Makkabi Köln

Pritschen und Bridge

von Benjamin Hammer

Kaum zu glauben, dass dieser Mann gerade in einer Turnhalle in Köln herumspringt. Vor 72 Jahren pritschte Viktor Wellamin zum ersten Mal einen Volleyball. In Prag war das, damals war Viktor zwölf Jahre alt. Es folgten: Flucht vor den Nazis nach Israel, Kampf gegen die Deutschen in Afrika, Rückkehr nach Prag. Und heute quietschen die Turnschuhe des 85-jährigen Tschechen in einer Turnhalle in Köln-Chorweiler.
Makkabi Köln hat eingeladen, acht Mannschaften sind am Sonntag zum Volleyballturnier gekommen. Gleichzeitig veranstalten die Kölner ein Bridge-Turnier in der Synagoge Roonstraße. Das Besondere: Zu Gast sind die jüdischen Teams Hakoah Prag und Maccabi Slovakia. Im Turnier gibt es zwei Wettbewerbe. Auf der einen Seite der Halle ist die Stimmung eher entspannt – hier spielen die Teams mit älteren Teilnehmern. Auf der anderen Seite der Halle geht es verbissener zu. Die Makkabi-Teams aus Köln, Dortmund und Recklinghausen liefern sich hier mit einer nichtjüdischen Mannschaft aus Köln packende Matches.
Wirklich glanzvoll ist der Austragungsort nicht. In Köln-Chorweiler gibt es viele Plattenbauten, manche Leute würden es einen »Problembezirk« nennen. »Wir sind bewusst hierhin gegangen«, sagt Isabella Farkas, Vorsitzende von Makkabi Köln. Rund 750 Mitglieder der Kölner Gemeinde wohnen in Chorweiler, fast alle stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Nächstes Jahr will die Gemeinde hier ein Begegnungszentrum eröffnen.
Wenn sich den Spielern der Ball nähert, dann rufen die meisten nicht »Den hab ich!«, sondern sie sagen das auf Russisch. Ein Großteil der 325 Kölner Makkabi-Mitglieder stammt aus Osteuropa. Durch die Zuwanderung ist der Verein in den letzten Jahren enorm gewachsen. »Wir erreichen auch die jüdischen Leute, die Berührungsängste gegenüber den traditionellen Veranstaltungen der Gemeinde haben«, sagt Farkas. »Makkabi bietet jüdische Identität, und nirgendwo kann die so schnell gebildet werden wie in Sportteams.« Für Farkas ist Makkabi Köln vor allem ein soziales Netzwerk. Manchmal bekommt sie noch nach Mitternacht Anrufe besorgter Eltern: Oft geht es auch um Dinge wie den passenden Arzt oder die richtige Versicherung. Makkabi Köln ist der drittälteste jüdische Sportverein weltweit. Der 1902 gegründete Club wächst weiter und schaut zuversichtlich in die Zukunft: Die meisten Mitglieder sind unter 26 Jahre alt. »Die Tradi- tion von Makkabi wird weiterleben«, sagt Farkas.
Die Tradition lebt heute auch in der Synagoge Roonstraße. Beim Bridge-Turnier ist die Stimmung jedoch völlig anders. Kaffee und Kuchen statt Sportdrinks, viele feine Damen und der Duft ihres Parfums statt Sporthallenluft. Bridge ist ein Kartenspiel, die meisten Turnierteilnehmer sind etwas älter. »Bridge ist irgendwie ein Sport, aber eigentlich auch wieder kein Sport«, sagt Fela Lehrer, mit 83 eine der ältesten Spielerinnen. »Für mich ist das ein gutes Gehirntraining«, sagt die Mutter des Gemeindevorstands Ebi Lehrer. »Man bewegt damit die grauen Zellen.«
Zurück in Chorweiler, letztes Spiel, Köln gegen Recklinghausen. Die Mannschaften sind angespannt, es geht um alles. Das nichtjüdische Team aus Köln bleibt chancenlos, den Sieg machen die Makkabi-Mannschaften heute unter sich aus – und das denkbar knapp. Am Ende haben Köln, Dortmund und Recklinghausen gleich viele Punkte. Weil die Kölner aber ein besseres Satzverhältnis aufweisen, gewinnen sie das Turnier in ihrer Heimatstadt. Zweiter wird Dortmund, dahinter kommt Recklinghausen. »Hier zu ge- winnen ist besonders schön«, sagt Ilya Yusufov von Makkabi Köln. Ob er mit dem Sieg gerechnet habe? »Wenn wir spielen, dann wollen wir immer den ersten Platz kriegen«, so die selbstbewusste Antwort des Kölners. Zweimal pro Woche trainiert das Volleyball-Team.
Im zweiten Wettbewerb gewinnen die zwei nichtjüdischen Mannschaften vor Hakoah Prag und Maccabi Slovakia. Besonders die Slowaken nehmen das mit Humor und jubeln am lautesten über ihren vierten Platz. »Wir fühlen uns sehr wohl in Köln«, sagt Dagmar Gavornikova, Präsidentin von Maccabi Slovakia. Vier Tage verbringen die Gäste in Köln. Die Kölner feiern mit den Gästen Kabbalat Schabbat, zeigen ihnen Aachen und Brüssel. Nächstes Jahr wollen die Slowaken die Kölner nach Bratislava einladen.
Es ist schon ein seltsames Gefühl, in dieser Turnhalle zu sitzen und dem alten Viktor Wellamin zu lauschen. Die Turnschuhe der anderen quietschen im Hintergrund, und Wellamin erzählt vom Zweiten Weltkrieg, wie er auf eine Mine trat, wie sie seinen Arm zerfetzte. Das passt eigentlich nicht zusammen. Doch der Mann lächelt. Dann steht er auf und spielt weiter. Das muss er sein, der jüdische Sportsgeist der Makkabi-Familie.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026