Premiere

Preisverdächtig

Wer am Tag der Lesung von Amos Oz im Literaturhaus am Salvatorplatz noch eine Karte reservieren wollte, hörte, dass die Veranstaltung der Literaturhandlung in Zusammenarbeit mit der B’nai-B’rith-Loge völlig ausverkauft war. Das hatte allerdings wenig mit der Nominierung des israelischen Schriftstellers für den Literatur-Nobelpreis zu tun. Amos Oz ist in München immer ein gern gehörter Gast. Dennoch kreisten schon vor dem Veranstaltungsbeginn die Gespräche um den bis zur Bekanntgabe international heiß gehandelten Favoriten Oz.
Glückwünsche konnten die Lesungsbesucher an diesem Abend dennoch entbieten: an Rachel Salamander. Die »Literaturhändlerin«, wie sie sich auf Grund ihrer vielseitigen Tätigkeit selbst gern nennt, hatte nur wenige Tage zuvor das Bundesverdienstkreuz erhalten. Im Mittelpunkt des Abends stand das neue Buch von Amos Oz »Geschichten aus Tel Ilan«, erschienen im Suhrkamp Verlag. Die Lesung zog alle in ihren Bann. Tel Ilan ist ein fiktiver, kleiner Ort irgendwo im nördlichen Israel. Umgeben von Weinbergen und Olivenbäumen erinnert hier noch manches an die Gründergeneration. Amos Oz erzählt von den Einwohnern dieses kleinen Kosmos, von ihren unerfüllten Sehnsüchten, ihrem Scheitern. Er zeigt Menschen, die zwischen dem, was hätte sein können und dem, was nie sein wird, ihr Leben führen.

kunst Zunächst führte Amos Oz kurz in sein Buch und dessen Intention ein. Nachdem er selbst ein Stück in Iwrith gelesenen hatte, gehörte der Abend dem gesprochenen Wort: Den deutschen Text las der Schauspieler und Künstler Stefan Hunstein. Das Wort »lesen« trifft dabei allerdings nur die Technik. Hunstein verlieh dem Geschehen Leben, ließ die Personen, ja sogar das Ambiente des Geschehens vor dem geistigen Auge der Zuhörer lebendig, fast greifbar werden. Wer bei der Lesung einen Blick auf den Autor warf, bemerkte, dass Amos Oz, der kein Deutsch spricht, den Text im Buch verfolgte. In seiner Mimik spiegelten sich die Gefühle der jeweils agierenden Personen. Eine der Besucherinnen sprach ihn darauf an. Die Antwort von Amos Oz: Die Vorstellung seines neuen Werks sei nicht nur eine Premiere in der Form, dass das Buch erstmals in seiner deutschen Übersetzung vorgestellt werde. Es sei weltweit auch das erste Mal, dass er eine Lesung daraus höre. Literatur habe eine eigene Sprachintonation, eine Musik – und deren Töne und deren Klang habe er an diesem Abend in ganz besonderer Weise erlebt. Auf diese Art habe er die Lesung auch inhaltlich verstehen können, ohne die deutsche Sprache zu kennen. Seine Begeisterung war groß und sein Dank galt dafür zwei Personen: Stefan Hunstein, der den Text so eindrucksvoll gelesen hat, und Mirjam Pressler, die für die kongeniale Übersetzung ins Deutsche gesorgt hat. »Ich kann der Musik des Textes folgen«, sagte Oz. Der Inhalt des Buches berührt in erster Linie menschliche Situationen, das Zusammenleben, Enttäuschungen, Hoffnungen, den Wandel im Laufe eines Lebens. So kam auch das Alter des Dörfchens Tel Ilan zustande, das sich in dieser Zeitspanne über einige Generationen erstreckt. Eigentlich könnten die Personen überall leben. Dass sie es in Israel tun, liegt in erster Linie daran, dass der Autor auch dort lebt. Die erste Frage einer Besucherin galt aber der politischen Situation in Israel. Bei einem Alter von hundert Jahren müssten doch zuvor Araber an dieser Stelle gewohnt haben. Obwohl Amos Oz bereits zu Anfang erklärt hatte, nicht über Politik, sondern über Literatur sprechen zu wollen, antwortete er sachlich und knapp: Er verwies auf die Tatsache, dass vor hundert Jahren weite Gebiete des damaligen Palästina und heutigen Israel zum einen unbesiedelt waren. Zudem habe das Land damals zunächst zum Osmanischen Reich und dann zum Britischen Mandatsgebiet gehört.

fiktion Was den lokalen Bezug betrifft, so war für Amos Oz wesentlich wichtiger, dass gerade mit diesem ganz konkreten Bezug das allgemein Gültige zum Tragen komme: »Je lokaler Literatur ist, umso universaler kann sie sein«, sagte er. Als Zeugen aus der Weltliteratur dafür benannte er unter anderen William Faulkner. Universal Gültiges sei immer auch lokal.
Er hoffe, dass die Zuhörer in dem vorgelesenen Kapitel »Graben« das kleine Kind in dem alten Mann mochten. Menschen wie ihn mit Enttäuschungen, Überzeugungen und Eigenheiten könne man überall finden. Gerade adurch die lokalen Bezüge des fiktiven ehemaligen Knesset-Abgeordneten Pessach Kedem hat Amos Oz die Wesenszüge herausgearbeitet.

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