krisenfest

Pilgerbusiness

Die weltweite Finanzkrise kann den chassidischen Pilgerströmen ans Grab des Rabbi Nachman in der Ukraine nichts anhaben. Im Gegenteil: 25.000 Juden, einige Tausend mehr als in den Jahren zuvor, haben am Wochenende in der südukrainischen Kleinstadt Uman ausgelassen Rosch Haschana gefeiert. Die meisten hätten ihren Aufenthalt allerdings auf vier bis fünf Tage beschränkt, meldeten ukrainische Medien. In früheren Jahren hielten sich die Pilger teilweise bis zu zwei Wochen in Uman auf. Neben Besuchern aus Israel waren auch Ultraorthodoxe aus den USA und Kanada, Frankreich und Osteuropa gekommen.
Aus Angst vor Anschlägen waren rund um das Grab des Wunderrabbis wieder ganze Straßenzüge von ukrainischen und israelischen Sicherheitskräften abgeriegelt worden. Nur Pilger wurden in die Puschkinstraße durchgelassen, in der sich die Synagoge mit dem Grabkomplex befindet. Religiöse Lieder schallten aus Lautsprechern, Straßenhändler boten Schriften und Schmuck, Bagels, Pizza und erstmals sogar koscheres Sushi an.
Mit Dutzenden Sonderflügen waren die Pilger in die Ukraine gekommen, um ihrem geistigen Lehrer, Rabbi Nachman von Bratzlaw (1772-1810), nahe zu sein. Kurz vor seinem Tod hatte der Rabbi, ein Urenkel des Baal Schem Tov, seinen Schülern aufgetragen, jedes Jahr an Rosch Haschana an sein Grab zu pilgern. Seit dem Zerfall der Sowjetunion folgen Zehntausende diesem Ruf. Und das offenbar auch unter erschwerten Bedingungen.

betteln Israelische Zeitungen berichten, aufgrund der Krise hätten jüdische Sponsoren weniger Freiflüge nach Uman spendiert als in den Jahren zuvor. Mittellose Pilger hätten deshalb sogar im Tel Aviver Flughafen gebettelt, um Geld für die Tickets zusammenzubekommen. In der Tat stammen viele Besucher aus ärmlichen Verhältnissen. Einige machen sich buchstäblich nur mit ein paar Dollar in den Taschen auf den Weg. Doch die Hilfsbereitschaft unter den Chassiden ist groß.
Das bekommt auch der 19-jährige Eran aus Bnei Berak zu spüren, der inmitten der betenden und singenden Massen in der Puschkinstraße Geld für sein Rückflug- ticket sammelt: »Die 600 Dollar habe ich schon fast zusammen«, freut er sich. Verpflegen kann sich der junge Mann, der mit zwölf Freunden in die Ukraine geflogen ist, in einer der zahlreichen kostenlosen Kantinen, die hungrige Pilger dreimal am Tag mit koscherem Essen versorgen. Die meisten Rationen wurden von jüdischen Organisationen aus den USA und Israel gespendet und direkt aus Flugzeug-Containern heraus verteilt. Eine willkommene Hilfe, denn die Reise in die Südukraine ist kein billiges Unterfangen: Neben den Flugtickets müssen die Frommen auch noch den Bustransfer ins 200 Kilometer südlich von Kiew gelegene Uman bezahlen. Eine einfache Pritsche in einer zum Schlafsaal umfunktionierten Privatwohnung schlägt mit weiteren 15 bis 25 Dollar pro Nacht zu Buche.

geschäfte Zahlungskräftige Pilger werden von den geschäftstüchtigen Einheimischen noch stärker zur Kasse gebeten: Vier Übernachtungen in einem Plattenbau in Sichtweite des berühmten Grabes können zu Rosch Haschana schnell 200 bis 300 Dollar kosten, berichtete die ukrainische Tageszeitung Segodnja. Auch örtliche Restaurants und die Lebensmittel auf den Märkten seien während der Feiertage deutlich teurer als sonst. Erfahrene Uman-Reisende haben daher koschere Konserven im Gepäck und verpflegen sich selbst. Doch die Pilger sind nicht hergekommen, um sich über solche Kleinigkeiten zu ärgern. Sie wollen beten am Grab des Rabbi Nachman und tanzen – »ekstatische Freudentänze«, wie Nachbarn bemerken.
Die Einheimischen begegnen der jährlichen Invasion mit herzlichem Unverständnis. Viele betrachten die orthodoxen Juden misstrauisch, freuen sich aber über die Verdienstmöglichkeiten in der wirtschaftlich überaus schwachen Region. Wohnungsbesitzer ziehen in diesen Septembertagen traditionell in ihre Garagen oder gleich zu Verwandten in die Umgebung, um auch noch die letzte Kammer vermieten zu können.
Im Gespräch mit Reportern der Boulevardzeitung Fakty beschwerte sich ein Rentner, die Juden raubten ihm die Ruhe: »Sie singen und tanzen bis spät in die Nacht – und ich kann nicht schlafen.« Ein Vermieter ereiferte sich darüber, dass einige Juden einen Hammel auf seinem Hof geschlachtet und anschließend auf dem Balkon gegrillt hätten. Trotz der großen Menschenmenge verlief das Pilgertreffen weitgehend friedlich – von Diebstählen und kleineren Handgreiflichkeiten abgesehen. Und auch im kommenden Jahr wird sich daran voraussichtlich nichts ändern. Schließlich gelten die Bratzlawer nach Chabad als die am schnellsten wachsende chassidische Gruppe. Und wer einmal da war, bringt beim nächsten Mal ein paar Freunde mit. Dann jährt sich zudem Rabbi Nachmans Tod zum 200. Mal. Gute Aussichten für ein weiteres Rekord-Pilgerjahr – und das mitten in Krisenzeiten.

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