Wahl zur Repräsentantenversammlung

Positionen und Personen

Am kommenden Sonntag wird eine neue Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt. Rund 9.700 Gemeindemitglieder sind stimmberechtigt. Zur Wahl stehen 63 Kandidaten, von denen sich 58 in vier Wahlbündnissen zusammengeschlossen haben: »Atid« (Lala Süsskind, Benno Bleiberg, Tuvia Schlesinger u.a.), »Hillel« (Gideon Joffe, Sergey Lagodinsky, Sarah Singer u.a.), »Neue Namen« (Yael Frankfurt, Michail Kantor, Ilja Zofin u.a.) und »Tachles« (Arkadi Schneiderman, Udo Hagemann, Ronald Glasberg u.a.). Fünf Kandidaten treten als Einzelbewerber an: Jael Botsch-Fitterling, Alexander Brenner, Natan Del, Josef Eljaschewitsch und Jacob Sternberg. Was unterscheidet die Gruppen, wie haben sie ihren Wahlkampf finanziert, was sind die großen Herausforderungen und, wer soll in Zukunft an der Spitze der Gemeinde stehen? Detlef David Kauschke hat die vier Bündisse befragt.

Was sind die größten Herausforderungen, denen sich die Jüdische Gemeinde zu Berlin in den kommenden Jahren stellen muss – und wie wollen Sie diese Aufgaben meistern?
atid: Das gute Ansehen unserer Jüdischen Gemeinde muss unbedingt wiederhergestellt werden. Die Verringerung des Haushaltsdefizits als auch das Rentenproblem müssen um-
gehend gelöst werden, um sowohl den Mitarbeitern als auch den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wieder Vertrauen in ihre Zukunft zu geben. Die Einheitsgemeinde muss auch künftig gewahrt bleiben.
hillel: Es gibt zwei große Problemgruppen, die sich von der Gemeinde immer weiter entfernen: Erstens die Jugend. Zweites die Steuerzahler. Die Lösung für beide Problemgruppen sieht Hillel vor allem in einem hoch-
wertigen jüdischen Bildungs- und Freizeitangebot: deutsch-englisches Schulsystem, jüdische Musikschule etc. Dann werden auch Steuerzahler im Interesse ihrer Kinder gern ihrer sozialen Pflicht nachkommen.
neue namen: Wir wollen die Leitung der Gemeinde reformieren, eine vernünftigere und ausgewogenere Finanzpolitik durchsetzen, die Löcher im Gemeindeetat stopfen. Zudem wollen wir den verlorenen politischen Einfluss der Jüdischen Gemeinde zurückgewinnen. Sie soll attraktiver für alle in Berlin lebenden Juden werden.
tachles: Einhaltung der Wahlversprechen: aktive Arbeit – statt leerer Reden; Realisierbare Ziele – statt populistischer Lösungen; Sanierung der Finanzen – statt Misswirtschaft; Sparsamkeit – statt Verschwendung der Gemeindevermögen; Demokratie – statt Diktatur; Glasnost – statt Zensur; Stärke durch eine starke Gemeinde – statt Spaltungstendenzen.

Was unterscheidet Ihre Gruppierung von den anderen Wahlbündnissen und Einzelkandidaten?
atid: Wir sind keine vor den Wahlen zusam-
mengewürfelte Gruppe, sondern arbeiten seit zwei Jahren darauf hin, qualitative und satzungsgemäße Gemeindepolitik zu betreiben. Wir werden auch nach den Wahlen bestehen bleiben und andere zum Mitmachen einladen.
hillel: Hillel ist das einzige Bündnis mit einem Wahlprogramm. Ganz klar zeigt das Programm mehr als 10 große abgeschlossene Projekte von Gideon Joffe aus den letzten zwei Jahren. Es nennt 18 weitere konkrete Projekte für die nächsten vier Jahre.
neue namen: Die Mitglieder unserer Gruppe sind vor allem junge und erfolgreiche Menschen, die sich noch nie zur Wahl gestellt haben. Kein Mitglied unserer Gruppe war in die Skandale verwickelt, die unsere Gemeinde in den letzten vier Jahren erschüttert haben.
tachles: Wir sind nicht aus dem Nichts gekommen, wie zum Beispiel »Neue Namen«. Fünf von uns arbeiten bereits seit fast vier Jahren in der RV zusammen. Wir wissen über die Missstände in der Gemeinde Bescheid und wissen, was getan werden muss.

Wer soll die Gemeinde zukünftig als Vorsitzende oder Vorsitzender führen?
atid: Ganz eindeutig Lala Süsskind! Sie wird sich unter ihren Mitstreitern ein Kompetenzteam auswählen. Die Stimmung im Wahlkampf bestärkt uns eindeutig, dass ATID eine gestaltende Mehrheit bekommt.
hillel: Wer schon im Wahlkampf ständig andere Kandidaten angreift, wird später auch in der RV weiter streiten. Ein Vorsitzender sollte immer sachlich bleiben können, so wie Gideon Joffe.
neue namen: Zuverlässige Prognosen sind schwer abzugeben. Wir glauben, es wird jemand von der Liste sein, die die meisten Wählerstimmen erhält.
tachles: Tachles hat mehr als einen Kandidaten, der diese Aufgabe übernehmen kann.
Zuerst sollten wir aber die Wahlen hinter uns bringen. Dann wird es eine demokratische Entscheidung über den Vorsitzenden geben.

Mit Handzetteln, Briefsendungen, In-
ternetauftritten, Fernsehwerbung und Veranstaltungen scheinen die Kosten des diesjährigen Wahlkampfes sehr hoch zu sein. Was gibt Ihr Bündnis für die Kampagne aus, und wie wird das finanziert?
atid: Der Großteil der Kosten wird von den Mitgliedern des Wahlbündnisses getragen. Darüber hinaus können wir großzügige Spenden verzeichnen. Außerdem haben wir für die Kampagne Dienstleister gewinnen können.
hillel: Die Kosten des Wahlkampfes liegen im unteren fünfstelligen Bereich. Sie werden von engagierten Mitgliedern getragen, denen das Wohl der Gemeinde sehr am Herzen liegt. Wichtige Helfer sind auch die zahlreichen Ehrenamtlichen.
neue namen: Wir finanzieren unsere Wahlkampagne aus eigenen Mitteln.
tachles: Jeder Tachles-Kandidat hat 50 Euro in die Wahlkasse eingezahlt. Davon wurde alles bezahlt. Im Unterschied zu anderen Blöcken machen wir keine teure Werbung, sondern sammeln lieber Spenden für bedürftige Mitglieder der Gemeinde.

Wie stellen Sie sich die Gemeinde in zehn Jahren vor?
atid: Wir erhoffen uns für alle Synagogen den gewünschten Rabbiner. Wir wünschen uns für Kindergarten und Schule die notwendige Ausstattung und vor allem viele Kinder in der Gemeinde, die diese auch nutzen.
hillel: Im Beit Hillel (Haus Hillels) sind Synagogen, Seniorenheime, Kindergärten oder auch Schulen bis auf den letzten Platz gefüllt. Dank der engagierten Direktorin ist es bei der Oberschule bereits heute schon so weit.
neue namen: Wir haben eine Vision von unserer Gemeinde, die sich in den nächsten zehn Jahren zu einer geschlossenen, aufblühenden und attraktiven Gemeinde entwi-ckeln soll. Sie soll zum Anziehungspunkt für alle westeuropäischen Juden werden.
tachles: Die Einheitsgemeinde existiert noch und wird nicht von Immobilienclans samt Gefolgschaft, sondern nur von anständigen Leuten geleitet, die sich nicht an die Macht drängen, um ihre Interessen und Ambitionen, Ehrgeiz und Eitelkeiten zu befriedigen.

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