Untergrundradio-Kultur

Piraten im Äther

von Indra Kley

Ständig übergeben mussten sie sich in den ersten Tagen, dort draußen auf dem Meer, vor der Küste Tel Avivs. Die Wellen schaukelten heftig. So heftig, dass sie die gesamte Ausrüstung mit Klebeband fixieren mussten, »sogar den Anspitzer«. Heute hat Baruch Gordon ein modernes Studio in Bet El, einer Siedlung östlich von Ramallah. Der einst auf einem Schiff beheimatete Piratensender »Arutz Scheva« (Kanal Sieben), dessen englischen Dienst Gordon leitet, ist an Land gegangen. 2003 hat die neben Abie Nathans »Voice of Peace« wohl bekannteste illegale Rundfunkstation Israels ihren Kampf gegen die Behörden verloren – und ist seitdem nur noch im Internet zu hören. Dabei ist die Zahl der Piratensender im Land heute größer denn je.
»Rund 300 Stationen, die ohne Lizenz übertragen, habe ich von 1995 bis heute erfasst«, sagt Professor Yehiel Limor, Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft am Ariel Universitätszentrum von Samaria, der kürzlich das Buch »Pirate Radio in Israel« veröffentlicht hat. Heute seien jeden Tag etwa fünfzig Piratensender »on air«. »In den meisten Fällen werden diese von den Behörden toleriert, solange sie nicht den Funkverkehr von Flugzeugen und der Armee stören.«
Laut Limor handelt es sich bei den meisten Piratensendern um kleine kommerzielle Kanäle, die lokal ausgestrahlt werden. »Oft stecken junge Freiwillige dahinter, häufig angehende Techniker, die zu Hause mal ihren eigenen Sender basteln wollen.« Den Behörden seien diese Piratensender häufig nicht einmal bekannt, weil ihre Reichweite zu gering ist. Eine zweite Gruppe bilden die ideologischen, also politisch oder religiös motivierten, Sender. »Es gibt zurzeit circa 10 bis 15 Stationen, die mit der sefardisch-religiösen Schas-Partei verbunden sind«, sagt Limor – der Partei, der auch Kommunikationsminister Ariel Atias angehört.
»Voice of Peace« und »Arutz Scheva« –nach dem jüdischen Untergrundfunk während der britischen Mandatszeit »die beiden ersten richtigen Piratensender in Israel«, sagt Limor, hatten ebenfalls eine eindeutige politische Botschaft. Abie Nathan ging im Mai 1973 vor der Küste Israels auf Sendung, um den Frieden im Nahen Osten zu fördern. Nach der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens 1993 versenkte er sein Schiff, die MV Peace. Die Absicht von »Arutz Scheva«, dem Sender, der 1988 von Siedlern aus dem Westjordanland gegründet wurde, war eine ganz andere: »Wir wollten eine jüdische Stimme, eine israelische Stimme schaffen mit zu Hause gewachsener, blau-weißer Musik«, sagt Baruch Gordon. Der staatliche Rundfunk sei »extrem links« gewesen und habe nur den USA nach dem Mund geredet. »Wir fanden, dass eine Demokratie so viele offene Mikrofone wie möglich braucht.« Das Mikrofon von »Arutz Scheva« wurde vor fünf Jahren geschlossen. Seitdem konzentrieren sich die Macher auf ihr Internetradio und -fernsehen, auf ihre eigene Zeitung »B‘Scheva« sowie auf die englische Nachrichten-Website.
»Ein paar Piratensender sind ins Internet abgewandert, weil sie dort keine Lizenz brauchen«, sagt Professor Limor. »Manche nutzen das Netz aber auch einfach, um auf ihren Piratensender aufmerksam zu machen.« Nicht immer erreichen sie damit nur den Hörer, sondern manchmal auch die Behörden. »Jemanden zu stoppen, der keine Lizenz hat, kann eine Stunde, Tage oder auch Jahre dauern«, sagt Haim Mazar vom israelischen Kommunikationsministerium. »Es hängt davon ab, ob und wie wir von der Existenz des Senders erfahren.« Im vergangenen Jahr hat die Behörde laut Mazar rund 230 Sender geschlossen. Neben der Störung des Funkverkehrs gebe es auch ein kommerzielles Problem: »Die Piratensender nehmen den lizenzierten Stationen, die Gebühren be-zahlen, die Werbung weg.« Wie viele dieser schwarzen Kanäle es nach Meinung des Kommunikationsministeriums gibt, beziffert Mazar nicht näher. »Eigentlich muss ich sagen, dass wir null Piratensender haben. Aber praktisch glaube ich schon, dass es welche gibt.«
Experte Yehiel Limor rechnet nicht damit, dass die Anzahl israelischer Piratensender bald sinken wird – eher wird es sich schon andersherum verhalten. »Die technische Ausrüstung, die man braucht, ist extrem billig geworden. Und solange die Nachfrage nach mehr Musik da ist, es unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse gibt und die Behörden nicht durchgreifen, wird sich nichts ändern.«
Auch Baruch Gordon blickt optimistisch in die Zukunft: »Arutz Scheva« will auf jeden Fall wieder terrestrisch senden. »Und wir glauben, dass wir nicht mehr weit davon entfernt sind. Denn durch die aktuellen Entwicklungen im Land kommen mehr und mehr Leute zu uns, der authentischen jüdischen Stimme, zurück.«

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