»Pride-Parade

Regenbogen-Allianz

von Wladimir Struminski

Ein uneingeweihter Beobachter könnte meinen, die messianische Ära sei angebrochen. In der Heiligen Stadt kämpfen dieser Tage Israeliten, Moslems und Christen, Juden und Araber Schulter an Schulter. In der Knesset zeigten die Abgeordneten Jitzchak Levy und Ibrahim Tzartzur, von der siedlernahen Nationalliste der eine, von der Islamischen Bewegung der andere, plötzliche Verbundenheit. In Jerusalem reichten der orthodoxe New Yorker Rabbiner Yehuda Levin und der oberste palästinensische Geistliche Taisser Tamimi einander lächelnd die Hand.
Was die religiöse Regenbogenkoalition dermaßen in Rage bringt, ist die für den 6. bis 12. August geplante internationale Pride-Parade. Homosexuelle, lesbische, bisexuelle und transsexuelle Teilnehmer aus aller Welt wollen sechs Tage lang in der Stadt zusammenkommen, in der Salomon den Tempel erbaute, Jesus am Kreuz starb und die von Moslems als diejenige Stätte verehrt wird, von der aus der Prophet seine Himmelfahrt angetreten hat.
Auch christliche Organisationen schlossen sich ihren moslemischen und jüdischen Brüdern auf dem »Schlachtfeld Jerusalem« an. Israels sefardischer Oberrabbi-
ner, Schlomo Amar, wandte sich sogar hilfesuchend an den Papst. »Wir ersuchen Eure Exzellenz, kraftvoll und eindeutig gegen diese schreckliche Erscheinung Stellung zu nehmen«, bat Amar Benedikt XVI. in einem Schreiben. Schließlich, so der Rabbiner, drohten die Übeltäter, wenn man sie gewähren ließe, »der Menschheit zu schaden«. Bildhafter drückte es Nissim Seew, seines Zeichens Knessetmitglied der sefardisch-orthodoxen Schas aus. Das geplante Ereignis sei wie »ein Aufmarsch von Schweinen auf dem Tempelberg«.
Bei der geplanten Schwulen- und Lesbendemo handelt es sich um den zweiten Anlauf. Im Vorjahr wurde die Parade wegen der damals unmittelbar bevorstehenden Räumung des Gasa-Streifens abgesagt. Die Polizei riet dazu. Sie habe keine Einsatzkräfte zur Verfügung, lautete die Begründung damals. Das sahen auch die Veranstalter ein.
Eine Genehmigung für die Pride-Parade ist bisher noch nicht erteilt worden. Auch eine Verbotsentscheidung, wie von den Gegnern gefordert, sei bisher nicht ergangen, teilte die Polizei der Jüdischen Allgemeinen mit. »Über das Thema wird gegenwärtig beraten«, lautete die einsilbige Ant-
wort des Polizeisprechers. Dennoch wollen Vertreter der drei abrahamitischen Religionen die Parade verhindern. Sie fordern von der Polizei, die für eine Veranstaltung dieser Größenordnung erforderliche Genehmigung zu verweigern. Das wäre rechtlich möglich, falls eine massive Störung der öffentlichen Ordnung zu erwarten ist. Mit diesem Argument verbietet die Polizei beispielsweise Jahr für Jahr einen von jüdischen Extremisten geplanten Aufmarsch auf dem Tempelberg. Dieser, so die Gerichte, wäre eine unerträgliche Provokation für Moslems und könnte katastrophale Folgen für Israels Sicherheit und Politik haben.
Ob diese Argumentationskette auch für »Jerusalem Pride« gilt, ist zweifelhaft. Schließlich will die Lesben-, Schwulen-, Bi- und Transsexuellen-Feier nur auf das gesetzlich verbriefte Recht auf Versammlungsfreiheit und unbehinderte Meinungsäußerung zurückgreifen. Ihre Veranstal- tung sehen die Organisatoren auch als einen Protest gegen Haß und Intoleranz. Die Parade, sagt Noa Satat, Vorsitzende des als israelischer Veranstalter fungierenden Jerusalem Open House, wolle »grenzenlose Liebe« in die Stadt bringen. Damit ist das Gegenteil des »grenzenlosen Hasses« gemeint, also jener Sünde, die nach talmudischer Auffassung zur Zerstörung des Zweiten Tempels geführt hat.
Wie aber werden sich die Gegner der Parade verhalten? Kommt es zu Massenprotesten? Zumindest die Jerusalemer Ultraorthodoxen haben in der Vergangenheit bewiesen, daß sie bei grundsätzlichen Anliegen vor Demonstrationen, im Extremfall auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Gerade im Falle der schwul-lesbischen Parade aber, so Kenner der strengreligiösen Szene, dürften sich die Proteste in Grenzen halten. Der Grund: In ultraorthodoxen Kreisen ist gleichgeschlechtliche Liebe ein so strenges Tabu, daß sie nicht einmal erwähnt wird. Damit es auch so bleibt, haben führende Rabbiner die ultraorthodoxe Presse in Israel angewiesen, das Thema zu ignorieren.

Holzstörche zur Geburt in Niederösterreich. Noch immer werden neben den klassischen Namen viele biblische Namen den Kindern gegeben.

Statistik

Diese hebräischen Vornamen in Österreich sind am beliebtesten

Österreichische Eltern wählen gern Klassiker. Unter den Top Ten sind auch viele Namen biblischen Ursprungs

von Nicole Dreyfus  04.07.2026

Bundesamt für Statistik

Dieser hebräische Vorname ist am beliebtesten bei Schweizer Eltern

Auch in der Schweiz wählen Eltern weiterhin häufig biblische Namen für ihr Neugeborenes

von Nicole Dreyfus  04.07.2026 Aktualisiert

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 04.07.2026 Aktualisiert

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026