Soziale Frage

Prekarianer? Proletarier!

von Moritz Neumann

Früher, als Lehrlinge noch Lehrlinge geheißen wurden und nicht Azubis, als man Arbeitnehmer noch Arbeiter nannte, früher, als um soziale Errungenschaften noch erbittert gekämpft werden musste und man darunter mehr verstand als bloße Lohn- und Gehaltserhöhungen, früher, als alles, was »sozial« geheißen wurde, sogleich verdächtig nach »links« roch, da gab es die soziale Frage noch. Nicht etwa, dass es sie heute nicht mehr gäbe. Nur wird sie inzwischen verschämt verborgen. Sprache ist verräterisch. Wenn sie neue Worte erfindet, um alte Zustände erträglicher zu machen, dann sollten wir zumindest ein wenig wachsam sein.
Eine große Errungenschaft war es gewiss nie, Bezieher von Sozialhilfeleistungen des Staates zu sein. Aber es war eine großartige Leistung der Solidargemeinschaft, jene mit einem Minimum an Lebensfähigkeit zu versorgen, die zu Zilles Zeiten wahrhaft Hungerleider waren. Heute nennt man diese Menschen, die ohne Hilfe der Steuerzahler kein trockenes Brot kaufen könnten, Hartz-IV-Empfänger, was auch nicht wie eine besondere Auszeichnung klingt. Aber diese Technokraten-Formel ist noch Gold gegen jenes Wort, das heutzutage gebraucht wird, um den Begriff von den alten Schmuddelkindern abzulösen: das Prekariat.
Von welchem Hornochsen mögen, um alles in der Welt, die Erfinder dieses Begriffs geritten sein, wenn sie glauben, mit einer solchen soziologisch-sprachlichen Neuschöpfung das Wort vom alten Proletariat ablösen zu können? Man stelle sich nur mal vor: Es kommt der 1. Mai, und die Massen skandieren: »Prekarianer aller Länder, vereinigt euch!« Lacherfolg garantiert. Apropos 1. Mai. Den gibt es tatsächlich immer noch. Es konnte diesem internationalen Feiertag der Arbeiter nicht einmal etwas anhaben, dass die Nazis ihn missbrauchten. Der 1. Mai, das war der Tag, an dem die organisierten Arbeiter auf die Straße gingen, um für Gleichheit und Freiheit zu demonstrieren, für Frauenwahlrecht und das Recht, auch mal Ferien genießen zu dürfen. Für allgemeine Werte also, für gesellschaftspolitische Errungenschaften. Wenn heute 1. Mai ist und die Sonne scheint, strömt alles in die Biergärten. Und weil in diesem Jahr der 1. Mai auch noch auf den Himmelfahrtstag fällt, den man in Deutschland »Vatertag« nennt, lässt sich erahnen, dass die Zahl der Bierleichen die der Teilnehmer an den Gewerkschaftsumzügen wohl deutlich übersteigen wird.
Was ist geschehen? Ist der sozialen Bewegung die Klientel abhanden gekommen? Oder hat die soziale Bewegung etwa noch gar nicht gemerkt, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt? Was soll das heißen, rufen jetzt empört die Gewerkschaften, gibt es uns etwa nicht? Was soll das heißen, rufen erzürnt die Sozialdemokraten, führen wir nicht etwa die begriffliche Verpflichtung sogar in unserem Namen mit? Und ganz hinten, am Ende der Fahnenstange, macht auch noch Oskar Lafontaine verzweifelt auf sich aufmerksam, der neue Ober-Sozialist. Na, dann ist ja gut, alles in Butter. Die soziale Frage ist in vertrauten Händen.
Auch die rabbinischen Lehrer werden ja nicht müde, uns daran zu erinnern, dass die irdische Existenz uns alltäglich soziale Verpflichtungen gegenüber dem Nächsten auferlegt. Tatsächlich ist das Judentum eine soziale Religion, und nicht von ungefähr ha- ben sich der Rabbiner-Enkel Karl Marx aus Trier oder der jüdische Kaufmannssohn Ferdinand Lasalle aus Breslau ihre hervorragenden Plätze als Gründerväter der Arbeiterbewegung gesichert – ob’s manchem Sozialisten passt oder nicht.
Nun leben wir ja in einer globalisierten Welt. Unsere Wirtschaft lagert Produktionen aus, die anderswo billiger zu haben sind, Firmen hierzulande entlassen daraufhin Personal, das sich bei Hartz IV respektive dem Prekariat anmelden darf, um wenigstens irgendwo unterzukommen. Wenn mal ein Fall von Kinderarbeit (früher nannte man das Sklaverei) aus Indien publik wird, sind wir 48 Stunden lang ganz empört. Das ist schließlich auch eine Frage von Anstand und Moral. Nachdem wir zwei Tage abstinent waren, überkommt uns wieder diese wohlige Schwäche. Dann kaufen wir diese beiden Poloshirts im Partnerlook, die garantiert eher von Kindern in Südostasien als im bayerischen Wald produziert wurden. Man gönnt sich ja sonst nichts.
So ist das nun mal: Moral ist die eine Sache und Politik eine andere. Dann wäre da noch, drittens, das wirkliche Leben. Das sieht mitunter so aus: Da mir die deutschen Arbeiter zu teuer sind, lasse ich mein Auto von Luigi, dem Italiener, reparieren und nehme für die Sanierung des Badezimmers wieder Janek aus Polen, weil der doch neulich so ordentlich tapeziert hat. Wenn’s sein muss, geht es auch mal ohne Rechnung.
Wie ich über die soziale Frage denke? Na, ich bitte Sie. Da denke ich immer dran. Aber uns geht es doch noch ganz gut. Da sollte man dem Italiener und dem Polen auch mal was zukommen lassen. Man hat ja auch so seine übergeordneten Verpflichtungen. Europa als Ganzes eben. Ach ja, einen schönen 1. Mai wünsche ich.

Der Autor ist Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen und Direktoriumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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