Feiertage

Profis in der Küche

Vier Wochen im Herbst folgt ein Feiertag dem nächsten. Purer Stress für die jüdische Hausfrau sollte man meinen, doch die Wirklichkeit sieht anders aus, denn Vor‐ und Zubereitungen der Mahlzeiten können auch sehr viel Spaß machen.
»Der Rummel vor den Feiertagen trifft mich nicht so«, erzählt Edna Brocke, Leiterin der Alten Snagoge Essen, lachend. »Denn für mich ist das Urlaub.« Die Single‐frau fährt zu den Feiertagen regelmäßig zur Familie nach Israel, wo sie dann mit Schwester und Nichte für die Familie kocht. Und das sei, obwohl zwischen zehn und 20 Personen zu bewirten seien, für sie nicht anstrengend: »Ich wohne bei meiner Schwester, wir machen alles zusammen, wir planen, wir kaufen ein. Und da gehen wir zu ihrem Metzger, zu ihrem Gemüsehändler und so weiter.«

Menü Experimente beim Kochen werden nun aber von den wenigsten Familien einfach so hingenommen. »Klar, dann gibt es auch bei uns Protest«, meint Brocke, fügt aber hinzu, dass die meisten Gerichte für Feiertage wie Pessach und Rosch Haschana vorgeschrieben sind, und kulinarische Überraschungen deswegen ausgeschlossen sind. »Was es gibt, wissen alle eben schon vorher. Ansonsten variieren wir natürlich schon ein bisschen, mal gibt es mehr Huhn und weniger Fisch, mal Gemüse mit Kräutern, mal süß‐sauer.«
»Wenn man auf größere Experimente verzichtet, ist man traditionell, religionsrechtlich und geschmacklich auf der richtigen Seite«, sagt Daniel Neumann vom Landesverband der jüdischen Gemeinden Hes‐
sen. »Im Regelfall kennt man die Gerichte ja schon von den Großeltern. Und auch die Eltern freuten sich darauf, und so setzt sich das immer weiter fort.«
Zu den großen Festtagen ist es seine Mutter, die am Herd steht, und helfen lassen möchte sie sich in aller Regel beim Kochen nicht. »Sie verbittet sich kategorisch jede Einmischung der Familie«, er‐
zählt Neumann. Aber ganz allein alles machen muss Mutter Neumann natürlich nicht. »Ich kaufe ein, was sich auch anbietet, denn ich arbeite in Frankfurt und kann alles, was benötigt wird, im koscheren Geschäft besorgen.« Auch sonst sitze die übrige Familie nicht auf der faulen Haut, während sich die Mutter abrackert. Beim Tischdecken, Anrichten und so weiter pa‐
cken wir natürlich alle mit an.«
Kleine Handreichungen in der Küche sind hingegen erlaubt. »Bei aufwendigen Gerichten, wie Gefillte Fisch, lässt sie sich durchaus unterstützen.« Und der Dank bleibt nicht aus. »Man bringt beispielsweise Blumen mit. Aber selbst das erwartet sie eigentlich nicht, sie findet, dass die Mühe, die sie sich macht, eine Selbstverständlichkeit ist. Größere Geschenke würde sie vermutlich gar nicht annehmen.«
Könnte Neumann denn überhaupt die Kocherei an Feiertagen übernehmen? »Mei‐
ne Stärken liegen eher im Essen als im Zubereiten«, gibt der schlanke junge Mann zu. »Ich kann die drei Standardgerichte, die wohl jeder Mann beherrscht, aber die wä‐
ren ganz sicher kein schönes Festessen.« Neumann verweist aber gleichzeitig darauf, dass sein Vater Moritz »ein leidenschaftlicher Koch« sei, der viel Spaß daran habe, die Familie mit leckeren Speisen zu verwöhnen. Nur eben nicht an Feiertagen. »Zutrauen würde er sich das wohl, aber da hat er keine Chance.«
Leah Floh, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach, lässt sich dagegen gern helfen, aber das liegt auch daran, dass ihr Betätigungsfeld ein biss‐
chen größer ist. »Ich bin Hausfrau in einer jüdischen Gemeinde, sie ist mein Hauhalt«, sagt sie. Zu den Feiertagen kocht man dort für Mitglieder und Gäste. »Aber das ist positiver Stress, denn das macht Spaß.«

Seminare Vielleicht auch deswegen, weil Männer und Frauen zusammenarbeiten. »Vor drei Jahren hatten wir einen männlichen Koch«, erzählt Floh, nun sind es im Moment Frauen. »Ganz wichtig«, fügt die Gemeindevorsitzende hinzu, sei, dass sie auch geschult werden. »Sie fahren zum Beispiel zu den Seminaren der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland über die koschere Küche.« Auch Männer hätten an diesen Fortbildungen viel Freude, berichtet Floh und ist begeistert, dass »es so etwas wie strikte Unterteilung in Männer‐ und Frauenarbeiten nicht mehr gibt. Wir arbeiten alle gemeinsam. Wobei die Männer schon die körperlich schweren Sachen übernehmen.«
Und Arbeit gibt es vor den Feiertagen genug, schließlich kommen viele Familien zu den Festessen, außerdem sind immer wieder auch Nichtjuden zu Gast in der Gemeinde. Zu diesen Anlässen bietet sie einen ganz besonderen Service: »Es kommen viele Fragen zum Thema koscheres Essen«, sagt Floh, per E‐Mail verschickt man deswegen Rezepte zum Beispiel für Lattkes oder veröffentlicht Anleitungen in der Gemeindezeitung. »Mit dem jüdischen Frauenbund planen wir nun sogar ein Seminar zum Thema, da soll dann jeder auch seine alten Rezepte mitbringen, damit man sie mit anderen teilen kann.«
Und auch wenn der abgewandelten alten Fußballweisheit zufolge die Zeit nach den Feiertagen im Grunde immer auch schon die Zeit vor den Feiertagen ist, bleibt ja doch die Zwischenzeit. Und damit genug Möglichkeit, sich zu erholen. Oder darüber nachzudenken, wie man denjenigen, die sich in der Küche abgerackert haben, eine kleine Freude machen kann.

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