No-Go-Areas

Reisefreiheit

von Claus Christian Malzahn

1990 gewannen alle Deutschen Einheit und Freiheit – weil Europa und die Welt den Deutschen traute. Die notwendige Provokation des ehemaligen Regierungssprechers Uwe-Karsten Heye und die Reaktionen auf seine Reisewarnung für Brandenburg aber zeigen, daß die Freizügigkeit erst noch erkämpft werden muß im neuen Deutschland.
Als sich der Deutsche Fußballbund im trüben November 1992 um die Fußball-WM 2006 bewarb, steckte dahinter nicht nur sportlicher Ehrgeiz. Die Bewerbung hatte eine bewußte politische Note. Wenige Jahre nach der Wiedervereinigung, die ohne internationale Hilfe und entsprechendes Vertrauen nie möglich gewesen wäre, wollte man skeptische Stimmen im Ausland beruhigen. Wir Bundesrepublikaner, gerade um 16 Millionen Bürger gewachsen, wollten uns der Welt 2006 im besten Licht präsentieren. Denn die Bewerbung erfolgte in finsteren Zeiten. Asylbewerberheime brannten, in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda tobte ein rassistischer Mob auf den Straßen. In Deutschland wurden wieder Menschen umgebracht, weil sie vermeintlich anders waren. Die Opfer des rechtsextremen Hasses waren oft genug Nachbarn, zum Beispiel in Mölln und Solingen, wo Türkinnen und Türken bei lebendigem Leibe verbrannten, weil aufgehetzte Jugendliche böse braune Träume hatten.
Solche Verbrechen verbuchten damals manche Politiker und Intellektuelle als bedauerliche Nebenwirkungen des Asylrechts (das flugs eingeschränkt wurde) und des Zusammenwachsens der beiden fremdgewordenen Deutschländer. Man hoffte, dieser Irrsinn würde vergehen wie ein Gewitter am Nachmittag. Dieser rassistische Wahn, der damals durch das neue Deutschland schwappte, ist nicht verschwunden. Im Gegenteil, er hat sich in manchen Gegenden, vor allem in Ostdeutschland, breitgemacht. Nun ist also in ein paar Tagen die Welt zu Gast bei uns; und plötzlich warnt ein ehemaliger Regierungssprecher dunkelhäutige Besucher davor, bestimmte Gegenden Brandenburgs zu besuchen – sie kämen möglicherweise nicht lebend zurück.
Heyes Reisewarnung ist gerechtfertigt. Erstens gibt ihm die Statistik Recht. Die Bundesliga rechtsextremistischer Gewalttaten wird von Sachsen-Anhalt und Brandenburg angeführt (vgl. S. 2). Es ist kein Geheimnis, daß Berliner Türken lieber im Tiergarten grillen als an den Gestaden von Havel und Oder. Jugendzentren und Schulklassen aus Kreuzberg, Wedding oder Neukölln fahren lieber ins Schullandheim nach Bayern als an die Ostsee oder in die Märkische Schweiz. Ich selbst, rothaarig und sommersprossig, fahre im Sommer manchmal an den Stechlin im Norden Brandenburgs. Dunkelhäutige Besucher habe ich dort noch nie gesehen; Skinheads und junge Männer, die sich SS-Runen in den Oberarm tätowieren ließen, dagegen schon. Wenn sie nicht grölen, liegen sie im Gras am Ufer, was auch vom deutschen Bier herrühren kann. Ein Hauch von »Kraft durch Freude« weht da über Fontanes See. Soll ich wieder hinfahren? Oder meinen Lieblingssee diesen Typen überlassen?
Das ist eine Frage, über die sich Politiker, Verbandssprecher sowie selbsternannte Ost-Experten und ostdeutsche Volksseelenvertreter streiten sollten: Wie gewinnen wir dieses Terrain zurück? Stattdessen fiel man über Heye her, als hätte er gerade den Liter Benzin auf fünf Euro erhöht. Heye habe dem Land geschadet, hieß es unisono bei SPD, CDU und PDS. Das ist eine Umkehrung der Verhältnisse. Nicht Heye schadet dem Lande Brandenburg, sondern erstens die Nazis, die es in eine ausländerfreie Zone verwandeln wollen und dabei auch vor Mord und Totschlag nicht zurückschrecken. Brandenburg schaden ferner jene Politiker, die das allgegenwärtige Rassismus-Problem nicht offensiv bekämpfen, sondern Kritik beschwichtigen oder die fast täglichen Übergriffe beschweigen. Das gleiche muß man über jene sagen, die in West-Berlin jahrelang zusahen, wie sich Schulen in rechtsfreie Räume verwandelten, in denen Lehrer an ihren brutalen Schülern verzweifeln. Der Haß an der Rütli-Schule und der Haß in Brandenburg, vor dem Heye warnte, sind zwei Seiten derselben deutschen Medaille.
Dennoch: Im Westen hat man sich in 40 Jahren Nachbarschaft an andere Kulturen gewöhnt. Daß die Xenophobie im Osten tiefer sitzt als in der alten Bundesrepublik, ist soziologisch viel zu gut belegt, als daß dieser Befund von politisch korrekten Volksvertretern noch bestritten werden könnte. Das macht den Westen nicht zum Paradies. Eine Leserin von Spiegel Online berichtete, daß sie auch in München als »Negerhure« beschimpft worden sei – des dunklen Teints ihres Sohnes wegen. »Aber die Gefahr eines gewalttätigen Angriffs scheint im Osten größer zu sein«, schrieb sie in einer E-Mail. Soweit sind wir schon: Die Welt ist bei uns zu Gast, und Karina M. aus Tutzing traut sich nicht ins Erzgebirge oder an die Ostsee. Es wäre schön, wenn im Jahre 17 nach der Wende neben Einheit und gesetzlich garantierter Freiheit endlich für alle Bürger der Republik auch Freizügigkeit gelten würde. Die müssen die Deutschen aber selbst erkämpfen. Freizügigkeit bekommt man nicht in Zwei-plus-Vier-Gesprächen geschenkt.

Claus Christian Malzahn, 42, leitet das Politik-Ressort von »Spiegel Online«. Er ist auch Autor des Buches »Deutschland, Deutschland. Kurze Geschichte einer geteilten Nation.«

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