprach zu ihm: ‚Siehe was ich erschaffen habe, die schönen Bäume … siehe dich vor und richte meine Welt nicht zugrunde, denn wenn du sie zerstörst, gibt es niemanden, der sie nach dir reparieren könnte.‘«
Der Mensch steht seit seiner Schöpfung an der Seite Gottes und somit auch in der Verantwortung, für diese Schöpfung zu sorgen und sie zu vervollkommnen. Tikkun Olam heißt dieses Prinzip, die »Vollständigmachung der Welt«. Dies beinhaltet soziale Gesichtspunkte ebenso wie ökologische.
Deutlich sagt die Tora auch, wie wir mit unserer Umwelt in Ausnahmefällen umzugehen haben. So ist zum Beispiel im
5. Buch Moses (20,21) die Mizwa des Bal Taschchit zu finden: »Wenn du eine Stadt für lange Zeit belagerst, so sollst du die Bäume um sie herum nicht zerstören (bal taschchit), indem du die Axt gegen sie schwingst, sondern sollst nur von ihnen essen, sie selbst aber nicht umhauen.« Zum einen ist es dem Menschen erlaubt zu nehmen, was er benötigt, zum anderen ist es ihm aber untersagt, dabei Zerstörungen zu verursachen. Exemplarisch dafür steht die Mizwa des Schmitta‐Jahres. Nach sechs Jahren Nutzung soll jüdisches Land ein ganzes Jahr brachliegen (2. Buch Mose 23,10–11), und tatsächlich wird diese Vorschrift theoretisch befolgt.
Aber auch andere Prinzipien haben ei‐
nen direkten Zusammenhang mit dem Umweltschutz, wie wir ihn heute kennen. Wenn es in der Tora heißt, »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«, so verweist das auf einen großen Komplex in der Halacha, der sich mit Schäden be‐
schäftigt, die man in der Nachbarschaft verursacht hat. Es wird herausgestellt, dass Besitzer für Schäden verantwortlich sind, die durch ihr Hab und Gut entstehen. Dies kann auch durch »unbelebten« Besitz oder Objekte geschehen. Wer etwa eine Grube im öffentlichen Bereich gräbt und diese nicht abdeckt, schafft eine Gefahr und ist dafür zur Verantwortung zu ziehen. Der Beginn der Mischna Baba Kamma beschäftigt sich genau damit und klassifiziert diese Schadensursachen: »das Rind«, »die Grube«, das »wilde Abweiden« und die »Brandstiftung«. In den Bereich der »Grube« fällt demnach auch die Entsorgung giftigen Mülls mit hohen Risiken für Bevölkerung, Flora und Fauna. Zur »Brandstiftung« würde die Vergiftung der Luft oder des Wassers durch schädliche Abgase oder Stoffe gehören. Laut Bereschit Rabbah (13,3) sprach Rabbi Schimon bar Jochai: Drei Dinge sind von gleicher Wichtigkeit – die Erde, die Menschen und Regen. Rabbi Levi ben Hijata lehrte: Ohne Erde gibt es keinen Regen, ohne Regen kann die Erde nicht bestehen und ohne beides kann der Mensch nicht existieren. Die Verunreinigung der Luft und des Wassers ist also eine Schuld, für die man verantwortlich gemacht werden kann.
Selbst die Prinzipien, nach denen Stadtplaner heute vorgehen würden, um die Be‐
wohner einer Stadt vor schädlichen Einflüssen und störenden Abgasen zu schützen, sind in der Mischna bereits festgelegt. Im Traktat Baba Batra wird erklärt, in welcher Entfernung zu bewohntem Gebiet sich Backofen, Tenne und Gerberei befinden dürfen, um nicht durch Rauchent‐
wicklung, herumfliegende Spreu und fürchterlichen Gestank die Lebensqualität der Nachbarn zu beeinträchtigen.
Trotz der starken Argumente der Halacha ist der Umwelt‐ und Naturschutz kein Thema geworden, dem sich die Masse der Jüdinnen und Juden über die Jahre hinweg hingebungsvoll gewidmet hätte. In den USA ändert sich das langsam. Dort gibt Gruppen und Organisationen, die sich für Umweltschutz und Artenvielfalt einsetzen. Dies mag im kleinen Rahmen stattfinden oder die globale Lage im Blick haben, über Strömungsgrenzen hinaus. Die »Coalition on the Environment and Jewish Life« (Koalition für Umwelt und jüdisches Leben) arbeitet gemeindeübergreifend und klärt über jüdisches Engagement für die Umwelt auf. Die Organisation wird unterstützt von Vertretern verschiedenster jüdischer Strömungen in den USA, unter anderem von der Orthodox Union, der Jewish Reconstructionist Federation und der Union for Reform Judaism. Eine rein orthodoxe Organisation für die Verbindung von Naturschutz und Judentum ist Canfei Nesharim, deren Direktorin Evonne Marzouk sich gegen »unsere Unfähigkeit« wehrt, »die verheerenden Auswirkungen zu sehen, welche nicht nur die Erde betreffen, sondern auch die Zukunft unserer eigenen Kinder«. Diese Organisationen beginnen ihre Arbeit im kleinen Rahmen, in den Gemeinden oder der Nachbarschaft. So werden etwa auch ökologische Gesichtspunkte bei der Planung neuer Synagogen betrachtet.
In Deutschland gibt es keine vergleichbaren Organisationen. So sucht man auch zum Beispiel bei Synagogenneubauten der jüngsten Zeit vergeblich nach Solarstrom‐anlagen. Und die einzige Synagoge mit Wärmepumpe ist derzeit im hessischen Vöhl zu finden. Allerdings wird das Gebäude schon lange nicht mehr für Gottesdiens‐te genutzt, der örtliche Förderkreis hat die umweltfreundliche Technik installiert.
Der jüdischen Gemeinschaft fehlen hierzulande entsprechende Initiativen. Da‐
bei macht die Konferenz in Bonn noch einmal deutlich, dass dringender Handlungsbedarf besteht. Und für die Erkenntnis, dass globaler Arten‐ und Umweltschutz vor der eigenen Haus‐ und Synagogentür beginnt, braucht es keine UN‐Resolution. Dazu genügt schon der Blick in Tora und Talmud.

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