Religions- oder Ethikunterricht

Pro was?

von Alice Lanzke

Wer dieser Tage durch Berlin läuft, fühlt sich wie im Wahlkampf: Allerorten zieren große Plakate das Stadtbild, hängen an Straßenlaternen oder prangen auf großen Aufstellern. Doch während es in einem Wahlkampf die politischen Parteien sind, die ihre Slogans derart verbreiten, kämp-fen dieses Mal zwei Initiativen um Un-
terstützung: Es geht um den Volksent-scheid über den Religionsunterricht in der Hauptstadt. Abgestimmt wird darüber, ob es wie bisher beim gemeinsamen verbindlichen Ethikunterricht plus freiwilligem Religionsunterricht bleibt oder ob die Schüler künftig zwischen Ethik und Re-
ligion wählen. Für den Erhalt der bisherigen Regelung kämpft »Pro Ethik«, für eine Änderung des Schulgesetzes »Pro Reli«.
Die Unterstützerschar beider Initiati-
ven ist unübersichtlich und lässt sich we-
der an Parteigrenzen noch an konfessionellen Unterschieden festmachen: Während zum Beispiel die beiden Berliner Regie-
rungsfraktionen SPD und Grüne »Pro Ethik« sind, gibt es in der Bundes-SPD einige Fürsprecher »Pro Reli«, wie Andrea Nah-
les. Und während die evangelische und die katholische Kirche »Pro Reli« angehören, hat sich in der Initiative »Pro Ethik« eine Gruppe »Christen pro Ethik« gebildet.
Auch innerhalb der jüdischen Gemein-
de Berlins ist das Stimmungsbild gespalten – dabei gehört sie offiziell zu den Un-
terstützern der »Pro Reli«-Initiative. So erklärt etwa Jael Botsch-Fitterling, jüdische Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin: »Ethikunterricht ist Werteunterricht: Wer-
te als Grundlage des Zusammenlebens in der Gesellschaft müssen allen Schülern gleichermaßen bekannt sein und im ge-
meinsamen Unterricht geklärt werden, zu-
mal nach sechs Jahren des getrenntem Bekenntnisunterrichts in der Grundschu-
le.« Botsch-Fitterling kritisiert vor allem, dass der Religionsunterricht laut dem Ge-
setzentwurf Bekenntnisunterricht ist: »Als Bekenntnisunterricht aber darf er nicht versetzungsrelevant sein und muss daher in meinen Augen von der jeweiligen Ge-
meinschaft in Eigenverantwortung außerhalb des regulären Unterrichts erfolgen.«
Noch deutlicher formuliert das Rab-
biner Andreas Nachama: »Für mich hat Religionsunterricht grundsätzlich nichts an einer öffentlichen Schule zu suchen.« Er favorisiere das US-amerikanische Mo-
dell von außerschulischem Religionsunter-
richt in einer Sonntagsschule.
Ganz anders sieht das Rabbinerin Gesa Ederberg: »Für mich ist zentral, dass wir mit einer Aussage über den Religions-
unterricht auch eine Aussage über Re-
ligion in der Gesellschaft treffen.« Mitte Januar hat sie am Berliner Alexanderplatz Unterschriften für das Volksbegehren ge-
sammelt und dabei »spannende Diskus-
sionen« geführt, wie sie sich erinnert. Ihre Entscheidung, sich für das Aktionsbünd-
nis zu engagieren, war schnell gefällt: »Aus meiner Zeit als Rabbinerin im bayerischen Weiden kenne ich Religion als or-
dentliches Unterrichtsfach«, sagt sie. »Der jüdische Unterricht, den wir dort zentral von der Gemeinde aus angeboten haben, hat sich in jedem Fall bewährt.«
Für Jael Botsch-Fitterling liegt der Fall in der Hauptstadt anders: Gerade in der multikulturellen Stadt Berlin sei Schule der Ort, in dem alle Heranwachsenden gemeinsam über die ethischen Grundsätze diskutierten, »gelebte Toleranz üben und Achtung vor dem Andersdenkenden lernen«.
Zudem ist in Berlin die gesetzliche Grundlage eine andere: Während in den meisten anderen Bundesländern Religion ein ordentliches Unterrichtsfach ist, greift hier die sogenannte Bremer Klausel: Laut Artikel 141 des Grundgesetzes haben ab-weichende Regelungen zum Religions-
unterricht in den Ländern weiterhin Be-
stand, die bereits vor Inkrafttreten des Grundgesetzes im Mai 1949 galten – dies war in Berlin der Fall. Das Schulgesetz von 1948 legte fest, dass »Religionsunterricht Angelegenheit der Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften« sei, und es sich somit um ein freiwilliges Unter-
richtsangebot handele. Dieses Angebot liegt nicht in der Verantwortung der Schul-
verwaltung, wird aber bei den Personal-
kosten mit bis zu 90 Prozent vom Land Berlin finanziert. Die genaue Höhe der Fi-
nanzierung richtet sich nach der Teilneh-
merzahl. Seit dem Schuljahr 2006/2007 gibt es außerdem in den Klassenstufen 7 bis 10 das Pflichtfach Ethik, in dem alle Schüler weltanschaulich neutral über ge-
meinsame Werte unterrichtet werden.
Doch gerade an der Art und Weise, wie jüdische Themen im Ethikunterricht be-handelt werden, übt Lala Süsskind, Vor-
sitzende der Jüdischen Gemeinde Berlin, Kritik: »Viele Unterrichtsmaterialien zum Judentum sind beispielsweise christlich geprägt und enthalten zweifelhafte bis falsche Darstellungen«, schrieb sie Ende vergangenen Jahres im Berliner Tages-
spiegel.
Da der Religionsunterricht ab Klas-
senstufe 7 derzeit ein freiwilliges Zusatz-
angebot ist, wird er an vielen Schulen in Randstunden angeboten. »Für viele Schüler ist die Belastung mit zwei zusätzlichen Stunden zu hoch«, kom-

mentiert das Rabbinerin Ederberg. Na-
türlich habe sie daher auch die Hoffnung, dass bei einem Erfolg von »Pro Reli« die Teilnehmerzahlen beim Religionsunter-
richt stiegen.
Konkret könne die Gemeinde den Un-
terricht an Schulen mit genügend Interes-
senten direkt im Haus anbieten, ansonsten an zentralen Orten am Nachmittag, so Ederberg. Unabhängig vom Ausgang des Volksentscheids kümmert sie sich seit Kurzem als Koordinatorin »des Religions-
unterrichts außerhalb der Jüdischen Schu-
len« um eine Erweiterung des Angebots: »Wir schreiben gerade alle Eltern mit Kin-
dern im schulpflichtigen Alter an, um sie darüber zu informieren«, berichtet sie.
Wie ein gleichberechtigtes Nebenein-
ander von konfessionell unterschiedlichen Religionsunterrichten und Lebenskunde-
unterricht aussehen könnte, macht die Berliner Grunewaldschule vor – die einzige öffentliche Grundschule der Stadt, die neben evangelischem und katholischem auch jüdischen Religionsunterricht anbietet. Wie bei allen Berliner Grundschulen ist der Religionsunterricht freiwillig, seit 2000 wird er durch einen Lebenskunde-Unterricht ergänzt. »Obwohl das Angebot freiwillig ist, nehmen nahezu hundert Prozent der Kinder daran teil«, be-
richtet Rektor Andreas Grimm. Alle Religionsklassen und der Lebenskundeunterricht fänden immer parallel und nicht in den Randstunden statt: »Das wäre eine inhaltliche Entwertung«,

so Grimm. Die Reli-
gionslehrer, die von den entsprechenden Kirchengemeinden kämen, würden als Teil des Kollegiums angesehen und sprächen sich untereinander ab: »Grund-
sätzlich findet der Unterricht zwar ge-
trennt statt, aber es gibt gemeinsame Pro-
jekte und es werden zusammen Gottes-
häuser, also Kirchen und Synagogen, besucht.«
Doch das ist eben die Ausnahme. In der Stadt wird das Thema jetzt sehr kontrovers diskutiert, kurz vor dem Volksent-scheid schlagen die Wellen hoch – »Nein zum Wahlzwang!« und »Freie Wahl!« lauten die Slogans der beiden Initiativen. Der Volksentscheid wird zeigen, welche Seite die Berlinerinnen und Berliner überzeugen konnte – am kommenden Sonntag wird abgestimmt.

An diesem Donnerstag, 23. April, 19 Uhr, lädt die Jüdische Gemeinde zu Berlin zu einer Podiumsdiskussion »Pro Reli versus Pro Ethik« ein. Im Centrum Judaicum, Oranien-
burger Straße 28-31, Berlin-Mitte, diskutiren: Gesa Ederberg, Rabbinerin der Jüdi-
schen Gemeinde, Christoph Lehmann, Notar und Vorsitzender der Initiative Pro Reli, Devrim-Deniz Nacar, Alevitin, Lehrerin und Politologin, Michael Müller, SPD-Landes- und Fraktionsvorsitzender des Landes Berlin.

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